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19.11.2007
 

Selbstmord eines verhinderten Amokläufers

"Niemand konnte ahnen, dass er sich umbringt"

Bluttat vereitelt, Mitschüler gerettet: Die Polizei konnte am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium einen Amoklauf verhindern - doch der 17-jährige Planer ist tot. Nun werden Vorwürfe laut, die Beamten hätten den Selbstmord des Zwölftklässlers verhindern müssen.

Köln - Die Polizei weist die Vorwürfe strikt zurück, den Suizid des Jugendlichen möglicherweise mitverschuldet zu haben: "Wir haben alles gemacht, was auch im Erlass des Ministeriums steht", sagte ein Sprecher der Kölner Polizei heute. Mitschüler hatten die Schulleitung darauf aufmerksam gemacht, dass Rolf B. möglicherweise für morgen einen Amoklauf plane.

Zwei Polizisten hätten daraufhin im Beisein der Schulleitung mit dem Jugendlichen gesprochen, sagte der Polizeisprecher. "Dabei ergab sich erst einmal ein positives Bild", sagte er. Rolf B. habe sofort zugesagt, Bilder des Columbine-Schulmassakers zu löschen, die er ins Internet gestellt hatte. Als Motiv für die Veröffentlichung der Bilder habe der Teenager angegeben, er habe verhindern wollen, dass so etwas noch einmal geschehen würde. Nach Angaben des Polizeisprechers deutete nichts auf den bevorstehenden Selbstmord hin.

Nach dem Gespräch mit den beiden Beamten und der Schulleitung hatte sich der Schüler auf dem Heimweg vor eine Straßenbahn geworfen. Dabei erlitt er tödliche Verletzungen.

Der Kölner "Express" hatte berichtet, die Polizei habe B. nach der Unterredung "einfach so" nach Hause geschickt. Ein mutmaßlicher Komplize, der 18 Jahre alte Robin G., hatte anschließend zugegeben, sie hätten andere Schüler töten und verletzen wollen.

Die Polizei trifft nach Ansicht des Kriminalpsychologen Rudolf Egg keine Mitschuld am Selbstmord des Schülers. Entsprechende Vorwürfe seien "weit überzogen und unangemessen", sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle von Bund und Ländern in Wiesbaden. Egg sagte, man solle froh sein, dass der Amoklauf des Schülers verhindert worden sei. "Niemand konnte ahnen, dass er sich im nächsten Moment vor die Straßenbahn wirft." Um ihn nach dem Gespräch festzusetzen, hätte die Polizei mehr wissen müssen. "Im Nachhinein ist man immer schlauer", sagte der Kriminalpsychologe. Er verwies darauf, dass auch die Waffen erst bei weiteren Ermittlungen nach dem Tod des Jugendlichen gefunden worden seien.

Die Jugendpsychiaterin Beate Herpertz-Dahlmann ist anderer Meinung. Die Polizei hätten den Jungen nicht "ohne jede Begleitung" nach Hause schicken dürfen, sagte die Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Aachen. Sie sei darüber "sehr erstaunt" gewesen. Stattdessen hätten die Beamten etwa mit dem Schüler in einer Klinik vorstellig werden können, um mit der "akuten Stellungnahme" eines Psychiaters oder Psychologen zu klären, wie es dem Jugendlichen geht. Auf diese Weise wäre möglicherweise eine "tiefergreifende Störung" des Schülers festgestellt worden. "Auf keinen Fall hätte man ihn allein nach Hause fahren lassen dürfen", sagte sie.

"Ich bin einfach nur froh"

NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) lobte das Vorgehen von Schulleitung, Schülern und Polizei: Was die Klassenkameraden getan hätten, "war kein Petzen, sie haben Leben gerettet", sagte die Ministerin. "Ich bin einfach nur froh, dass dadurch alles so glimpflich abgelaufen ist." Sie äußerte jedoch auch Mitgefühl für die Eltern von B., der sich vor einen Zug geworfen hatte. "Das dürfen wir trotz allem nicht vergessen", sagte sie.

Die Schule gilt laut "Kölner Stadt-Anzeiger" als vorbildlich bei der Prävention von Gewalttaten. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist eng: Es gibt anonyme Sprechstunden für Schüler, und für Notfälle stehen Handy-Nummern der zuständigen Beamten zur Verfügung.

Wie gefährlich die beiden Teenager tatsächlich waren, müssen die Ermittlungen zeigen. Bei Durchsuchungen in den Wohnungen von Rolf B. und Robin G. entdeckten die Fahnder zwei Armbrüste mit 16 Pfeilen und mehrere Softair-Waffen. Außerdem sollen sich die beiden Teenager darüber informiert haben, wie man Rohrbomben und Molotowcocktails baut. Der "Express" zitiert einen Gymnasiasten, der sich an eine Nachfrage G.s vor einigen Wochen erinnert: "Kannst du mir eine Waffe besorgen?"

Robin G., der Außenseiter

Der Hintergrund des Plans liegt noch im Dunkeln. Rolf B. galt nach Angaben der Polizei als unauffällig, lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen, machte keinen Ärger. "Er war uns nicht als gefährlich oder gefährdend bekannt", sagte Kripo-Chef Norbert Wagner dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Mitschüler beschreiben B. laut "Express" als krassen Außenseiter: "Er und seine Schwester wurden von vielen gemobbt."

Auch Robin G. galt am Georg-Büchner-Gymnasium als Außenseiter. Polizeisprecher Wagner sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", G. passe "ins klassische Raster" des jugendlichen Amokläufers: "Ein Einzelgänger. Er hat schulische Probleme, Schwierigkeiten mit Mitschülern, er fühlte sich gemobbt." Die beiden Zwölftklässler B. und G. hätten sich seit Jahren gekannt.

Robin G. soll heute einem Haftrichter vorgeführt werden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Verabredung zu einer Straftat vor. Da der 18-Jährige noch unter das Jugendstrafrecht falle, gebe es mehrere mögliche Konsequenzen für den jungen Mann, sagte ein Polizeisprecher. Er könne in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, unter Beobachtung gestellt oder später zu einer Jugendstrafe verurteilt werden. Die Polizei hat die Computer der beiden Schüler sichergestellt. Von der Auswertung der Dateien erhoffen sich die Ermittler weitere Hinweise auf die Motive für den blutigen Plan.

"Zurückhaltend, unauffällig, normaler Freundeskreis"

Kollegium, Eltern und Schüler stehen noch unter Schock. "Die Ängste und die Betroffenheit sind groß. Natürlich fragt man sich als Lehrer auch, was man übersehen hat", sagte Schulleiterin Beatrix Görtner, die die beiden Schüler bis vor einem Jahr selbst unterrichtet hatte. "Insgesamt gab es jedoch keine Veranlassung, besondere Sorge zu haben."

Rolf B.s Ruf an der Schule schätzt sie allerdings anders ein als dessen Mitschüler: "Der 17-Jährige war ein zurückhaltender und unauffälliger junger Mann mit einem normalen Freundeskreis und normalem Elternhaus." Seine Schwester habe bis zu ihrem erfolgreichen Abitur vor zwei Jahren ebenfalls das Georg-Büchner-Gymnasium besucht. Der 18-Jährige sei jedoch bedeutend introvertierter gewesen, aber außer durch seine schwarze Kleidung nicht besonders aufgefallen.

Das Gymnasium ist heute noch geschlossen, nur die Lehrer hatten sich zu einer Besprechung zusammengefunden. "Wir haben das gebraucht, um Luft zu holen und das Ganze zu verarbeiten", sagte Görtner. Morgen soll der Schulbetrieb fortgesetzt werden, allerdings nicht nach Lehrplan. Seelsorger und Psychologen sollen mit den Schülern über das Geschehen sprechen.

Amokdrohung an Schule in Norwegen

Beunruhigende Nachrichten kommen heute auch aus Norwegen: Im Zusammenhang mit Drohungen gegen eine Schule in dem norwegischen Ort Askøy nahm die Polizei einen Verdächtigen fest, berichtet die Zeitung "Bergens Tidene" in ihrer Online-Ausgabe. Eine Frau aus London habe am Wochenende ein Video auf YouTube entdeckt, in dem Drohungen gegen die Schule ausgesprochen wurden. Die Frau hat daraufhin Schule und Polizei informiert. Die Drohungen auf YouTube seien in englischer Sprache verfasst und wiesen deutliche Verweise auf das Schulmassaker in Finnland auf, wo ein Amokläufer vor knapp zwei Wochen acht Menschen tötete.

Das Video wurde demnach schon am Donnerstagabend veröffentlicht. Im Hintergrund des Films laufe John Lennons "Working class hero". Als Datum wurde im Zusammenhang mit den Drohungen der heutige Tag genannt. Die Lehrer der Schule wurden dem Bericht zufolge gestern Abend gewarnt, die Schule sei mit Hunden durchsucht worden, alle Schüler mussten heute durch einen Metalldetektor. Der Rektor der Schule sagte, man nehme die Drohungen sehr ernst.

ffr/dpa/AP

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