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11.02.2008
 

Mordfall Yvan S.

Ermordet, zerstückelt, einbetoniert

Von Gisela Friedrichsen, Stuttgart

2. Teil: Wer tat was - und warum?

Noch ist vieles unklar, etwa die Rollenverteilung. Wer tat, wer wusste was? Warum behauptete die damals Sechzehnjährige laut Deniz E., Yvan Schneider habe sie gegen ihren Willen entjungfert? Oder war es nur ein Kuss? Sie habe Namen nennen müssen, sagte sie heute Nachmittag mit kaum hörbarer Stimme, er habe nicht aufgehört. Tatsächlich, so fanden die Ermittler heraus, hatte das Opfer mit dem Mädchen wohl keinerlei Beziehung. Sie kannte nicht mal seine Telefonnummer. Warum erzählte sie von intimen Kontakten mit weiteren zwei jungen Männern? Aufschneiderei? E. soll nicht nur eifersüchtig, sondern geradezu besessen gewesen sein von dem jungen Mädchen. Er habe alle umbringen wollen, die seine Freundin "beschmutzt" hätten, heißt es. Warum also goss sie noch Öl ins Feuer?

Warum lockte sie den nichts Böses ahnenden Yvan aus dem Haus? Wusste sie von der mörderischen Absicht ihres Freundes ? oder wusste sie nichts? Sie habe nicht gefragt, warum sie Yvan eine Falle stellen sollte. Sie habe sich nichts gedacht. Und dann, als es soweit war: "Ich konnte es nicht glauben? Ich hab mich total erschreckt und stand nur noch da." Wer soll das glauben?

Warum tat sie nichts, als Deniz auf Yvan mit einem Baseballschläger losging? Sie habe sich weggedreht, sagt sie. Versuchte sie nicht, Deniz zurückzuhalten, als er auf das schon am Boden liegende Opfer weiter einprügelte und schließlich mit den Füßen auf ihm herumtrampelte? Nein. Sie ließ sich anschließend von Deniz heimfahren und ging zu Bett.

Warum tat Roman, der Bundeswehrsoldat, nichts? Stand er nur in der Gegend herum? Seine Beschreibung der Tat vor Gericht ist so entsetzlich, dass die Eltern Yvans fluchtartig den Saal verlassen. Warum machte er überhaupt mit? Er habe Deniz "schützen" wollen, sagt er, falls es der mit "einem Stärkeren" nicht hätte aufnehmen können. Deniz habe die verflossenen Liebhaber seines Mädchen "schlagen" wollen. Yvan habe er überhaupt nicht gekannt. Er bestreitet, an der Planung beteiligt gewesen zu sein. Warum fiel er Deniz dann nicht in den Arm? Woher wusste er, dass der junge Mann, der ihm mit der 16-Jährigen auf dem Trampelpfad zur römischen "Villa Rustica" entgegenkam, einer jener Ex-Liebhaber gewesen sein soll? Vieles klingt unglaublich.

Yvans Torso zementierten sie in eine Mülltonne ein

Die Vorstellung, dass junge Leute mit solch hemmungsloser Brutalität auf einen der ihren eindreschen, der ihnen noch nicht mal irgendetwas getan hatte, entsetzt. Was dann folgte, entsetzt noch mehr. Das Zerstückeln der Leiche. Die Idee, Teile davon in Kübel einzuzementieren und im Neckar zu versenken. Das Tage andauernde Beseitigen des Toten. Zwischendurch kehrten die Täter immer wieder in ihren Alltag zurück. Von einer Affekttat, einem kurzfristigen Ausrasten kann also nicht die Rede sein. Da lief niemand in Panik weg. Da verlor keiner die Nerven. Da wurde überlegt und geplant. Da wurden Kübel und Zement herbeigeschafft. Als der in einer Mülltonne einzementierte Torso zu schwer wurde, war ein Flex-Gerät zur Hand, mit dem man den Zement wieder beseitigte. Und da soll auch noch Vater E. gewesen sein, der das Transportauto für die schwere Last zur Verfügung stellte und beim Wegbringen half.

Die Familie des Opfers stammt aus dem Elsass, der Vater ist Musiktherapeut. In diesem Jahr hätte der Junge am Stuttgarter Wagenburg-Gymnasium das "Abibac", also das deutsche Abitur und das französische Baccalaureat, ablegen sollen. Mit anrührenden Aktionen versuchen seine Mitschüler seither, den Einbruch des Grauens in ihre hoffnungsvolle junge Welt zu bewältigen, etwa mit Hilfe eines Gedenkabends im Stuttgarter Alten Theater sowie einem Auftritt im Internet. Heute erschienen sie vor dem Landgericht in T-Shirts mit der Aufschrift "Gewalt hilft niemals weiter". Und auf der Rückseite - Yvan war ein begeisterter Handballer - trugen sie seine Nummer 10.

Sie fordern, dass die Angeklagten nicht nach Jugendstrafrecht abgeurteilt werden dürften. Sie haben Unterschriften dafür gesammelt, haben im Internet für ihr Anliegen geworben: "Wir wollen mit dieser Unterschriftenaktion dem Wunsch der Bürgerinnen und Bürger Ausdruck verleihen, um sicherzustellen, dass von derart grausamen Tätern niemals mehr eine Gefahr für die Menschen in unserem Lande ausgeht. Dies haben die zu unserem Schutz aufgerufenen Institutionen zu leisten."

Bei allem Verständnis für die Wut und die Rat- und Hilflosigkeit derer, die Yvan liebten und kannten: Ein Rechtsstaat funktioniert anders. Da schaffen nicht Angehörige und Freunde des Opfers entsprechend ihren Gefühlen Gerechtigkeit. Nicht die Hinterbliebenen bestimmen über die Höhe der Strafe, sondern unabhängige Richter urteilen nach Recht und Gesetz. Die jungen Leute müssen dies begreifen lernen. Das sind sie um eines friedvollen Miteinanders willen dem so tragisch zu Tode Gekommenen schuldig.

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