Schwägerin des Inzest-Täters
"Er hat die Kinder gedrillt"
Tyrannisch, selbstsüchtig, furchteinflößend - so beschreibt seine Schwägerin den Inzest-Täter Josef Fritzl. Laut Christine R. war die Familie dem Patriarchen vollkommen ausgeliefert. Der Anwalt des 73-Jährigen hingegen hält seinen Mandanten für psychisch krank - er will eine Haftstrafe verhindern.
Amstetten - Nach allem, was man bislang weiß, handelte Josef Fritzl allein. Es gab keine Mitwisser, keine Komplizen, keine Vertrauten. Auch seine Frau Rosemarie ahnte von den Vorgängen im Keller nichts. Nach Informationen des SPIEGEL entlastet auch das Opfer, Elisabeth Fritzl, ihre Mutter ausdrücklich. In den Jahren ihrer Gefangenschaft sei sie ausschließlich von ihrem Vater versorgt worden, sagte die 42-Jährige demnach der Polizei.
Die Schwägerin Josef Fritzls beschrieb unterdessen den Mann ihrer Schwester als einen Tyrannen, der eine Atmosphäre der Angst im Haus verbreitet habe. "Wenn er gesagt hat, es ist schwarz, dann war es schwarz, auch wenn es zehnmal weiß war", sagte Christine R. Josef habe keinen Widerspruch geduldet. Sie selbst habe sich bei Familienfesten vor ihm gefürchtet. Man könne sich vorstellen, wie es für eine Frau gewesen sein müsse, die so viele Jahre mit ihm verbracht habe.
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Wenn Menschen unmenschlich werden: Das monströse Doppelleben des Josef Fritzl
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"Als die Rosemarie den Sepp geheiratet hat, war sie 17. Sie hat keinen Beruf erlernt, war ihm immer ausgeliefert – und er hat das 51 Jahre lang ausgenützt", sagte Christine R. der Zeitung "Österreich". Josef Fritzl sei ein "Despot". "Er hat die Kinder gedrillt. Wenn er das Zimmer betreten hat, waren alle sofort still – auch wenn sie vorher gespielt hatten. Man hat die ständige Angst vor Strafen gespürt. Die einzige Chance für die Kinder, diesem Klima zu entkommen, war zu heiraten. Und das haben auch alle gemacht, sobald sie alt genug waren."
Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Wiener Anwalt des Amstettener Inzesttäters seinen Mandanten für psychisch krank und damit unzurechnungsfähig hält. Er will eine Haftstrafe verhindern - und setzt stattdessen auf eine Einweisung in die in psychiatrisches Krankenhaus.
Zweimal schon hat der Jurist Rudolf Mayer seinen Mandanten Josef Fritzl in der Untersuchungshaft getroffen. Was er dabei erfahren hat, lässt für den prominenten Juristen nur einen Schluss, nur eine Strategie zu: "Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist Fritzl psychisch krank und damit unzurechnungsfähig", sagte Mayer "Bild am Sonntag". Der Verteidiger will eine Haftstrafe für den Sexualstraftäter verhindern: "Ich glaube, mein Mandant gehört nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene Psychiatrie."
Tatsächlich müssen über Fritzls Zurechnungsfähigkeit Gutachter entscheiden. Mayer kündigte an, möglicherweise ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben, falls andere "die Persönlichkeit meines Mandanten nicht wiedergeben".
Konkret wird Fritzl Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und Freiheitsberaubung vorgeworfen, außerdem Mord durch Unterlassen - eines der Kinder, das er mit seiner Tochter Elisabeth im Amstettener Kellerverlies gezeugt hatte, war kurz nach der Geburt gestorben. Elisabeth sagt, er habe die Leiche in einem Heizofen verbrannt. Gegen den Vorwurf des Mordes durch Unterlassen will sich Verteidiger Mayer wehren. Die anderen Vorwürfe lässt er gelten: "Mein Mandant hat den Inzest gestanden, sowie seine Tochter eingesperrt zu haben", sagte er "Bild am Sonntag". Falls Fritzl der Mord tatsächlich nicht nachgewiesen werden kann, könnte der heute 73-Jährige der Zeitung zufolge nach 15 Jahren wieder in Freiheit gelangen.
Mayer hatte schon im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über seine Begegnungen mit Fritzl gesagt, er habe den Eindruck gehabt, "vor mir stünde ein pater familias, ein Familienoberhaupt, mit guten, aber auch mit schlechten Seiten". Fritzl sei
"sehr ernst, betroffen und emotional zerbrochen". Diese Einschätzung schließe jedoch nicht aus, dass er in den bisherigen Verhören "teilnahmslos" gewirkt habe.
Bei der zweiten Begegnung habe sich Fritzl zwei Stunden lang sein Leben von der Seele geredet und "seine Sicht der Dinge" geschildert. Über Details des Gesprächs schweigt der Jurist. Auch seinen Mandanten habe er zur Verschwiegenheit aufgefordert: "Er hat schon zu viel gesprochen."
DAS VERBRECHEN VON AMSTETTEN
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Um zu verschleiern, dass er seine Tochter Elisabeth im Kellerverlies gefangen hält, zwingt Josef Fritzl sie, Briefe zu schreiben, die ihr freiwilliges Verschwinden belegen sollen. Sie schreibt darin, sie hätte sich einer Sekte angeschlossen, und bittet ihre Eltern darum, sie nicht zu suchen. Er fährt nach Oberösterreich, schickt von dort die Briefe an seine eigene Adresse oder legt sie den "Findelkindern" bei - Monika, Lisa und Alexander, die er mit Elisabeth im Verlies zeugte und die er dann nach oben holte.
19. April 2008: Als die 19 Jahre alte Kerstin Fritzl, das älteste der Kinder im Verlies, schwer erkrankt, lässt sich Josef Fritzl von seiner Tochter Elisabeth überreden, Kerstin ins Krankenhaus bringen zu lassen. Er macht den Behörden weis, sie vor dem Wohnhaus gefunden zu haben - mit einem handgeschriebenen Brief Elisabeths. Die Klinikärzte initiieren zur Anamnese der Patientin erneut eine landesweite Suche nach Elisabeth. Erneut kann die ihren Vater überreden, auch sie ins Krankenhaus zu lassen. Als sie dort die Zusicherung erhält, dass es nicht mehr zu einem Kontakt mit dem Vater komme und auch für ihre Kinder gesorgt werde, ist Elisabeth zu einer umfassenden Aussage bereit. Die Söhne Stefan (18) und Felix (5) werden aus dem Verlies befreit, sehen zum ersten Mal Tageslicht.
In einer Kellerecke des Hauses in der Ybbstraße 40 verdecken Regale, Werkzeugkisten und Farbeimer die Stahlbetontür, die zum Verlies führt. Die Tür ist ferngesteuert und mit einem Zahlencode gesichert, den nur Josef Fritzl kannte. Dahinter verbergen sich die Wohnräume der vier Gefangenen: ein fünf Meter langer Flur, eine zweite Stahltür, ein Vorratsraum mit Waschmaschine, ein Zimmer mit zwei Betten, ein 60 Zentimeter schmaler Durchgang in den nächsten Raum, eine Kochstelle mit WC und Dusche, wieder ein Durchgang, ein Schlafzimmer mit Doppelbett - insgesamt etwa 60 Quadratmeter, mit einer maximalen Deckenhöhe von 1,70 Meter. Josef Fritzl besorgt einen Fernseher, Kleidung und Nahrungsmittel. Wenn er in den Urlaub fährt, deponiert er zuvor ausreichend Nahrungsmittel.
Josef Fritzl lebt mit seiner Frau Rosemarie, 69, und den mit Elisabeth gezeugten Kindern Lisa, 15, Monika, 14, und Alexander, 12, die er als "Enkelkinder" ausgibt, zusammen. Die Großeltern beantragten bei der Jugendwohlfahrt Amstetten die Adoption Lisas. Monika und Alexander wurden von Josef und Rosemarie Fritzl in Verwandtenpflege genommen. Mitarbeiter der Jugendwohlfahrt hätten zur Familie Fritzl Kontakt gehabt, sagte der Amstettener Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze. Dabei sei Josef Fritzl meist nicht anwesend gewesen. Lenze: "Es bestand kein Verdacht, dass Personen im Keller gefangen gehalten werden."
Ein DNA-Test, dessen Ergebnis am 29. April bekanntgegeben wurde, beweist: Josef Fritzl ist nachweislich der Vater aller sechs Kinder, die Tochter Elisabeth im Verlies zur Welt brachte. Ein siebtes Kind starb kurz nach der Geburt im Verlies - Josef Fritzl verbrannte die Leiche im Heizkessel.
Die Isolation von Elisabeth Fritzl und ihren drei im Verlies aufgewachsenen Kindern hat schwerwiegende psychische und physische Folgen: Schwere Traumatisierung durch die Misshandlungen, zurückgebliebene sprachliche und motorische Entwicklung. Die 42-jährige Elisabeth und fünf ihrer sechs Kinder werden in einem geschützten Bereich der Landesnervenklinik Amstetten-Mauer betreut. Ein Therapeuten- und Ärzteteam ist rund um die Uhr bei ihnen. Die 19-jährige Kerstin liegt auf der Intensivstation der Klinik von Amstetten. Sie wird künstlich beatmet, einer Antibiotikabehandlung und einer Dialyse unterzogen. Vermutlich bekommen Mutter und Kinder eine neue Identität.
Die Aufarbeitung des Inzestfalles von Amstetten in Niederösterreich könnte nach Einschätzung der Polizei noch "ein halbes Jahr" dauern. Dies sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer. Josef Fritzl sitzt in der Justizvollzugsanstalt St. Pölten ein; ihm drohen bis zu 25 Jahre Haft. Die Vorwürfe gegen den 73-Jährigen lauten nach Auskunft der Staatsanwaltschaft St. Pölten auf Mord durch Unterlassen, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und Freiheitsberaubung. Das Justizministerium kündigte an, den neuen Straftatbestand der "beharrlichen Gewaltausübung" einzuführen.
Die Verteidigung des 73-jährigen Josef Fritzl übernimmt der Wiener Jurist Rudolf Mayer, einer der bekanntesten Anwälte Österreichs. Mayer hat schon 1996 im sogenannten "Briefbomben-Prozess" von sich Reden gemacht. Dass er Fritzl vertrete, sagte der 60-Jährige SPIEGEL ONLINE, habe ihm schon stapelweise Pöbel-Post eingebracht. Stören will sich Mayer daran aber nicht - sondern vielmehr aufklären, was für ein Mensch sein Klient ist. Mayer: "Es gibt für jede Tat, für jedes Täterverhalten eine Begründung." In den Gesprächen mit seinem Mandanten, so Mayer, konzentriere er sich darauf, seine Kopfintelligenz aus- und die Bauchintelligenz einzuschalten. Worüber er mit Fritzl bis jetzt gesprochen hat, behält er jedoch für sich.
Fritzl hatte Mayer als Verteidiger mit den Worten akzeptiert: "Ja, den kenn' ich aus dem Fernsehen!" Der Anwalt berichtet von Drohbriefen an seine Kanzlei. Zu seiner Motivation sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, er sehe es als seine "Aufgabe, Josef Fritzl als Mensch zu zeigen" statt als "Horror-Bestie und Sex-Tyrann". Mayer: "Wer ist Josef Fritzl? Warum ist er so, wie er ist?" Fälle mit einem "psychologisch-psychiatrischen Hintergrund" reizten ihn. Nach drei Jahrzehnten Berufserfahrung als Strafverteidiger sei er überzeugt: "Es gibt für jede Tat, für jedes Täterverhalten eine Erklärung." Mayer verteidigte schon 1996 zwei mutmaßliche Neonazis im sogenannten "Briefbomben-Prozess", in dessen Verlauf er den wahren Täter enttarnen konnte und für seine Mandanten einen Freispruch erlangte.
Fritzl wird in der Untersuchungshaft in St. Pölten von anderen Gefangenen weitgehend isoliert. Gefängnisleiter Günther Mörwald sagte, es gebe zwar keine konkreten Drohungen gegen ihn - trotzdem sei man auf der Hut. Anwalt Mayer sagte SPIEGEL ONLINE, im Gefängnis werde "sehr auf Josef Fritzl geachtet" - aus beidseitigem Schutz: Damit er "nicht selbst über sich urteilt" und etwa Suizid begeht und weil "er in der Häftlingshierarchie keinen besonders guten Stand" habe.
Das Landeskriminalamt (LKA) Niederösterreich teilte mit, die laufenden Ermittlungen hätten vorerst keine neuen Erkenntnisse ergeben. Die Arbeit am Tatort sei für die Beamten belastend: Mit jedem Gegenstand im Verlies, der untersucht werde, werde den Ermittlern in Erinnerung gerufen, "was sich hier abgespielt hat", sagte LKA-Chef Franz Polzer. Bei der Untersuchung gehe es zurzeit darum, wie Fritzl die Menschen im Verlies mit Lebensmitteln versorgt habe. Hierzu gebe es vorerst "keine konkreten Aussagen".
Der österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer versprach den Inzestopfern schnelle Hilfe. "Dieses Verbrechen geht allen unter die Haut. Unsere Aufgabe ist es jetzt, alles zu tun, um den Opfern zu helfen". Er warnte vor einer Medienkampagne gegen Österreich: Sein Land wehre sich dagegen, dass von einigen ausländischen Medien versucht werde, "aus diesem entsetzlichen Verbrechen etwas 'spezifisch Österreichisches' zu konstruieren". Seine Regierung prüfe derzeit alle einschlägigen Gesetze und suche nach Verbesserungen, die ähnliche Taten in Zukunft nach Möglichkeit verhindern könnten.
plö/jdl/AP