Von Jörg Diehl, Kiel
Kiel - "Den Zirkus" nennen die Justizwachtmeister des Landgerichts Kiel den Schwurgerichtssaal im zweiten Stock des Gebäudes. Ein ovaler Raum, mit rosafarbender Täfelung, Stuck und grauen Kassettentüren. Im hinteren Teil staffeln sich die sanft ansteigenden Sitzreihen, sie sind an diesem Dienstagmorgen gut gefüllt, wie Bänke in einem Kino. Aufgeregt tuscheln die Zuschauer, die Vorstellung soll endlich beginnen, mancher will zum Mittagessen pünktlich zu Hause sein.
Um 9.07 Uhr öffnet sich eine gewölbte Pforte und eine hagere, gekrümmte Gestalt schiebt sich in den Raum. Christopher W., 21, trägt einen grauen Anzug, ein weißes Hemd und eine schmale, blaue Krawatte. Das blasse Gesicht, der unmodische Haarschnitt: Der gelernte Vermögens- und Anlageberater aus München sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Ministrant. Mit einem scheuen Lächeln auf den Lippen nimmt er neben seinem Verteidiger Platz.
Sodann dröhnt Staatsanwalt Matthias Daxenberger diesem zerbrechlich wirkenden Männlein entgegen, was es getan haben soll, was es vielleicht getan hat. Es ist jetzt ganz still in Saal 232, begierig scheint sich das Publikum dem Gedanken hinzugeben, hier möglicherweise einen Mörder zu sehen, einen Menschen, der seine wehrlose Schwester tötete, und der nun ebenso vorsichtig wie hilflos lächelt, als die schrecklich schwerwiegenden Worte auf ihn einprasseln. Der Zirkus hat begonnen.
Latex-Maske, Handschuhe, Einweg-Overall
Viktoria W. war so alt, wie ihr Bruder es heute ist, als sie in der Nacht zum 21. Januar 2006 in ihrer Wohnung in Kiel-Dietrichsdorf erschlagen wurde. Mit einem "metallenen Werkzeug" hat Christopher laut Anklage elfmal auf die Schlafende eingeprügelt und ihr Schädel, Kiefer und Kehlkopf zertrümmert.
Den Plan dazu habe er während eines gemeinsamen Besuchs im Dezember 2005 beim Vater in Seesen gefasst, so Staatsanwalt Daxenberger. Christopher habe sich "Schutzkleidung besorgt" - eine Schaumlatex-Maske, Handschuhe aus Rindnarbenleder und einen weißen Einweg-Overall mit Kapuze - und sei am 20. Januar von München nach Kiel gereist.
Dieser Anzug wird im Laufe des reinen Indizienprozesses noch eine große Rolle spielen. Techniker des Landeskriminalamts hatten am Tatort Fasern sicherstellen können, die aus der Charge von Overalls stammen sollen, aus der Christopher einen gekauft hatte. Und noch etwas könnte gegen den Angeklagten sprechen. Der Täter hatte sich mit einem Reserveschlüssel, den Viktoria W. außerhalb der Wohnung versteckt hielt, Zutritt zu den Räumen des späteren Opfers verschafft. Nur wenigen Personen jedoch war bekannt, wo sich dieses Depot befand. Christopher soll zu ihnen gehört haben.
"Er bestreitet die Tat weiterhin"
Weshalb der junge Mann seine Schwester, die ihm so ähnlich sah, getötet haben soll, dazu schweigt sich die Anklage aus. In den örtlichen Zeitungen war zuletzt darüber spekuliert worden, dass Viktorias Lebensversicherung eine Rolle gespielt haben könnte oder der Sohn an den hohen Erwartungshaltungen seines Vaters zerbrochen sei - und sich dafür rächen wollte.
Der ehemalige Manager Claus-Dieter W. hatte bald nach der Tat für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen, eine Belohnung von 20.000 Euro ausgesetzt. Offenbar war der Geschäftsmann unzufrieden mit dem langsamen Fortgang der Ermittlungen. Die Mordkommission hatte 20 Monate lang mehr als tausend Personen überprüft - Freunde, Kommilitonen, Nachbarn - bis sie schließlich den nun Angeklagten in München festnahm.
Weder zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft noch zu seiner Person wollte der 21-Jährige am Morgen irgendwelche Angaben machen. Über seinen Verteidiger ließ er ausrichten, er werde zu diesem Zeitpunkt keine Erklärungen abgeben. Und dann fügte Rechtsanwalt Hans-Joachim Liebe noch schnell hinzu: "Er bestreitet die Tat weiterhin."
So endet dieser erste Verhandlungstag in Kiel. 9.15 Uhr: Vorstellung aus, Vorhang, der Zirkus zieht weiter, das Publikum murrt.
Aber Mittagessen klappt.
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