Von Julia Jüttner, Oldenburg
Oldenburg - Monika K., 49, fixiert die Tür, durch die gleich die Frau treten wird, die sie in Haft brachte. Die Frau, die behauptet, Monika K. habe im August 1981 ihren damals vier Jahre alten Sohn mit einer Nylonstrumpfhose erdrosselt, weil er ihr lästig gewesen sei. Als Daniela A. den Schwurgerichtssaal im Oldenburger Landgericht betritt, sucht Monika K. fest deren Blick. Doch die maskulin wirkende 36-Jährige marschiert, von ihrer Rechtsanwältin begleitet, schnellen Schrittes zum Zeugenstand, würdigt ihre Tante keines Blickes.

Konzentriert und seelenruhig: Monika K. mit ihrer Verteidigerin im Prozess
Nach ihrem Aufenthalt in der JVA Chemnitz wartet Daniela A. erneut drei Jahre, bis sie sich schließlich im April 2007 an die Polizei wendet und die mittlerweile geschiedene Frau ihres Onkels schwer belastet. Monika K. habe Markus bereits vor dessen Tod misshandelt, die Treppe hinuntergestoßen und ihm ätzendes Reinigungsmittel in die Milch geschüttet, sagte sie heute aus. Dezidierte Nachfragen des Vorsitzenden Richters Harald Leifert und der Verteidigerin Margrete Haimayer beantwortet die weinende Hauptbelastungszeugin im Prozess mit einem trotzigen: "Ich weiß, was ich gesehen habe." Verstrickt sie sich in Widersprüche, flüchtet sie sich in Erinnerungslücken.
Vor ihrer Aussage war dem Gericht ein Film von einem Ortstermin mit der Hauptbelastungszeugin vorgeführt worden. Darin zeigt Daniela A. mithilfe zweier Kriminalbeamter, wo sie in Oldenburg mit ihren Eltern lebte, wo sie mit ihrem jüngeren Cousin spielte - und wie sie ihm und ihrer Tante am 19. August 1981 heimlich folgte. Wie sie den Mord an dem Vierjährigen beobachtete, vor Schreck erstarrte, von der Tante entdeckt und verfolgt wurde. "Ich sah nur noch, wie er mit den Armen zappelte", hört man sie im Gespräch mit den Polizisten mit Tränen erstickter Stimme sagen. Dann sei sie mit ihrem Kinderrad geflüchtet, Monika K. hinterher.
"Wenn du was sagst, wird es dir genauso gehen"
Die Tante habe sie eingeholt, abgedrängt, vom Fahrrad gezerrt, fest am Arm gepackt und ihr gedroht: "Das wird dir sowieso keiner glauben. Und wenn du was sagst, wird es dir genau so ergehen - du weißt jetzt ja, wie das geht." Nach dem Vorfall sei sie nie wieder an den Tatort zurückgekehrt, schluchzt Daniela A.
"Dieses Band belegt, dass Daniela A. allein keine Aussage machen kann", sagt Verteidigerin Haimayer. In der Tat kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Daniela A. von den beiden Beamten in ihrer Schilderung geführt worden war. Doch die schieben in der anschließenden Befragung derartige Unterstellungen beiseite. "Sie war sehr aufgeregt und aufgewühlt", sagte Kriminalkommissarin F.
Es habe Daniela A. Überwindung gekostet, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Sie habe immer wieder betont, dass sie nur das beschreiben könne, was sie erlebt habe und habe sich zu keinen Spekulationen hinreißen lassen. Die Beamten glauben Daniela A., dass sie den Mord an dem kleinen Markus beobachtet hat. Ebenso die Staatsanwaltschaft, die der Angeklagten Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen vorwirft und ihr eine besondere Schwere der Schuld nachweisen will.
Monika K., im hellen Wollpullover, die Lesebrille auf den dunkelblonden dauergewellten Kräusellocken, verfolgt den filmischen Ortstermin konzentriert und seelenruhig, den Kopf auf die rechte Hand gestützt. An jenem 19. August 1981 hatte sie ihren Sohn Markus als vermisst gemeldet. Nach einer großangelegten Suchaktion samt Hubschrauber und Spürhunden wurde der Vierjährige einen Tag später an einem Bahndamm in Oldenburg gefunden - eine Nylonstrumpfhose doppelt um den kleinen Hals geknotet. Markus war ihr Erstgeborener, ein uneheliches Kind - und stand, so die These der Ermittler, einem neuen Leben mit dem Vater ihres zweiten Kindes im Weg.
"Eine eiskalte Frau"
Monika K. habe nie geweint und so getan, "als ginge sie das alles nichts an", sagen Polizeibeamte, die damals nach Markus suchten und der Mutter schließlich die Todesnachricht überbrachten. Schnell rückte Monika K. ins Visier der Ermittler: An ihrer Strickjacke wurden Kletten entdeckt, die auch an der Kinderleiche gefunden wurden, und an der Damenstrumpfhose wurden Faserspuren sichergestellt, die vom Teppich der Familie K. stammten. Doch der damals ermittelte Todeszeitpunkt entlastete sie. Monika K. und ihr Ehemann Dieter hatten ein Alibi. Der Fall wurde eingestellt. 1985 zog das Ehepaar ins Schwäbische. 1995 ließen die K.s sich scheiden, die drei gemeinsamen Kinder bleiben beim Vater.
Nachdem Daniela A. die Polizei informiert hatte, wurde Monika K. im Juli im schwäbischen Trossingen, wo sie seit sieben Jahren mit einem Polizeibeamten zusammenlebt, festgenommen. Wieder sprechen Beamte von einer außergewöhnlichen emotionalen Distanziertheit der Verdächtigen. "Ich habe in meinen 33 Dienstjahren noch keine so eiskalte Frau gesehen", sagte ein Kripobeamter. K. habe sich nicht einmal an den Todestag ihres Sohnes erinnern können. Monika K. selbst beschrieb sich vor Gericht als "warmherzig" und "gute Mutter" und bestreitet jede Schuld am Tod ihres Sohnes.
Aufgrund der damaligen kriminaltechnischen Methoden konnten weder am Tatort noch an der Damenstrumpfhose DNA-Spuren von Monika K. sichergestellt werden. Dazu kommt, dass die Strumpfhose aus der Asservatenkammer verschwunden ist.
Alles hängt nun von der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin ab. Deren Befragung wird morgen fortgesetzt. Die Verteidigerin der Angeklagten kündigte bereits an: "Morgen geht's ans Eingemachte."
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