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30.04.2008
 

Drama von Amstetten

Polizei untersucht Bunkersystem von Josef Fritzl - Familie findet zurück ins Leben

Josef Fritzl, der Mann mit den vielen Gesichtern, will sich nicht mehr zu seinen Taten äußern - Ermittler untersuchen jetzt das perfide Überwachungs- und Versorgungssystem im Kerker. Für die Opfer beginnt ein neues Leben: Therapeuten führen sie vorsichtig an den Alltag heran, die Familie genießt die neue Freiheit.

Amstetten - Sie sind zusammen. Endlich wieder. Elisabeth Fritzl, fünf ihrer Kinder und ihre Mutter Rosemarie sind gemeinsam im Landesklinikum Mostviertel Amstetten untergebracht. Von Ärzten und Therapeuten soll der Familie behutsam ein "gelungener Start in ein neues Leben" ermöglicht werden, sagte der ärztliche Direktor des Klinikums, Berthold Kepplinger, am Mittwochnachmittag bei einer Pressekonferenz - fünf Tage nach der Befreiung der Gefangenen des Josef Fritzl aus dem Verlies.

Den sieben Menschen steht jetzt ein abgeschlossener, rund 80 Quadratmeter großer Wohnbereich zur Verfügung, wo sie ungestört sein können. Nach Aussage des Arztes verbringt die Familie viel Zeit zusammen: "Sie reden sehr viel miteinander", sagte Kepplinger. Das Verhältnis zwischen Elisabeth Fritzl und ihrer Mutter sei "ausgezeichnet". Was die psychische Stabilität der Opfer anbelange, sei ein "Status quo eingetreten", sagte der Arzt - sprich: Dramatische Veränderungen sind in nächster Zeit nicht zu erwarten.

Die Kinder verbringen ihre Zeit mit Spielen und Turnen. Das Essen in der Klinik schmecke ihnen "ausgezeichnet". Auch ihr Spielzeug aus dem Verlies hätten sie mittlerweile zurückbekommen. Die im Verlies aufgewachsenen Stefan, 18, und Felix, 5, hätten Lesen und Schreiben gelernt - "wenn auch in eingeschränktem Maß". Den jüngsten Sohn Felix beschreibt der Mediziner als "lieb, aufgeweckt und anhänglich. Er will nicht von der Mutter weichen".

In der kommenden Woche sollen mit den Familienmitgliedern "therapeutische Orientierungsgespräche" stattfinden. Die Polizei werde mit den Kindern "in absehbarer Zeit" keine Gespräche führen, sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer. Sowohl Kepplinger als auch der Anwalt der Opfer, Christoph Herbst, appellierten an die Öffentlichkeit, die Privatspähe der Familie zu schützen.

Josef Fritzl hat heute durch seinen Anwalt mitteilen lassen, er wolle sich nicht mehr zu den Vorwürfen gegen ihn äußern. Das teilte Staatsanwalt Gerhard Sedlacek mit: "Der Beschuldigte ist nach wie vor nicht bereit, eine Aussage zu machen."

Wie Josef Fritzl es schaffte, zunächst nur seine Tochter, dann auch drei weitere Menschen in dem Kellerverlies über Jahrzehnte zu versorgen, versucht die Polizei nun zu rekonstruieren. Er habe technisches Gerät wie Waschmaschine, Gefrierschrank und Kühlschrank durch die mit Beton verstärkte Zugangstür ins Verlies geschafft - sie ist nur einen Meter hoch und 60 Zentimeter breit. "Es ist möglich, dass ein Einzelner die Geräte ins Verlies bringen kann", sagte LKA-Leiter Polzer, der zu diesem Zeitpunkt einen Mitwisser oder Mittäter ausschließt.

Sachverständige des österreichischen Bundeskriminalamtes (BKA) wollen nun rekonstruieren, wie Fritzl die elektronische Vorrichtung kontrollierte, die das Verlies abschloss.

Fritzl sagte bei seiner ersten Vernehmung aus, dass die Gefangenen etwa im Fall seines Todes die Möglichkeit gehabt hätten, das Verlies von innen zu öffnen. LKA-Chef Polzer kündigte eine Überprüfung dieser Aussage an.

Um zur Verlies-Zugangstür zu gelangen, musste man im Keller zunächst fünf Räume durchqueren: Heizungsräume, einen Lagerraum, einen Arbeitsraum. In letzterem stand das Regal, hinter dem wiederum der Eingang zum Verlies verborgen war.

Das Verlies bestand anfangs nur aus einem Raum, dessen einzige Bewohnerin Elisabeth Fritzl war, als ihr Vater sie 1984 dort einsperrte. Im Lauf der Jahre, nach Geburt der ersten Kinder Kerstin, heute 19, und Alexander, heute 18, begann Fritzl mit der Erweiterung. Dazu brach er Türen zu anderen unterirdischen Räumen auf, die bereits bestanden.

Wenn Fritzl eine seiner Urlaubsreisen machte und etwa nach Thailand verreiste, legte er nach jetzigem Ermittlungsstand entsprechende Vorräte im Verlies an: "Es war den Gefangenen möglich, über Wochen auszuharren, vorausgesetzt, die Stromversorgung bestand fort", sagte LKA-Chef Polzer.

Polizei will 100 Zeugen verhören

Polzer führte auch aus, dass im Mehrfamilienhaus in der Ybbsstraße im Amstetten im Laufe der Jahrzehnte rund 100 verschiedene Personen lebten - mit allen diesen Mietern versucht die Polizei in den nächsten Wochen zu sprechen.

Intensiv soll nun auch die Vergangenheit von Josef Fritzl überprüft werden: Am Mondsee in Oberösterreich, wo Fritzl einen Gasthof und einen Campingplatz betrieb, war er zum Beispiel 1982 wegen des Verdachts der Brandstiftung kurzfristig in Haft. Das bestätigte Gerhard Neuhuber von der Polizeiinspektion Unterach. 1974 und 1982 habe es dort Brände gegeben, in beiden Fällen habe der Verdacht der Brandstiftung sich nicht erhärten lassen.

"Sie fielen sich in die Arme und haben bitterlich geweint"

Das erste Wiedersehen im Klinikum zwischen der Ehefrau Fritzls, Rosemarie und ihrer Tochter Elisabeth, die 24 Jahre lang im Kellerverlies gefangengehalten und missbraucht wurde, soll hochemotional gewesen sein. Das sagte Kepplinger dem britischen "Mirror": "Sie fielen sich in die Arme und haben bitterlich geweint. Sie wollten sich nicht mehr loslassen und haben einander nur festgehalten."

Rosemarie Fritzl habe "ganz klar" keine Kenntnis von Elisabeths Schicksal gehabt. "Es tut mir so leid, ich habe davon nichts gewusst", sagte sie laut "Mirror" zu ihrer Tochter. Rosemarie Fritzl soll nach jetzigem Ermittlungsstand ahnungslos gewesen sein. Die Kinder Lisa, 16, Monika, 14, und Alexander, 12, die Josef Fritzl aus dem Verlies nach oben in die Wohnung holte, soll sie "sehr liebevoll" aufgezogen haben. Das sagen Ermittler und Anwohner aus Amstetten immer wieder.

Verständigung mit Gurr- und Knurrlauten

Welche körperlichen und psychischen Schäden hat das Leben in dem unterirdischen 60-Quadratmeter-Gefängnis bei den drei gefangenen Kindern hinterlassen? "Wenn geschrieben wird, dass sie sprechen, ist das nur ein Teil der Wahrheit", sagte Chefinspektor Leopold Etz der "Bild"-Zeitung. Er gehörte zu dem Einsatzteam, das die Kinder aus dem Kellerverlies befreite und ins Klinikum brachte.

Die sprachlichen und motorischen Fähigkeiten der beiden Jungen sind offenbar nicht normal entwickelt. Sie kommunizierten in einer eigenen Verständigungsform miteinander, so Etz: "Untereinander verständigen sie sich anders. Es ist eine Mischung aus Gurr- und Knurrlauten. So eine Art eigener Dialekt." Wenn die Kinder sich Dritten mitteilen wollten, bemühten sie sich um die "richtigen" Worte - "vermutlich aus Höflichkeit", sagte Chefinspektor Etz der "Bild"-Zeitung. Felix ziehe zur Fortbewegung das Krabbeln vor, könne aber auch aufrecht gehen. Mit Hilfe von Ergo- und Physiotherapeuten sollen die Jungen nun ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten ausbauen.

"Staunend" hätten die beiden Jungen Felix, 5, und Stefan, 18, den Mond bewundert, sich gegenseitig angestoßen und "ganz aufgeregt miteinander getuschelt". Als am Tag darauf ein Sonnenstrahl Felix' Gesicht berührte, habe er "laut gequiekt".

Ihre Schwester Kerstin, 19, die ebenfalls im Verlies aufwuchs, liegt nach wie vor auf der Intensivstation des Krankenhauses Amstetten. Sie wurde in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt.

Die fünf anderen Geschwister Stefan, Lisa, Monika, Alexander und Felix wurden erstmals miteinander bekannt gemacht. "Es war erstaunlich, wie gut das verlaufen ist", zitiert der "Mirror" den Klinikchef Kepplinger. "Felix hat das am meisten mitgenommen. Bis zu dem Tag hat er ja nie mehr als vier Leute gesehen. Er zuckte bei der kleinsten Unruhe zusammen und hielt sich die ganze Zeit an seiner Mutter fest. Es ist ja kaum überraschend, dass er solche Angst hat."

Um den sechs Kindern ein möglichst geschütztes Leben zu ermöglichen, erwägen die Behörden, ihnen neue Identitäten zu geben. Ob dies auch für Elisabeth Fritzl gilt, ist noch nicht bekannt.

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