Von Gisela Friedrichsen, Schwerin
Schwerin - Die Fälle sind etikettiert mit den Vornamen geschundener, verlassener, ungeliebter Kinder, als stünden sie in einem extra Giftschrank, in dem das Versagen einzelner mit dem Versagen der Gesellschaft zusammen weggesperrt wird: Jessica, Kevin, Dennis, Talea. Diese Kinder - und noch viele andere, die es nicht zu ähnlich medialer Prominenz brachten - sind verhungert, verdurstet, die Knochen wurden ihnen gebrochen, sie wurden misshandelt, bis sie nicht mehr weiterleben konnten. Jeder spektakuläre Fall rief einen öffentlichen Aufschrei hervor: Warum habt ihr nichts getan? Warum hat nicht wenigstens der Staat diese Kinder gerettet, wenn schon die Eltern, die Familien versagten? Warum haben wir kein Gefühl mehr für die Bedürfnisse der Schwächsten, die sich selbst noch nicht helfen können? Warum gibt es so viele Kinder, die keiner will?
Und nun wieder ein totes Kind, gestorben am 20. November vorigen Jahres. Verhungert, verdurstet, verwahrlost, in einem Zustand - man fragt sich, wie eine Mutter, wie ein Vater diesen Anblick überhaupt hatten ertragen können. Oder waren sie erleichtert, als Lea-Sophie aus Schwerin nicht mehr herumlief, weil sie längst zu schwach war; als sie nicht mehr quengelte, als sie nichts mehr sagte? Als sie sich nicht mehr regte, als ihr Lebenswille nicht mehr aufbegehrte, als sie Qual und Schmerzen nur noch lautlos hinnahm? Fünf Jahre wurde sie alt und wog am Ende gerade noch 7375 Gramm. Ein gesundes Kind bringt in diesem Alter das Doppelte auf die Waage. Lea-Sophie sah nicht erst Ende November 2007 aus wie eine Greisin. Sie war schon Wochen vor ihrem Tod nur noch Haut und Knochen, die Haare schütter, büschelweise ausgefallen. Geschwüre durch Wundliegen fraßen sich bis auf ihre Knochen durch.
"Die Großeltern redeten in alles rein"
Lea-Sophies Eltern, Nicole G., 24, und Stefan T., 26, müssen sich seit Dienstag vor dem Schweriner Landgericht wegen Mordes durch Unterlassen an ihrer Tochter verantworten. Sie sehen nicht aus, als stammten sie vom äußersten Rand der Gesellschaft. Sie sind weder Alkoholiker noch Drogenabhängige oder Menschen, die aus der zivilisierten Gesellschaft ausgebrochen oder von ihr ausgestoßen worden wären. Nicole G., wachsweiß, eine schmale, zerbrechlich anmutende Person; Stefan T. im schwarzen Anzug, er könnte wie ein gut erzogener, aufgeschlossener junger Mann wirken, sprächen seine Gesichtszüge nicht von fassungsloser Trauer und Entsetzen über sich selbst.
Die Staatsanwaltschaft wirft diesen beiden jungen Leuten eine mitleidslose und gefühlskalte Einstellung ihrem Kind gegenüber vor, das sie grausam getötet hätten. Dabei hat sie wohl eher völlige Unkenntnis und Unverständnis kindlichen Verhaltens so handeln lassen, denn böse Absicht. Doch irgendwann war es dann zu spät. Nicole G. und Stefan T. sind nicht die ersten Eltern, die sich schämten oder fürchteten, Hilfe zu holen, weil dann nämlich das ganze Ausmaß ihres Versagens zutage getreten wäre und sie mit empfindlichen Reaktionen hätten rechnen müssen.
Als Nicole G. Lea-Sophie als "Frühchen" zur Welt brachte, lebte sie noch nicht mit Stefan T. zusammen, der damals seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr ableistete. Um das Neugeborene kümmerten sich vor allem die Adoptiveltern der jungen Mutter, mit der Folge vermutlich, dass sie ein Gespür für ihr Kind so recht nicht entwickeln konnte. Als sie dann mit Stefan T. zusammenzog, gab es die ersten Reibereien: Die Großeltern wollten das entzückende kleine Mädchen behalten, sie wollten es nicht dem unerfahrenen jungen Paar überlassen. "Fortan standen wir unter besonderer Beobachtung. Die Großeltern redeten in alles rein." So steht es in einer Erklärung Stefan T.s, die er am ersten Sitzungstag von einem seiner Anwälte verlesen ließ.
Alles war gut - bis Justin zur Welt kam
Es muss trotzdem einigermaßen gut gegangen sein, bis zu jenem 30. September 2007, als Justin zur Welt kam. Das junge Paar hatte sich immer mehr in die eigenen vier Wände zurückgezogen - der Staatsanwalt erwähnte bei Anklageverlesung ausdrücklich die gepflegte, saubere Wohnung - man wollte sich nicht bevormunden lassen, schaffte sich Tiere an und war zufrieden mit der trauten Zweisamkeit, die durch Lea-Sophie nicht gestört wurde. Noch nicht.
Das muss sich mit der Geburt des Sohnes schlagartig geändert haben. Lea-Sophie reagierte laut den Worten ihres Vaters aggressiv, sie warf mit Spielzeug umher, räumte Schränke aus, nässte und kotete wieder ein - Verhaltensweisen, die darauf hindeuten, dass das Mädchen nicht genügend auf das Geschwisterchen vorbereitet worden war und offensichtlich um jeden Preis Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erkämpfen versuchte. Doch das Ergebnis war nicht das erhoffte: Die Eltern reagierten abweisend, sie ärgerten sich über Lea-Sophies Störattacken, sie wussten nicht mehr weiter. "Wir redeten vernünftig mit ihr", sagte Stefan T. vor Gericht mehrfach. "Wir redeten auf sie ein. Alle Appelle an ihre Vernunft scheiterten. Sie schüttelte nur den Kopf."
Die Vernunft hat nichts bemerkt
Viel gegessen, so Stefan T., wurde in der Familie auch früher nicht. Es gab Frühstück und Abendbrot, das Nicole G. zubereitete. Mittagessen entfiel. "Wir sind keine großen Esser", so Stefan T. "Lea-Sophie war ein zierliches Kind, sie aß vernünftig und war durch und durch gesund." Die Eltern nahmen sie aus dem Kindergarten, um die Verpflegungskosten zu sparen, denn, wie gesagt, mittags gab es ja auch zu Hause nichts.
Nach der Geburt Justins aber verweigerte Lea-Sophie selbst das "vernünftige Essen". Der Vater, der zugibt, ihm habe "oft das rechte Verständnis" für das Mädchen gefehlt, hielt sich an die Devise, dass, wer Hunger habe, schon irgendwann "vernünftig" essen werde, und stellte offenbar weitere Bemühungen um das störrische Kind ein. Es bringe ja doch nichts. Er habe gedacht, Lea-Sophie sei eben eifersüchtig, und die Mutter werde sich schon um alles kümmern. "Wenn ich Kritik übte, warf sie mir vor, ich hätte hier nichts zu sagen." Das junge Elternpaar schien sich von einem Tag auf den anderen zu vertrösten: Na, irgendwann wird sie schon essen, wenn nicht heute Abend, dann morgen, übermorgen, überübermorgen. "Wir waren beide überzeugt, dass wir es schaffen", verlas T.s Anwalt. An Hilfe durch einen Arzt habe man "nicht gedacht". Und auf die Idee, Lea mal mit der Flasche zu füttern wie den kleinen Justin, sei man nicht gekommen. Vermutlich, weil dies nicht vernünftig gewesen wäre.
"Wir haben gehofft, dass alles von alleine gut wird"
"Es fiel mir schon auf, dass Lea-Sophie immer dünner wurde", so T. Dass ihr Zustand immer bedrohlicher wurde, habe er aber nicht bemerkt. "Ich habe ihren Zustand nicht so in Erinnerung. Vielleicht aber haben wir ihn auch nicht wahrhaben wollen." Die Geschwüre am Gesäß des Kindes habe er nicht gesehen, weil - ja weil für Körperpflege eben die Mutter zuständig war. Von ihr habe er nur erfahren, dass das Mädchen "wieder eingekackt" und Ärger gemacht habe. "Wir haben gehofft, dass alles von alleine gut wird." Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Die Eltern hätten sehr wohl erkannt, dass sich das Kind in Todesgefahr befand und dies billigend in Kauf genommen.
Nicole G. sei an jenem 20. November "sauer" gewesen, dass er, nachdem man mit dem Baby und den Hunden von einem Spaziergang zurückgekehrt war und Lea-Sophie nicht mehr ansprechbar und reglos auf einem Stuhl zusammengekauert verharrte, den Notarzt rief. Sie habe gefürchtet, dass man beide Kinder aus der Familie nehmen würde. Diese Furcht war begründet, denn das Mädchen war schon längst nicht mehr vorzeigbar. So wurde etwa eine Nachfrage eines Jugendamtmitarbeiters abgewiegelt mit der Ausrede, Lea-Sophie sei leider momentan nicht zu Hause, sondern bei Bekannten.
Vier Sachverständige, Kinderärzte und Rechtsmediziner, werden der Großen Strafkammer 2 des Schweriner Landgerichts helfen, sich ein Bild zu machen von dem Leiden Lea-Sophies und dem Ausmaß der Schuld ihrer Eltern und der Behörden, die, hingewiesen auf die Gefahr, in der sich das Kind befand, nicht reagierten. Dass man den Nöten eines fünfjährigen Kindes aber nicht mit "Vernunft" beikommen und es sich selbst überlassen kann, sondern nur mit aufopfernder Liebe und schier unerschöpflicher Geduld - das werden diese Angeklagten wohl kaum im Gerichtssaal lernen können. "Ich habe als Vater versagt", steht in der Erklärung des Angeklagten T. am Ende.
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