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Doppelmord-Prozess Das Deckmäntelchen namens Ehre

2. Teil: "Morde hätten verhindert werden können"

"Diese Morde hätten verhindert werden können" - ein Satz, den seit dem 9. März viele gesagt haben. Auch die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter. Denn der in den Niederlanden gemeldete Türke war schon seit dem 15. Februar 2007 per Haftbefehl gesucht worden - also Wochen vor der Bluttat. Der Vorwurf damals: Der 39-Jährige soll seine Schwägerin vergewaltigt haben.

Heute erinnert sich Rechtsanwältin Celebi mit Grauen an den 9. März, den Tag der Morde: "Wir hatten nicht damit gerechnet, dass er vor Gericht erscheint, weil wir gehört hatten, er sei in Holland", sagt Celebi. Doch Erol P. erschien im Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt, wo ein Familienrichter das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder regeln sollte.

Die Verhandlung hätte einen Schlusspunkt unter eine misslungene Beziehung setzen sollen, vor allem für die inzwischen völlig verängstigte Rukiye P. Ihre Ehe mit Erol P. war in der Türkei von den Eltern und Verwandten arrangiert worden, als sie 15 Jahre alt war. Es hatte Rukiye P. große Überwindung gekostet, sich vor vier Jahren von ihrem brutalen Ehemann zu trennen. Sie ahnte wohl, dass er ihr das Leben zur Hölle machen wird. Und er tat es. Mit Gewalt zwang er sie, weiterhin mit ihm zusammenzuleben. Seit Juni 2006 dann lebte sie endlich allein mit den Kindern. Aber er verfolgte sie, manchmal rund um die Uhr, fing sie ab, bedrängte sie, schlug auf sie ein. Immer wieder suchte die 38-Jährige Schutz in Frauenhäusern.

Trotz Haftbefehl lässt der Richter Erol P. gehen

In der Sorgerechtsverhandlung habe Erol P. ruhig im Gerichtssaal gesessen, erinnert sich die Düsseldorfer Juristin. "Er machte fast einen seriösen Eindruck." Offenbar gab er sich Mühe, denn neben dem Sorgerecht ging es auch um das Gewaltschutzgesetz. "Wir haben den Antrag gestellt, dass er sich meiner Mandantin nicht auf 500 Meter nähern, sie nicht mehr anrufen darf und vor allem aufhören soll, sie zu beschimpfen und zu schlagen. Das volle Programm eben", so Celebi.

Die Familienrechtlerin legte dem Richter vor Beginn der Anhörung ein Schreiben vor, das belegte, dass gegen Erol P. ein Strafverfahren lief und er per Haftbefehl gesucht wurde. Der Richter versuchte, die Staatsanwaltschaft zu informieren. Doch die zuständige Staatsanwältin war in einer Sitzung. Eine Vertretung bestätigte ihm den Haftbefehl und versprach, die Polizei zu alarmieren. Um 10.30 Uhr eröffnete der Richter die Sitzung. Um 11.30 Uhr verkündete der Richter, am 23. März werde er das Urteil sprechen. Die Polizei war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen.

Rukiye P. und ihre Anwältin gingen schließlich davon aus, dass die Polizei draußen auf Erol P. warten würde, "um den Kindern den Anblick zu ersparen, wie ihr Vater verhaftet wird". Umso größer war ihre Verwunderung darüber, dass er vor dem Justizgebäude in seinen Wagen stieg und davon brauste - als freier Mann.

Gülsen Celebi begleitete daraufhin ihre eingeschüchterte Mandantin zu deren Auto und riet ihr, sofort die Polizei zu rufen, sollte Erol P. vor ihrer Wohnung auftauchen. Rukiye P. lud die Juristin noch auf einen Kaffee zu sich nach Hause ein, doch diese lehnte wegen anschließender Termine ab - es rettete ihr vielleicht das Leben.

Bis zum Ende stolz darauf, die Ex-Frau ermordet zu haben

Dass Rukiye auch Opfer eines Justizskandals ist, wird im Prozess jedoch kein Thema sein. "Das Verfahren wurde eingestellt. Angeblich soll es noch ein Disziplinarverfahren geben - aber wer weiß", sagt Celebi und zieht die Augenbrauen hoch. Die 35-jährige Anwältin vertritt in erster Linie muslimische Frauen. "Ich habe tagtäglich mit gewalttätigen Ehemännern zu tun", sagt Celebi und hofft, dass der "Ehrenmord" von Mönchengladbach den Fokus auf die Frauen lenkt, die ihrer Freiheit beraubt werden und keine Stimme haben. In Schulen, Behörden und Moscheen müsse die Aufklärung über Zwangsheirat, Beschneidung und die gesellschaftliche Ausgrenzung mancher Frauen verbessert werden. "Jeder sollte erfahren, was eine traditionelle Erziehung für junge islamische Mädchen und Frauen bedeutet." Die wenigsten von ihnen können sich alleine aus der Unterdrückung und Demütigung befreien.

Zuletzt hatte ein "Ehrenmord" in München für Fassungslosigkeit gesorgt: Kazim M. hatte wenige Stunden nach der Scheidung seine Ex-Frau Sazan bei lebendigem Leib mit Benzin übergossen und angezündet. Stolz auf seine Tat und ohne einen Funken Reue betonte der 36-jährige Iraker wieder und wieder: "Sie hat es verdient." Er würde es jederzeit wieder tun. Erol P. habe nach dem Mord an seiner Ex-Frau und seiner Tochter ebenfalls keine Reue gezeigt, sagt Celebi.

Ehrenmorde in Deutschland
48 Menschen wurden seit 1996 in Deutschland Opfer von sogenannten "Ehrenmorden" - das ergab im Mai 2006 eine Untersuchung des Bundeskriminalamts (BKA). 36 der Opfer waren Frauen. Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der "aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden".
Die meisten Fälle spielten sich in türkischen Familien ab. Die Täter waren zumeist Väter, Brüder oder Mütter der Opfer. "Blutrache-Delikte", die sich aus ähnlichen Motiven auch gegen nicht verwandte Opfer richten, gingen nicht in die Untersuchung ein.

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