Von Barbara Hans, München
Wichtig ist nicht nur, was die Mädchen erzählen, sondern auch, was sie verschweigen. Oder nur erzählen, wenn es ihnen nicht persönlich zugeordnet wird. Die Geschichten der Mädchen aus Gauting haben zwei Seiten. Die, über die sie offen sprechen, auf die sie stolz sind: Diese Geschichten handeln von der eigenen Härte beim Leben auf der Straße, dem Mut, nur nach den eigenen Prinzipien zu handeln. Und von der Unverfrorenheit, denen, die anders denken, mit Schlägen zu zeigen, wer mächtiger ist.
Doch es gibt auch den Teil, über den die Mädchen nicht gern sprechen, bei dem sie dicht machen, sich in Übersprungshandlungen verlieren. Der handelt von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigungen, Schlägen, Demütigungen durch die eigenen Eltern, Erniedrigungen aller Art.
In eine geschlossene Einrichtung kommt nur, wer mit seiner Freiheit nicht umgehen konnte und immer wieder abgehauen ist. Von den Eltern, aus Wohngruppen. Vor sich selbst, dem eigenen Leben, den eigenen Problemen. Viele der Teenager haben Monate auf der Straße gelebt. "Auf Trebe sein", sagen die Mädchen. "Entweichungen", sagt Bernhard Stadler, Psychologe und Heimleiter. Dazu kommen Probleme in der Schule, Drogen, Alkohol, Tabletten.
Stadler ist ein ruhiger Mann mit wachen Augen. "Die Opfer von gestern sind die Täter von heute", sagt er, in seinem Besprechungszimmer sitzend. Zwischen den Sätzen macht er lange Pausen, so als wolle er sicher gehen, dass die Worte auch genau treffen, was er meint.
Viele Mädchen erleben im Heim zum ersten Mal einen strukturierten Alltag. Außerdem versuchen die Erzieher, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen: In Gesprächen werden die Probleme der Jugendlichen thematisiert. Die Mischung aus beidem nennt Stadler "liebevolle Strenge": "Die Erziehung ist autoritär, nicht partnerschaftlich. Wir geben die Regeln vor und schauen, dass sie eingehalten werden." Stadler sagt, es sei wichtig, die Mädchen zugleich als Täter und Opfer zu sehen. "Wir helfen ihnen nicht, indem wir nur Mitleid haben, und wir helfen ihnen auch nicht, wenn wir ihr Verhalten nur Sanktionieren und nicht versuchen, es zu verstehen."
Keine Eltern, keine Achtung
Wer ihr Verhalten verstehen will, muss wissen, dass jedes zweite Mädchen in Gauting Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist, dass viele, wenn sie auf der Straße leben, ihren Körper gegen ein Dach über dem Kopf tauschen, weil sie ohnehin das Gefühl haben, nichts wert zu sein.
"Viele haben keine intakten Familien. Die Eltern sind oft gestörter als ihre Kinder. Sie nehmen Drogen, trinken Alkohol und sind inkonsequent: Einmal lacht der Vater und beim nächsten Mal schlägt er wegen derselben Sache zu", sagt Stadler. Die größten Erfolge haben die Erzieher, wenn Eltern mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist nicht immer der Fall: Einige haben Schuldgefühle, andere Angst, alle sind überfordert mit dem Verhalten ihrer Kinder.
Bei manchen Eltern stoßen die Pädagogen schlicht auf Desinteresse. In Gauting gibt es Elternapartments, im günstigsten Fall kostet eine Übernachtung gerade zehn Euro. Doch die kleine Wohnung steht fast immer leer. Und die Mädchen? Sie warten. Auf ein Päckchen zum Geburtstag, einen Brief, einen Anruf. Vergeblich.
"Abhalten kann mich nur meine Mutter"
Können härtere Strafen die Mädchen von der Kriminalität fernhalten? "Hören Sie mir auf. Das bringt gar nichts", sagt Stadler, für seine Verhältnisse sehr energisch. "Sie glauben doch nicht, dass die Mädchen so rational denken. Dass sie in den Momenten so abwägen und eine höhere Strafe sie abhalten würde. Wir müssen stärker präventiv arbeiten." Jessica haben ihre 100 Sozialstunden in der Krankenhausküche nicht weiter gebracht, auch wenn sie "übelst anstrengend" waren. "Abhalten kann mich nur meine Mutter", sagt sie. Ein Bild von ihr klebt mitten auf dem mit Fotos beklebten, gelben Pappherz, das in Jessicas Zimmer steht.
Die 15-Jährige wohnt inzwischen in einer offenen Gruppe in Gauting, darf das Heim also nach Absprache mit den Betreuern zwischendurch verlassen und nach Hause zu ihrer Familie fahren. Im Sommer wird sie in eine andere, offene Wohngruppe ziehen. Vielleicht schafft sie bis dahin ihren Sonderschulabschluss. Wie geht es dann weiter? "Ich kann jetzt sagen, ich werd' in Zukunft nicht mehr ausrasten. Aber vielleicht passiert es doch."
Dann tritt sie einen Schritt vom Fenster zurück, streckt die Hand aus und bedankt sich höflich für das Gespräch.
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