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18.12.2007
 

Interview mit einem Henker

"Man versucht, den Körper nicht zu grillen"

Von Friederike Freiburg

Jahrelang hat Jerry Givens regelmäßig Menschen umgebracht: 62-mal hat er US-Verurteilte getötet, mit Strom oder mit Gift. In einem Interview erklärt der Ex-Henker, warum er heute die Todesstrafe ablehnt.

Hamburg - Es kommt nicht häufig vor, dass Henker über ihre Arbeit sprechen. Jerry Givens, einstiger Chefvollstrecker des US-Bundesstaats Virginia, hat das nun in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC News getan. "Jemandem das Leben zu nehmen, ist wahrlich keine angenehme Sache", sagte Givens. "Ich habe es nicht getan, um jemanden leiden zu sehen oder ihm Schmerzen zuzufügen. Ich wollte wirklich niemandem wehtun. Ich habe nur meine Arbeit getan."

Seine "Arbeit" war von 1982 bis 1999 das Töten. 62 Menschen brachte Givens im Namen des Staates in dieser Zeit um. Zu dieser Aufgabe kam Givens eigenen Angaben zufolge eher zufällig. Ein Vorgesetzter hatte den damals 30-jährigen Gefängnisaufseher ausgewählt und angefragt, ob er bereit sei, Hinrichtungen durchzuführen. Ein höheres Gehalt, so erinnert sich Givens, habe er nicht bekommen, aber er habe sich als Staatsbürger verpflichtet gefühlt, einzuwilligen.

17 Jahre lang sagte er niemandem außerhalb seiner Arbeitsstelle, was sein Job war, selbst seiner Frau nicht. "Es war hart, vom Gefängnisaufseher zum Henker zu werden", sagt Givens. "Du musst dich von dir selbst entfernen, du musst dich selbst auslöschen."

Damals habe er die Todesstrafe für eine sinnvolle Abschreckungsmaßnahme gehalten. Heute ist das anders. Die Verbrechensraten seien seit Wiedereinführung der Todesstrafe in Virginia gestiegen. Und DNA-Tests können schnell und zuverlässig belegen, ob jemand schuldig ist - oder eben nicht. Allein das Innocence Project hat in mehr als 200 Fällen die Unschuld vermeintlicher Straftäter nachgewiesen, darunter waren auch mehrere Todeskandidaten.

"Man versucht, den Körper nicht zu grillen"

"Ein Mensch wird im Namen des amerikanischen Volkes verurteilt", sagte Givens dem Fernsehsender. "Ihr alle verurteilt ihn zum Tode. Ihr gebt ihm einen Prozess, und dann schickt ihr ihn zu mir, damit ich ihn töte. Sollte sich nachher herausstellen, dass er unschuldig ist, seid nicht ihr diejenigen, die ihn umgebracht haben. Das war ich."

Wie Menschen hingerichtet werden

Giftspritze

AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.

Elektrischer Stuhl

Gaskammer

Strang

Erschießen

Enthauptung/Guillotine

Steinigung

Die ersten Menschen, die Givens tötete, starben auf dem elektrischen Stuhl. Seinen Angaben zufolge drückte er auf die nötigen Knöpfe und musste sogar die Stärke der Stromstöße selbst über die Voltzahl einstellen. Laut ABC ist er der erste Henker, der zugibt, dass er dabei auf gut Glück die Regler bediente. "Wenn es ein kleiner Kerl war, habe ich ihm nicht so viel gegeben", erzählte er. "Man versucht ja, den Körper nicht zu grillen."

Die Giftspritze, die heutzutage in den meisten US-Bundesstaaten bei Hinrichtungen zum Einsatz kommt und lange als "humanere Methode" des Tötens galt, hat Givens ohne medizinisches Hintergrundwissen eingesetzt. Ein Hinrichtungsteam aus Texas habe ihm zwar beigebracht, wie man den Medikamentencocktail verabreiche, aber eine wirkliche Ausbildung habe es nicht gegeben.

Einsichten eines einstigen Henkers

Die Hinrichtung per Giftspritze ist seit Monaten in den USA heftig umstritten. Kritiker glauben, dass lähmende Substanzen in der Giftmischung verschleiern, wie schmerzhaft der Tod durch diese Methode oftmals sei. Demzufolge verstößt die Todesspritze als "grausame und ungewöhnliche Bestrafung" gegen die Verfassung. Ob das tatsächlich so ist, muss im kommenden Jahr der Oberste Gerichtshof der USA klären. Seit September sind alle Hinrichtungen im Land daher gestoppt. Gestern hat der Bundesstaat New Jersey die Todesstrafe in seinem Geltungsbereich abgeschafft, weitere Staaten prüfen derzeit ähnliche Schritte.

Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 sind in den USA 1099 Menschen hingerichtet worden. Das Jahr 1999, in dem Givens seinen Job aufgab, markiert einen traurigen Rekord: Damals wurden 98 Häftlinge exekutiert, so viele wie nie zuvor binnen eines Jahres. Givens selbst hat in seiner 17-jährigen Dienstzeit mehr als zehn Prozent aller Hinrichtungen in den USA in diesem Zeitraum durchgeführt.

Jerry Givens, einst einer der eifrigsten Henker des Landes, ist nun davon überzeugt, dass die Todesstrafe keine Lösung ist. Viele seiner Landsleute sind es hingegen nicht. Nach Givens' Ansicht machen es sich selbst Prozessbeteiligte bei der Urteilsfindung allzu leicht. "Wenn einer der Geschworenen die Hinrichtung vollziehen müsste, dann würden sie sich vielleicht mehr Gedanken um die Todesstrafe machen", sagte der ABC News. "Wenn der Richter gleichzeitig der Henker sein müsste, würde er es sich zweimal überlegen, bevor er jemanden zur Exekution schickt."

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