Von Gordon Repinski
Die flinken Händler selber zu schnappen, ist nur schwer möglich. Um elf Uhr versuchen Kluge und Beckel an einem Supermarkt in Treptow zuzugreifen. Schon aus der Entfernung sieht der Händler die Fahnder, flüchtet über die Bahngleise der S-Bahn. Lebensgefährlich. Kluge zieht seine Männer zurück. Die Gefahr einer Verfolgungsjagd wäre für Jäger und Gejagte zu groß.
Man ist mit den Jahren vorsichtiger geworden im Zollamt - auch in der direkten Auseinandersetzung mit den Händlern. "Schutzwesten sind Pflicht", sagt Kluge und fügt hinzu: "Wenn wir zugreifen, dann nur mit mehreren Beamten gleichzeitig." Im Hinterkopf bleibt immer das schockierende Erlebnis von 1999.
Damals, an der S-Bahn Haltestelle Friedrichsfelde Ost, hatten zwei Kollegen geschmuggelte Zigaretten in einem Lager vermutet. Anders als sonst waren die Vietnamesen diesmal nicht geflüchtet, sondern hatten Verstärkung geholt. Zu fünft kamen sie wieder, schlugen mit Eisenstangen auf die beiden Fahnder ein. Warnschüsse fielen. Im letzten Moment hört man von draußen die Sirenen der Polizei.
Der damals betroffene Frank Wagner leitet heute das Zollamt in Schöneberg. Er hat noch heute die Narben von den Schlägen am Arm. "Für zwei Stangen geschmuggelte Zigaretten hätte ich beinahe auf den Täter schießen müssen", sagt er heute. Seine Stimme verändert sich, während er über die Momente spricht, als er hilflos am Boden lag.
Wenn einer der Händler mal auf frischer Tat ertappt wird, droht ihm der Prozess. Das ist die Theorie. In der Praxis haben die meisten keine gültigen Papiere, sind in Deutschland nur geduldet. "Ein Gerichtsverfahren bringt meistens nichts, weil die Angeklagten entweder gar nicht erscheinen oder nicht zahlen können", klagt Kluge.
Die Polizei konzentriert ihre Fahndung auf die Kunden
Und so konzentriert sich die Fahndung auf die Ware - und die Käufer. "Wer beim Kauf von einer Stange geschmuggelten Zigaretten erwischt wird, der bekommt eine Strafe von 25 Euro aufgebrummt." Ob das wirklich abschreckend wirkt? "Wenn man den Preis der beschlagnahmten Zigaretten dann noch dazu rechnet, tut das den Leuten schon weh", betont Kluge.
Wie etwa dem Rentner Rudolf V.*, der in Treptow an den Bahnschienen Zigaretten gekauft hat. Die "erste Stange, die ich je gekauft hat", behauptet er. "Das sagen sie alle", sagt Kluge nachdem V. seine Strafe bezahlt hat. "Es gibt kaum Unrechtsbewusstsein beim Zigarettenkauf."
Treptow war der letzte Einsatz am heutigen Tag. Um 14 Uhr ist Feierabend - nach neun Stunden Arbeit. Insgesamt 15.600 Zigaretten haben die Fahnder eingesammelt. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", weiß Kluge. Aufgeben ist für ihn dennoch kein Thema: "Wir dürfen den illegalen Banden auf keinen Fall ganz das Feld überlassen!"
*Namen geändert
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