Pfeiffer: Ein zentraler Faktor ist die gravierende Bildungsbenachteiligung der jungen Ausländer. Von den männlichen jungen Migranten verlassen circa 22 Prozent die Schule ohne ein Abschlusszeugnis. Und dabei sind sie keineswegs dümmer. Im Alter von acht Jahren haben wir bei Migrantenkindern in Berlin dieselbe mathematische Intelligenz gemessen wie bei deutschen. Trotzdem lagen sie in der Mathenote um 0,4 hinter den Deutschen.
SPIEGEL: Aber das muss doch nicht schon zu mehr Gewalt führen.
Pfeiffer: Unterschätzen Sie diesen Faktor nicht. In München mussten wir beispielsweise feststellen, dass der Anteil der 15-jährigen Türken, die ins Gymnasium gehen, zwischen 1998 und 2005 deutlich abgenommen hat - während der von Hauptschülern entsprechend gestiegen ist. Parallel dazu hat auch die Gewaltrate der jungen Türken zugenommen. Aber es ist natürlich nicht nur die Bildungsmisere allein. Junge Migranten erleiden doppelt so oft wie junge Deutsche Misshandlungen durch Eltern. Und sie spielen schon als Zehnjährige dreimal so oft brutale Computerspiele. Beides zusammen fördert bei den Jungen nachhaltig die Orientierung an Werten und Verhaltensweisen der Macho-Kultur. So laufen sie dann einem falschen Konzept nach.
SPIEGEL: Obwohl sie ja in der Schule und im Alltag auch mit anderen Wertvorstellungen konfrontiert werden.
Pfeiffer: Das reicht aber nicht. Gerade ausländische Eltern, die oft vom Einkommen und von der Bildung her zur Unterschicht gehören, können ihren Kindern sehr häufig nicht jene Voraussetzungen bieten, die zum Erfolg in dieser Gesellschaft erforderlich sind. Das fängt bei der fehlenden Hausaufgabenbetreuung an und endet beim unkontrollierten Medienkonsum.
SPIEGEL: Was muss getan werden?
Pfeiffer: Wir brauchen Integration von der frühen Kindheit an. Unsere Untersuchungen zeigen, dass bei ausländischen Jugendlichen, die unter gleichen Bedingungen aufwachsen wie ihre deutschen Altersgenossen, auch die gleiche Entwicklung zu beobachten ist: Sie erzielen vergleichbare Ergebnisse in der Schule und sind auch nicht gewalttätiger. Deshalb plädiere ich dafür, dass schon in den Kindergärten deutsche und ausländische Jungen und Mädchen gezielt gemischt werden.
SPIEGEL: Aber wie soll das durchgesetzt werden?
Pfeiffer: Ich plädiere dafür, dass in jeder Kindergartengruppe die ersten 25 Prozent der Plätze für Kinder aus Migrantenfamilien freigehalten werden müssen. Dazu muss man natürlich bei den Eltern engagiert dafür werben, dass sie teilweise weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen, damit der Schmelztiegel Kindergarten funktioniert. Wenn der Mehmet mit Max und Moritz im Sandkasten spielt, lernt er buchstäblich spielend deutsch, wird zu Kindergeburtstagen eingeladen und lernt auch die hiesigen Wertvorstellungen kennen. Spielt er dagegen nur mit Mustafa und Igor, dann leider nicht.
SPIEGEL: Und nach der Kindergartenzeit?
Pfeiffer: Es muss in diese Richtung weitergehen. Wir brauchen die Ganztagsschule, und zwar von der Grundschule bis zum Gymnasium. Und nicht etwa als Kinderbewahranstalt mit angeschlossener Suppenküche, sondern als Einrichtung, die überforderte Eltern entlastet. Der Vormittag dient der Wissensvermittlung. Der Nachmittag sollte unter einem Motto gestaltet werden: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik und soziales Lernen, das gezielt die Integration der jungen Migranten fördert.
SPIEGEL: Klingt sehr idealistisch. Konservative Politiker fordern dagegen, Eltern, die ihren Pflichten nicht nachkommen, das Sorgerecht zu entziehen.
Pfeiffer: Bringt nichts. Die Heime, in die die Kinder dann kommen würden, haben sich schon in der Vergangenheit als untauglich erwiesen.
SPIEGEL: Angesichts von Gewaltexzessen wie jüngst in München fordern auch viele Bürger strengere Strafen. Schließlich sind die beiden Täter schon sehr oft mit Gesetzesverletzungen aufgefallen.
Pfeiffer: Die beiden Täter werden zu Recht lange hinter Gittern sitzen müssen. Generell bin ich aber gegenüber der Forderung nach härteren Strafen sehr skeptisch. Jugendliche, gegen die Jugendarrest verhängt wird, werden zu 71 Prozent rückfällig. Bei Jugendstrafe sind es sogar über 80 Prozent.
Das Interview führte Bruno Schrep
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