Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



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11.01.2008
 

Wende im Prozess von Oldenburg

Der Fata-Morgana-Mord

Von Julia Jüttner, Oldenburg

Im Oldenburger Mordprozess ist eine Mutter angeklagt, die vor 26 Jahren ihr Kind ermordet haben soll - so argumentierten die Ermittler. Jetzt die spektakuläre Wende: Der Richter höchstpersönlich entlarvte durch Recherchen die Erinnerungen der Hauptbelastungszeugin als Chimäre.

Oldenburg - Wer einen Mord beobachtet hat, geht zur Polizei. Wer es nicht tut, dessen Leben gerät aus dem Gleichgewicht.

Oder gerät die Erinnerung aus dem Gleichgewicht, wenn es das Leben längst ist?

Angeklagte Monika K. im Prozess: Erleichtertes Lachen
AP

Angeklagte Monika K. im Prozess: Erleichtertes Lachen

Daniela A. glaubt, 26 Jahre lang ein trauriges und zugleich erschütterndes Geheimnis mit sich herumgetragen zu haben: Sie will gesehen haben, wie ihre Tante Monika K. am 19. August 1981 ihren vierjährigen Sohn erdrosselte. A.s Aussage brachte die heute 49-jährige Monika K. wegen Verdachts des heimtückischen Mordes vor das Landgericht Oldenburg.

Der Vorsitzende Richter höchstpersönlich, Harald Leifert, lieferte heute den Beweis dafür, dass sich Daniela A. an etwas erinnert, an das sie sich gar nicht erinnern kann - weil sie es nicht erlebt haben kann.

Stundenlang beschrieb die Hauptbelastungszeugin heute, dass sie am 19. August 1981 beobachtet hat, wie Monika K. ihrem eigenen Kind eine Nylonstrumpfhose um den Hals legte und zuzog, bis es sich nicht mehr wehrte.

Immer wieder blieb die 36-Jährige Details schuldig. Richter Leifert musste ihrem Gedächtnis mit Zitaten aus Vernehmungen auf die Sprünge helfen. Daniela A. flüchtete sich in Sätze wie: "Es war an dem Tag einfach alles anders." Was genau anders war - sie konnte es nicht sagen. Nur den Weg zum Tatort beschrieb sie immer wieder in epischer Breite, und wie sie ihrer Tante - der Cousin saß auf dem Gepäckträger des Rades - heimlich folgte. Wie sie mit ihrem roten Kinderrad durch das nahe gelegene Einkaufszentrum fuhr, während Monika K. auf der parallel verlaufenden Straße radelte. Und wie sie nach der angeblichen Tat an der Bushaltestelle von der Tante vom Rad gezerrt und bedroht wurde.

Die Kriminalisten schlampten, der Richter ermittelte selbst

Das Problem: Im August 1981 gab es weder das Einkaufszentrum noch eine Bushaltestelle. Dass dies bisher niemandem auffiel, ist bezeichnend für die unfassbare Schlamperei bei den Ermittlungen.

Leifert selbst hatte bei der Verkehrs- und Wasser GmbH Oldenburg angefragt, ob die Bushaltestelle wirklich dort war, wo Daniela A. behauptete. Gestern bekam er die Antwort per Fax: Laut Buslinienführung gibt es die Haltestelle erst, seit es das Einkaufszentrum gibt - und das feierte am 10. August 1983 Richtfest. Ein Journalist der "Nordwest Zeitung" legte nach einer Verhandlungspause dem Gericht entsprechende Kopien der damaligen Berichterstattung vor.

Leifert zeigte sich erstaunt, dass die Kommissare, denen sich Daniela A. anvertraut und die während des Prozesses immer wieder deren Glaubwürdigkeit betont hatten, die Plausibilität der Schilderungen und die Angaben zur Buslinie nicht überprüft hatten. Das ist Grundhandwerk jeglicher Ermittlungen.

"Ich bin da durchgefahren" - mit diesen Worten beharrte die Hauptbelastungszeugin auf ihrer Aussage, nachdem sie mit der Neuigkeit konfrontiert wurde. Daniela A. wird wohl bis zum Ende des Prozesses bei ihrem Mordvorwurf bleiben. Plausibler werden ihre Behauptungen dadurch nicht.

Erinnerungen an etwas, das sie gar nicht erlebt hat

Nach eigenen Angaben, aber auch von ärztlicher Seite bestätigt, leidet die dreifache Mutter am Borderline-Syndrom. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft erstellte der Berliner Psychologe Prof. Max Steller nach einer ausführlichen Exploration ein psychologisches Glaubwürdigkeitsgutachten. Zum jetzigen Stand der Verhandlung geht er davon aus, dass Daniela A. ihre Behauptungen nicht bewusst erfunden hat. Vielmehr habe sie irrationale Details entwickelt und ihre Aussage auf einer sogenannten "Scheinerinnerung" aufgebaut.

Typisches Merkmal: Sie glaubt, dass sie sich an etwas erinnert, was sie nicht erlebt hat - und schilderte ihre Visionen, von Weinkrämpfen übermannt, mehr als anschaulich. Sie habe ihre Tante heimlich verfolgt, mit etwas Abstand, entweder auf der anderen Straßenseite oder auf einem parallel verlaufenden Trampelpfad. Ihr kleiner Cousin winkte ihr mit einem roten Feuerwehrauto in der Hand zu. Sie folgte ihnen bis zu einem kleinen Hügel am Bahndamm, kletterte hinterher, versteckte sich hinter Büschen. Das sagt sie zumindest. Dann will sie gesehen haben, wie Monika K. mit dem Rücken zu ihr den kleinen Markus packte. "Erst hat sie ihn geschlagen, ihm dann etwas um die Schulter gelegt", schluchzte die 36-Jährige und blickte weinend nach unten. "Er hat gezappelt. Als das aufhörte, bin ich weggelaufen." Kein Zweifel, dass es Frau K. war? "Kein Zweifel."

Als sie davonrannte, knackten Zweige unter ihren Schuhen, behauptete sie. Sie stürzte sich auf ihr Kinderfahrrad. "Ich hatte Angst, Panik, wollte nur nach Hause." Sie habe sich während der Fahrt mehrere Male umgedreht. "Sie ist mir stur hinterher und rief: 'Du Krücke, bleib stehen!'" Mal holte die Tante auf, mal baute die damals Neunjährige ihren Vorsprung aus - bis zu der erwähnten Bushaltestelle.

Die Hauptzeugin weiß, dass sie eine Therapie braucht

"Ich hätte damals schreien sollen, aber ich stand nur da", schrieb Daniela A. 26 Jahre später im Rahmen der ersten Ermittlungen. "Das Ganze macht mich kaputt. Ich muss mit der Vergangenheit abschließen."

Die Ermittler glaubten ihr prompt, die Staatsanwaltschaft erhob Mordanklage gegen Monika K. - im Juli 2007 nahm man sie fest.

Daniela A., Gefangene ihrer eigenen Psyche, erträumt sich von diesem Prozess einen Befreiungsschlag. Es sieht alles danach aus, dass es genau andersherum kommt. Das Verfahren steht symbolhaft für ihr unstetes, nicht gerade von Glück geprägtes Leben.

Sie habe kurz nach Markus' Tod einen Wohnwagen angezündet in der Hoffnung, dass "jemand merkt, dass ich Hilfe brauche. Aber außer Ärger gab's nichts", sagte sie vor Gericht. Sie bestellte bei Versandhäusern Sachen auf falsche Namen und landete deshalb wegen Betruges im Gefängnis. In der Türkei wollte sie ein neues Leben beginnen und scheiterte auch dort. Keines ihrer drei Kinder lebt bei ihr, das jüngste ist drei Jahre alt. Sie weiß, dass sie eine Therapie braucht.

"Ich habe mein Leben lang darunter gelitten", sagt Daniela A. All die Jahre habe sie sich von ihrer Tante bedroht gefühlt, obwohl diese längst nach Süddeutschland gezogen war. Jene schmallippige Tante, der auch Ermittler den Mord zutrauten und ihr Gefühlskälte unterstellten, hörte man heute in einer kurzen Verhandlungspause erstmals laut und erleichtert lachen.

Eines hat der heutige Prozesstag bewiesen: Es weiß doch nur ein Mensch, wer den kleinen Markus tötete - sein Mörder.

Sonst niemand.

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