Von Annette Langer
Palermo - Es war ein harter Schlag für die Cosa Nostra: Am vergangenen Montag ging der seit einem Vierteljahrhundert flüchtige Mafia-Boss Salvatore Lo Piccolo der sizilianischen Polizei ins Netz. Unter den aus seinem Besitz beschlagnahmten Papieren entdeckten die Ermittlungsbeamten jetzt einen wahren Schatz: Ein Dokument mit dem Titel "Rechte und Pflichten" offenbart die zehn Gebote der Cosa Nostra - eine Art "Verfassungswerk der ehrenwerten Gesellschaft", wie es die römische Tageszeitung "Il Messaggero" nennt.
Der Leitfaden für Mafiosi wurde in Großbuchstaben auf der Schreibmaschine getippt. Nicht nur die Verschwiegenheit der Organisation soll mit dem Verhaltenskodex gewahrt werden. Ethische Werte wie Treue und Mäßigung werden ebenso angemahnt wie eine intakte Sexualmoral. Unüberhörbar die biblischen Untertöne: "Du sollst nicht begehren deines Freundes Weib" lautet - frei übersetzt - die zweite Vorschrift. Auch von Kneipen- und Clubbesuchen wird dringend abgeraten.
Geradezu skurril der Zusatz zu Punkt fünf der Liste, der den Mafioso verpflichtet, jederzeit einsatzbereit zu sein: Dies gelte auch, "wenn die Frau kurz vor der Entbindung steht", heißt es in dem Papier. Hier hat offenbar die leidige Erfahrung einiger Bosse zu der Disziplinierungsmaßnahme geführt.
Die Forderungen der Führungsspitze sind insgesamt konservativ und geradezu altmodisch: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und unbedingter Gehorsam zeichnen demnach den Soldaten der ehrenwerten Gesellschaft aus.
Auch die Rituale sind offenbar noch immer von gestern. Zusammen mit den zehn Geboten fanden die Ermittler ein kleines Heiligenbild mit dem archaischen Aufnahmeschwur der sizilianischen Mafia darauf: "Ich schwöre, der Cosa Nostra treu zu sein. Wenn ich untreu werden sollte, soll mein Fleisch verbrennen, so wie dieses Bild verbrennt."
Das zehnte und letzte Gebot legt fest, wer auf keinen Fall der Cosa Nostra angehören kann: Dies sind neben Männern, die Angehörige bei den Sicherheitskräften haben, vor allem jene, die sich "schlecht verhalten und sich nicht an moralische Werte halten".
Die sizilianische Cosa Nostra ist bekannt für ihre hierarchische Struktur. Sie zählt geschätzte 5000 Mitglieder und etwa viermal so viele Sympathisanten. Ihr Geschäft sind vor allem der internationale Drogenhandel und Schutzgelderpressung, von der allein in Sizilien 70 Prozent der Unternehmer betroffen sein sollen.
Lo Piccolo war zusammen mit seinem Sohn Sandro und zwei weiteren Mafia-Bossen, Andrea Adamo und Gaspare Pulizzi, im sizilianischen Carini festgenommen worden. Er hatte nach der Verhaftung von Cosa-Nostra-Chef Bernardo Provenzano im vergangenen Jahr vermutlich die Geschäfte des Super-Bosses übernommen.
Der in Mafiakreisen "der Baron" genannte Lo Piccolo wurde bereits 1998 wegen Mordes rechtskräftig verurteilt. Wie der "Corriere della Sera" berichtete, sind noch acht Verfahren gegen ihn anhängig. Er soll vor allem in Sachen Kokainhandel und Schutzgelderpressung aktiv gewesen sein.
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