Paris - Wenn Lydia Gouardo dieser Tage den abscheulichen Missbrauch des Josef Fritzl an seiner Tochter verfolgt, werden böse Erinnerungen wach: "Ihr haben sie geholfen, aber mein Vater wird nie mehr bestraft werden", sagt die 45-jährige Französin aus dem Pariser Vorort Coulommes.
Gouardo erlebte bis Ende der neunziger Jahre ähnliches wie Elisabeth Fritzl aus Österreich. Sie wurde erlöst, als ihr Vater starb - nachdem er sie fast dreißig Jahre lang geprügelt, vergewaltigt und mehrfach geschwängert hatte. Sechs Kinder sind aus dem Missbrauch hervorgegangen. Immer wieder lief die Französin davon, wie sie heute in Interviews berichtet. Immer wieder versuchte sie, sich jemandem anzuvertrauen. Niemand glaubte ihr: "Jedes Mal habe ich meine Geschichte erzählt, aber immer wieder wurde ich zurückgebracht."
Die Stiefmutter schaute bei den Vergewaltigungen zu
Ihr Leidensweg begann mit acht Jahren, als sie von ihrer Stiefmutter in siedendes Wasser geworfen wurde, erzählte sie dem Radiosender RTL. Der Adoptivvater habe sie aus dem Krankenhaus geholt und das verletzte Kind auf dem Bauernhof in Coulommes östlich von Paris erstmals sexuell missbraucht. "Wenn ich fliehen wollte, hat er mir die Füße mit Säure verätzt", schildert sie. Die Behörden blieben untätig, als das Kind nach wenigen Monaten von der Schule genommen wurde.
Von 1982 bis 1993 brachte Lydia sechs Kinder von ihrem Vater zur Welt. Schlimmer als im Falle der Elisabeth Fritzl: Die Stiefmutter von Lydia wusste von den Leiden, die dem Mädchen zugefügt wurden, habe sogar bei mehreren Vergewaltigungen zugesehen. "Nach den Geburten kam mein Vater ins Krankenhaus. Als die Krankenschwestern nach dem Vater meiner Kinder fragten, sagte ich, er sei es. Niemals hat jemand reagiert."
An manchen Tagen, erzählt Lydia, sei sie dreimal vergewaltigt worden, "morgens, mittags und abends. Ich hatte das Gefühl, das ist normal." Das letzte Mal habe sich der Vater 1999 an ihr vergangen, eine Woche vor seinem Tod.
Erst nach mehreren Jahren überzeugte sie ihr Lebensgefährte, den Fall vor Gericht zu bringen und Anzeige gegen ihre Stiefmutter zu erstatten. Gegen ihren Willen fand der Prozess hinter verschlossenen Türen statt und gelangte nicht an die Öffentlichkeit.
"Der schlimmste Fall, den ich je betreut habe"
Vor rund einer Woche wurde in Paris das letztinstanzliche Urteil gesprochen: Die Stiefmutter erhielt vier Jahre auf Bewährung. Wegen Verheimlichung einer Straftat und weil sie einen der Söhne Lydias selbst sexuell missbrauchte. Für Lydia ein schockierend mildes Urteil.
"Das ist der schlimmste Fall, den ich je betreut habe", sagte ihr Anwalt Alain Mikowski zu "Le Parisien". "Die lange Zeit der Verbrechen, die Straffreiheit für die Täter, die Gewalttätigkeit und das Versagen der Behörden: Die Affäre ist unbegreifbar."
Lydia lebt immer noch auf dem Bauernhof, zusammen mit ihrem Lebensgefährten und inzwischen neun Kindern. "Das ist mein Zuhause. Aber ich spreche mit niemandem. Ich bin wütend auf meine Nachbarn, die den Mund nicht aufgemacht haben."
Dennoch habe Elisabeth Fritzl "mehr durchgemacht" als sie, sagt Gouardo. Ihr Vater habe sie nur eingesperrt, wenn sie weglaufen wollte, und sie habe sogar gelegentlich etwas von der Außenwelt mitbekommen. "Ich würde dieser Frau gern helfen", sagt die Französin, die bis heute gegen die frühere Lebensgefährtin ihres Vaters prozessiert. Sie hätte gern, dass Elisabeth Fritzl und sie Freundinnen seien. Dann würde sie sich weniger alleine fühlen, sagt Gouardo. "Vielleicht gibt es noch weitere Fälle, in diesen Dörfern, in denen die Leute ihre Gardinen zuziehen."
taf/AP
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