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08.11.2007
 

Finnischer Amokläufer

Pekka-Eric drückte 69-mal ab

Von Markus Flohr

Einen Tag nach der schrecklichen Bluttat von Tuusula kristallisiert sich langsam heraus, was sich wirklich in der Schule zugetragen hat. In 20 Minuten erschoss der Täter Pekka-Eric Auvinen acht Menschen - und am Ende sich selbst.

Am Dienstag saß Pekka-Eric Auvinen aus Tuusula in der Nähe von Helsinki an seinem Computer. Er stellte ein Video ins Internet. In dem Video war zuerst seine Schule in Jokela zu sehen, dann er selbst, mit seiner Waffe: Pekka, wie er mit der Pistole auf einen Apfel schießt. Pekka, wie er auf die Kamera zielt. Pekka, wie er am Ende des Videos in die Kamera winkt. Als wollte er seine Mutter auch noch einmal grüßen.

Pekka-Eric publizierte das Video unter seinem Pseudonym "Sturmgeist89". Er gab dem Film den Namen "Jokela High School Massacre". In den Wochen zuvor hatte er schon Videos auf die Seite gestellt, in denen er unter anderem den beiden Schülern huldigt, die 1999 in den USA in Littleton an der Columbine High School zwölf Schüler und einen Lehrer erschossen hatten.

Bis Mittwochmittag schauten sich rund 200.000 Menschen Pekkas Video an. Dann nahm es YouTube von der Seite. Pekka hatte es den Schülern aus Littleton nachgemacht: Er erschoss fünf seiner Mitschüler, eine Mitschülerin, seine Rektorin und die Schul-Krankenschwester. Am Ende jagte er sich selbst eine Kugel in den Kopf.

Das ganze Land ist im Schockzustand

Als die ersten Nachrichten aus dem Örtchen in der Nähe von Helsinki durchs Internet jagten und über die Bildschirme flimmerten, trauten die Menschen ihren Augen und Ohren nicht. Für Finnland war es, als bräche eine Welt zusammen - so etwas passiert doch nur in den USA, aber nicht an einer Schule im Pisa-Paradies Finnland.

VIDEOS AMOKLAUF

Foto: AFP
Nach dem Amoklauf - Vermutungen über die Motive
Die Menschen sahen hysterische Schüler, die über Straßen in dem kleinen Städtchen flüchteten. Schwer bewaffnete Polizei-Sondereinheiten, maskierte Männer mit Gesichtsschutz. Panzerwagen, die durch das Örtchen rollten. Überall weiß-rote Krankenwagen. Was an der Schule im Ortsteil Jokela passiert ist, sei ein "tiefer Einschnitt" in das sichere Gefühl, das viele Finnen bis gestern hatten, sagte Ministerpräsident Matti Vanhanen - es sei ein "Riss im Empfinden der Gesellschaft".

Die Regierung ließ im ganzen Land auf Halbmast flaggen. Hanno Joensivu, Landrat der Kommune Tuusula, sagte der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter: "Wir sind alle unter Schock. Ich kannte die Rektorin und die Krankenschwester, ich kannte einige Schüler." Man werde lange trauern, "das hier wird lange bei uns bleiben". Die Tageszeitung "Helsingin Sanomat" schrieb: "Das war der schlimmste Tag, den es je an einer finnischen Schule gegeben hat." Allmählich wird das Ausmaß der Wahnsinns-Tat deutlich:

  • Um 11.44 Uhr am Mittwoch bekommt die Polizei den ersten Alarmruf aus der Schule. Nach dem ersten Schuss ruft Rektorin Helena Kalmi über Lautsprecher alle Schüler und Lehrer dazu auf, sich in ihren Klassenräumen zu verbarrikadieren.
  • Pekka-Eric Auvinen beginnt, durch die Schule zu laufen und mit seiner kleinkalibrigen Pistole alles niederzuschießen, was ihm in den Weg kommt. In der Eingangshalle erschießt er vier Mitschüler. Hier stellt sich ihm auch die Schulleiterin in den Weg. Sie will ihn aufhalten, aber sie hat keine Chance. Sie opfert damit ihr Leben. Weil er eine Pistole mit einem relativ kleinen Kaliber hat, muss Pekka-Eric sehr nah an seine Opfer heran gehen, er tötet sie aus unmittelbarer Nähe.
  • Danach scheint er die Schule systematisch durchsucht zu haben, auf der Jagd nach weiteren Opfern.
  • Um 11.55 Uhr kommen erste Autos der Polizei und des Rettungsdiensts zu der Schule. Pekka-Eriv Auvinen rennt durch die Gänge, versucht die verschlossenen Türen einzutreten, feuert wild durch sie hindurch.

  • Im ersten Stock will der Lehrer Kim Kiuru einen Flügel der Schule abriegeln, indem er die Feuertüren schließt. Es gelingt ihm nicht. Auf einmal sieht er Auvinen auf sich zu rennen, mit der Pistole in der Hand. Kiuru flieht. "Das war eine Person, die ich selbst als Schüler hatte. Ein vollkommener Schock", sagt er später der Zeitung "Dagens Nyheter". Seine Schüler muss Kiuru hinter der verschlossenen Tür im Klassenzimmer zurücklassen. "Ich hatte keine Zeit abzuwarten, was passieren würde", sagt der Lehrer am Nachmittag in die Fernsehkamera. Er ringt sichtlich mit der Fassung, schaut immer wieder auf den Boden, fängt einen neuen Satz an, bricht ihn wieder ab. "Ich bin einfach geflohen. Das war eine Panik-Situation."
  • Binnen 20 Minuten feuert Auvinen der Polizei zufolge 69 Schüsse ab. Insgesamt soll er knapp 500 Schuss Munition dabei gehabt haben - 350 Schüler hat die Schule. Auvinen verteilt auch brennbare Flüssigkeit und versucht, sie anzuzünden.
  • Um 12.04 Uhr fällt der letzte Schuss. Pekka-Eric Auvinen jagt sich selbst eine Kugel in den Kopf. Er stirbt aber nicht auf der Stelle - der Rettungswagen bringt ihn noch ins Krankenhaus, wo er am Abend seinen Verletzungen erliegt.

Die Polizei fand bei ihm einen Selbstmord-Brief, über dessen Inhalt sie sich bis jetzt ausschweigt. Das Jokela-Schulzentrum bleibt bis zum Montag geschlossen.

Mit Material von dpa

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