Darry - Die fünf Geschwister aus dem schleswig-holsteinischen Darry wurden erstickt. Das habe die Obduktion der Leichen ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Uwe Wick. Dringend tatverdächtig sei die Mutter der Jungen, die zwischen drei und neun Jahre alt waren. "Wir gehen derzeit von fünffachem Mord im Zustand der Schuldunfähigkeit aus." Es sei nicht auszuschließen, dass den Kindern auch Schlafmittel verabreicht wurden. Die Mutter wurde von der Polizei vernommen und sollte am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt werden. Die offenbar psychisch kranke Frau soll dauerhaft in einer Anstalt untergebracht werden.
Was trieb die 31-jährige Steffi B. dazu, ihre Söhne Jonas, Justin, Ronan, Liam und Aidan zu töten? Die Familie, die in einem adretten Häuschen in der schleswig-holsteinischen Provinz lebte und auf einem Foto so harmonisch aussieht, galt bei Nachbarn und Anwohnern als "ordentlich", "anständig", "nett". Kein Umfeld, das man schnell mit hässlichen Schlagworten wie "Unterschicht ", "asozial" oder "Hartz IV-Milieu" klassifiziert.
Je mehr Details über die Patchwork-Familie - Mutter Steffi B., zwei Väter, fünf Kinder - bekannt werden, umso deutlicher scheint es, dass hier eine Verzweiflungstat stattgefunden haben muss, der viel Leid vorausging.
Einer der Söhne, der fünfjährige Liam, scheint nach Informationen von SPIEGEL TV das Sorgenkind der Familie gewesen zu sein. Er kam offenbar mit einem Herzfehler zur Welt, hatte einen Chromosomendefekt und war Autist. Übers Internet versuchte Steffi B., Interesse für das Schicksal ihres Sohnes zu wecken, Unterstützung zu finden.
Für Liam entwarf die Familie eine eigene Homepage, schilderte im Grußwort die Krankheiten des Kindes: "Meine Name ist Liam und ich bin fast zwei Jahre alt", heißt es dort. "Ich würde gerne älter werden, denn es gibt so vieles, was ich von der Welt nicht gesehen habe. Ich habe ein krankes Herz und meine Eltern kämpfen um mich."
Im Sommer 2005, damals lebte die Familie in einer Mietwohnung im schleswig-holsteinischen Schellhorn, empfingen sie eine Journalistin, der sie ihre schwierige Situation schilderten.
Liam zeigte die typischen Verhaltensauffälligkeiten eines autistischen Kindes. Bei Reizüberflutungen neigte er nach Informationen von SPIEGEL TV offenbar dazu, sich abzureagieren, indem er zum Beispiel seinen Kopf gegen die Polster seines Bettes schlug. "Liam braucht das einfach", erzählte damals Steffi B. der Reporterin des "Stadtmagazins Preetz". "Wenn man ihn davon abhält, wird er hysterisch und bekommt Schreiattacken." Doch eigentlich, fügte sie hinzu, sei Liam ein glückliches Kind, "wenn man ihn so sein lässt, wie er ist. Und auch wir haben mit der Tatsache kein Problem und lieben unseren Sohn."
"Es geht wertvolle Zeit für die Familie weg"
Doch es muss Probleme gegeben haben - schon allein wegen des Lärms, den die Kinder und insbesondere Liam verursachten. Nachbarn beschwerten sich. Die Familie suchte eine größere Wohnung, oder, so heißt es "ein passendes Häuschen".
Die Familie scheint sich auch um eine Delfintherapie für Liam bemüht zu haben, sammelte dafür Spendengelder. Dann wurde der Plan wieder aufgegeben. Durch den Kampf für die Therapie, schrieb Steffi B. auf ihrer Homepage, "geht soviel wertvolle Zeit von meiner Familie weg". Dann heißt es: "Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass die beste Therapie für alle ist, Zeit miteinander zu verbringen."
Vor drei Monaten zog die Familie in das 600-Seelen-Dorf Darry. Die Kinder wurden von Nachbarn oft beim Spielen im Garten beobachtet, manchmal war auch Vater K. mit dabei.
Es habe seit geraumer Zeit eine "intensive Begleitung" der Familie durch sozialpsychiatrische Fachleute gegeben, sagte der Landrat des Landkreises Plön, Volkram Gebel, heute auf einer Pressekonferenz.
Am 15. August rief Ehemann K. die Bereitschaft des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Er schilderte "religiöse Phantasien" seiner Frau, bat um Hilfe. Dem Paar wurde eine Beratung angeboten, die es auch wahrnahm. Dabei traten nach Aussage Gebels "Beziehungsprobleme" und eine psychische Erkrankung Steffi B.'s zu Tage. Steffi B. begab sich in psychiatrische Betreuung, die sie aber nicht regelmäßig in Anspruch nahm.
Psychische Probleme, religiöse Phantasien
Zur selben Zeit meldeten die Betreuer des Kindergarten, den zwei der Söhne besuchten, die Entwicklung der Kinder sei "gefährdet", die Eltern offenbar mit der Betreuung überfordert.
Wieder wurden die Behörden tätig, Mitarbeiter des Sozialen Dienstes wurden mehrmals bei der Familie in Darry vorstellig. Steffi B. habe in den Gesprächen zwar eingeräumt, "psychische Probleme" gehabt zu haben, dennoch, so eine Sozialarbeiterin, habe sie "steuerungsfähig" gewirkt und habe zum Beispiel klar argumentieren können.
Das Haus der Familie habe nie verwahrlost gewirkt. Bei einem der Besuche der Sozialarbeiter lief eine Waschmaschine, es wurde Essen zubereitet. Ein Hilfsprogramm für die Familie sei erstellt worden, 15 Betreuungsstunden wurden vereinbart.
Die angespannte Situation zwischen Steffi B. und ihrem Ehemann muss sich zuletzt so zugespitzt haben, dass der Mann am 4. Dezember seine Familie verließ. Ob dies mit dazu führte, dass die Mutter ihre Söhne tötete, ist bislang noch unklar.
Für die fünf getöteten Jungen soll es in den nächsten Tagen einen Gedenkgottesdienst geben, der in der Michaelis-Kirche im benachbarten Lütjenburg stattfinden wird. Die Kirche werde zudem die Türen für stille Gebete öffnen, um den Menschen Raum für ihre Trauer und Gefühle zu geben. "Die Kinder und Erwachsenen werden eine ganze Weile brauchen, um das Geschehen zu verarbeiten", sagte die Pastorin aus Darry, Gudrun Bölting.
Mehr zum Thema im SPIEGEL TV Magazin: Sonntag, 9.12.2007, 23.30 Uhr, RTL
pad/dpa/Reuters/ddp
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