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11.03.2008
 

Türstehermilieu

Bandenkrieg in L.E.

Von Siegbert Wagner, Leipzig

Eine Stadt im Ausnahmezustand: In Leipzig tobt ein Krieg unter Türstehern. Ein 28-Jähriger wurde erschossen, ein anderer mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Der Mann liegt jetzt in der Klinik - und lässt sich von seinen eigenen Sicherheitsleuten bewachen. Und heute Nacht brannte es erneut.

Leipzig - Baseballschläger, Schusswaffen, Messer - eine armenisch-libanesische Gang hat sich bewaffnet, um sich Samstag Nacht Zutritt zum "Schauhaus" zu verschaffen. In der Tür der Nobeldiscothek am Leipziger Dittrichring steht Marko Z., Chef der zuständigen Sicherheitsfirma L.E. Security. Er drängt die schon mit Hausverbot belegten Gäste wieder aus dem Gebäude. Doch damit finden sich die in der Drogenszene berüchtigten Männer nicht ab, sie beginnen eine Schlägerei, setzen ihre Waffen ein.

Club "Mia's" in der Leipziger Innenstadt: Hier wurde ein Mann erschossen
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DPA

Club "Mia's" in der Leipziger Innenstadt: Hier wurde ein Mann erschossen

Um 2.38 Uhr wird Marko Z. mit einem Messerstich lebensgefährlich verletzt, die Klinge trifft den Herzbeutel, die Ärzte retten dem Mann in einer Not-OP das Leben.

Seit Monaten tobt in Leipzig der sogenannte "Türsteherkrieg". In dieser Nacht ziehen die Gangs weiter in die Innenstadt, Scheiben bersten, vor der von russischen Gästen besuchten Disco "Mia's" fallen drei Schüsse. Eine Kugel trifft Andreas K. im Kopf - der Russlanddeutsche stand zufällig zum Rauchen vor der Tür. "Abgefeuert von einem dunkelhäutigen Mann", skizziert Polizeichef Rolf Müller seine karge Täterbeschreibung.

Als die Beamten eintreffen, werden sie von der Brutalität überrascht: "Die Angreifer gingen auf unsere Diensthunde los, ließen sich von ihnen in den Arm beißen, um ihnen dann die Schnauzen zuzuhalten und auf die Tiere einzuschlagen." Es ist 3.20 Uhr. Es wird noch eine knappe Stunde dauern, bis der Mob den Polizisten weicht.

Der Bandenkrieg von L.E. tobt seit Monaten. "Black Rainbow" und "L.E. Security", die beiden größten Sicherheitsfirmen der Stadt, haben die Einsatzgebiete unter sich aufgeteilt. Doch nun drängt eine neue Gruppe in die Discos, angeblich geht es um lukrative Gewinne auf dem Drogenmarkt. Als zuletzt im Februar Scheiben von Szenelokalen eingeschmissen worden, setzt die Polizei drei Männer fest. Doch das Ermittlungsverfahren verläuft schleppend: "Das Aussageverhalten der Beteiligten ist relativ zurückhaltend", umschreibt Staatsanwalt Ricardo Schulz die Mauer des Schweigens.

In der Leipziger Uniklinik liegt Marko Z., 37, der niedergestochene Chef der L.E. Security. Er konnte den Angreifer identifizieren, wurde aber noch nicht befragt. Der 1,97 Meter große und 110 Kilogramm schwere Mann ist ein Modellathlet - unter dem Büro seiner Security-Firma befindet sich ein persönlicher Fitnessraum, in dem er das sogenannte Freefighten trainiert, eine mehr als umstrittene Sportart. Z. gilt unter seinem Kampfnamen "The Bulldog" als Held der Szene und organisiert zweimal im Jahr große Kämpfe im Südosten der Stadt.

Anfangs mit einem rechtslastig ausgerichteten Publikum hat er sich von dieser Szene in öffentlichen Bekundungen mehrfach distanziert - und betont, es ginge ihm nur um den Sport. "Freefight ist mein Hobby und mein Leben. An die Frauenwelt: Ja, ich bin schon vergeben. Mein Beruf nimmt mich voll in Anspruch, aber auch diesen führe ich mit Leidenschaft aus", bekannte er dem "Fight Magazine".

Morgen will Marko Z. am Krankenbett über seinen vorerst letzten beruflichen Einsatz aussagen. Sein Anwalt macht der Polizei schwere Vorwürfe, diese hätten die brutalen Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen in der Leipziger Innenstadt unterschätzt. "Bisher wurden die Auseinandersetzungen immer als Sachbeschädigung abgetan, dabei handelt es sich um organisierte Kriminalität, da kann ich nicht 60 Beamte hinschicken, die dann den Schwanz einziehen", beklagt Jurist Stephan Bonell.

Für die Beamten ist Marko Z. kein Unbescholtener. Erst in der vergangenen Woche stand der Mann vor dem Leipziger Landgericht, angeklagt wegen Körperverletzung. In der gleichfalls von seiner Firma bewachten Discothek "Markt 1" soll er einen randalierenden Italiener aus dem Haus geworfen und dann bei der Polizei abgeliefert haben. Dort brach der Mann zusammen. Inwieweit der Zusammenbruch mit dem gewalttätigen Rauschmiss zu tun hat, sollen Gerichte klären. Im Moment ist der Angeklagte nicht verhandlungsfähig.

Die Schäden der Randale sind beseitigt, die Sachschäden beheben Versicherungen, im Stadtbild erinnert nichts mehr an die Krawalle. Doch wer die Täter sind, ist noch unklar. Namen von Verdächtigen kursieren, einer soll Artur heißen. Groß ist die Angst, dass Racheakte und weitere Überfälle folgen.

In der Nacht brannte im Leipziger Osten eine Turnhalle. Möglicherweise gibt es Verbindungen zur Türsteherszene, heißt es. Denn dort trainierten bisher einige der Leipziger L.E. Securitys.

Marko Z. wird in der Klinik rund um die Uhr von seinen eigenen Sicherheitsleuten bewacht, angeblich verhandeln die beiden Leipziger Wachfirmen mit Dritten über ihren eigenen Schutz. Auf Seiten der Behörden herrscht derzeit Ratlosigkeit. "Ich weiß nicht, wie man dieses Problem befrieden kann", sagt Rechtsanwalt Bonell.

Mitarbeit: Alasdair Thompson

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