• Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.11.2007
 

Tod eines G-8-Polizisten

Pannen, Rätsel, Merkwürdigkeiten

Von Jörg Diehl

2. Teil: "Vieles erscheint mysteriös"

"Vieles erscheint uns an der Darstellung des Unfallgeschehens mysteriös", sagt Brekaus Vater, Ingo Meyer, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Meyer, der selbst als Kriminalbeamter in Dortmund arbeitet, hat nach eigenen Angaben den Unfall an einem baugleichen Fahrzeug nachgestellt: "Es war mir immer möglich, mich festzuhalten. Egal auf welche Weise ich es versucht habe, ich bin nie aus dem Wagen gefallen."

Auch in den Gutachten des Gerichtsmediziners und des Unfallsachverständigen will Meyer Unstimmigkeiten ausgemacht haben. So seien bei der Obduktion Schürfwunden im Gesicht seines Sohnes festgestellt worden, die nicht durch den Sturz oder ein Mitschleifen des Körpers hätten verursacht werden können. Auch gebe es einen auffälligen Abrieb an Benjamins Stiefelspitze.

"Wir wollen wissen, was wirklich passiert ist", sagt Meyer. "Wie sollen wir sonst weiterleben können?" Meyer empört sich vor allem über das, was er zurückhaltend "lückenhafte Ermittlungsarbeit" nennt, was man aber durchaus als Schlamperei bezeichnen könnte. "Bei jedem Drogendealer gehen wir sorgfältiger vor", so der Kriminalhauptkommissar, der seit 30 Jahren Polizist ist. "Hier aber geht es um meinen Sohn."

Tatsächlich haben es die beiden Streifenpolizisten des Polizeireviers Teterow, die den Unfall am 8. Juni aufnahmen, unterlassen, Brekaus Kollegen zu befragen und ihre Aussagen zu protokollieren. Ließen sich die Landpolizisten etwa von der Masse höherrangiger Großstadt-Gesetzeshüter beeindrucken? Weshalb sonst gingen sie nicht streng nach Vorschrift vor?

"Versäumnisse entstanden"

"Da sind Versäumnisse entstanden, die nicht zur Wahrheitsfindung beigetragen haben", räumt selbst der Rostocker Oberstaatsanwalt Peter Lückemann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein. Auch sei die Staatsanwaltschaft nicht umgehend über den Unfall unterrichtet worden. Die Folge: Die Bereitschaftspolizisten reisten zurück nach Dortmund und wurden erst 13 Tage später vernommen. Ihre Aussagen klängen nun auffallend ähnlich, findet Vater Meyer, der als Nebenkläger Einsicht in die Ermittlungsakten nehmen konnte.

Seltsam mutet Meyer ebenfalls an, dass Kleidung und Schuhe seines Sohnes sowie die Ellbogenschoner, um die im Polizeibus gerangelt worden sein soll, nicht beschlagnahmt worden seien. Er selbst hätte die Gegenstände sicherstellen und der Staatsanwaltschaft übergeben müssen. "Das sind doch Spurenträger. Unfassbar, dass ich mich als trauender Vater dafür einsetzen musste, dass sie untersucht wurden", erregt sich Meyer.

Im Grunde geht es am Donnerstag vor dem Güstrower Gericht also nicht bloß um die Frage, ob Kristin K. dafür hätte sorgen müssen, dass alle Insassen des Fahrzeugs angeschnallt waren, ehe sie anfuhr. Es geht auch darum: Wie konnte es sein, dass ein junger, agiler Polizist unvermittelt aus einem langsam fahrenden Wagen kippte und sich dabei tödlich verletzte? Und damit geht es auch um die Ungewissheit, ob die Nachlässigkeiten bei der Aufklärung des Unfalls beabsichtigt waren oder ob es sich schlichtweg um Schlampigkeiten handelte.

Michaela Brekau, die Witwe des Verstorbenen, deutet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE an, ihr Mann sei in den letzten Wochen vor dem tödlichen Einsatz sehr unglücklich über seine berufliche Situation gewesen. "Er wollte sich versetzen lassen und hatte ungewöhnlich viele Bedenken vor der Fahrt nach Heiligendamm", so Brekau. Offenbar war es in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen ihres Mannes mit den von ihr als "rabiat" beschriebenen Kollegen gekommen.

"In die Mangel genommen"

Nachdem Benjamin auch noch ihren Namen angenommen hätte, erklärt Michaela Brekau, sei er "regelrecht in die Mangel genommen worden". So habe einer der anderen Beamten ihren Mann gefragt, "warum er sich seiner Frau unterwerfe?" Auch Benjamins Vater, Ingo Meyer, sagt: "Das Verhältnis der Männer untereinander war zuweilen rau. Da kam es schon zu sehr derben Späßen." Die Staatsanwaltschaft Rostock hat indes nach eigenen Angaben bei ihren Ermittlungen keine Hinweise darauf gefunden, dass Brekau gemobbt worden sein könnte.

Auch der Dortmunder Rechtsanwalt der Angeklagten Kristin K., Martin Habig, widerspricht dem entschieden: "Das ist absoluter Quatsch! Die Beamten hatten nach meinen Erkenntnissen ein gutes dienstliches Verhältnis." Er hält den Prozess ohnehin für problematisch. "Das Verfahren hätte eingestellt werden müssen. Doch offenbar hat die Staatsanwaltschaft auf den öffentlichen Druck reagiert und einen Sündenbock gefunden, den man für den Tod des Polizisten verantwortlich machen will", so Habig gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Die Ermittlungen hätten für ihn eindeutig ergeben, dass Brekau die Tür, aus der er schließlich gefallen sei, nicht geschlossen hätte. "Er hat in dem Wagen herumgealbert und ist herausgestürzt. Das ist für mich eine eigenverantwortliche Selbstgefährdung, für die meine Mandantin nicht die Schuld trägt", sagt Habig.

Das wiederum kann sich die Witwe nicht vorstellen: "Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass Benjamin sich leichtfertig irgendwelchen Risiken ausgesetzt hätte. Er war sehr vernünftig und hatte mir hoch und heilig versprochen, gut auf sich aufzupassen", sagt Michaela Brekau und blickt hinab auf das Baby, das in ihrem Arm schlummert. Es fällt ihr schwer, die Tränen zurückzuhalten. "Es war doch alles überstanden, mein Mann wollte nur noch nach Hause. Was ist geschehen?"

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Justiz

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP