Mittwoch, 10. Februar 2010

Panorama



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04.05.2008
 

Schwägerin des Inzest-Täters

"Er hat die Kinder gedrillt"

Tyrannisch, selbstsüchtig, furchteinflößend - so beschreibt seine Schwägerin den Inzest-Täter Josef Fritzl. Laut Christine R. war die Familie dem Patriarchen vollkommen ausgeliefert. Der Anwalt des 73-Jährigen hingegen hält seinen Mandanten für psychisch krank - er will eine Haftstrafe verhindern.

Amstetten - Nach allem, was man bislang weiß, handelte Josef Fritzl allein. Es gab keine Mitwisser, keine Komplizen, keine Vertrauten. Auch seine Frau Rosemarie ahnte von den Vorgängen im Keller nichts. Nach Informationen des SPIEGEL entlastet auch das Opfer, Elisabeth Fritzl, ihre Mutter ausdrücklich. In den Jahren ihrer Gefangenschaft sei sie ausschließlich von ihrem Vater versorgt worden, sagte die 42-Jährige demnach der Polizei.

Die Schwägerin Josef Fritzls beschrieb unterdessen den Mann ihrer Schwester als einen Tyrannen, der eine Atmosphäre der Angst im Haus verbreitet habe. "Wenn er gesagt hat, es ist schwarz, dann war es schwarz, auch wenn es zehnmal weiß war", sagte Christine R. Josef habe keinen Widerspruch geduldet. Sie selbst habe sich bei Familienfesten vor ihm gefürchtet. Man könne sich vorstellen, wie es für eine Frau gewesen sein müsse, die so viele Jahre mit ihm verbracht habe.

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"Als die Rosemarie den Sepp geheiratet hat, war sie 17. Sie hat keinen Beruf erlernt, war ihm immer ausgeliefert – und er hat das 51 Jahre lang ausgenützt", sagte Christine R. der Zeitung "Österreich". Josef Fritzl sei ein "Despot". "Er hat die Kinder gedrillt. Wenn er das Zimmer betreten hat, waren alle sofort still – auch wenn sie vorher gespielt hatten. Man hat die ständige Angst vor Strafen gespürt. Die einzige Chance für die Kinder, diesem Klima zu entkommen, war zu heiraten. Und das haben auch alle gemacht, sobald sie alt genug waren."

Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Wiener Anwalt des Amstettener Inzesttäters seinen Mandanten für psychisch krank und damit unzurechnungsfähig hält. Er will eine Haftstrafe verhindern - und setzt stattdessen auf eine Einweisung in die in psychiatrisches Krankenhaus.

Zweimal schon hat der Jurist Rudolf Mayer seinen Mandanten Josef Fritzl in der Untersuchungshaft getroffen. Was er dabei erfahren hat, lässt für den prominenten Juristen nur einen Schluss, nur eine Strategie zu: "Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist Fritzl psychisch krank und damit unzurechnungsfähig", sagte Mayer "Bild am Sonntag". Der Verteidiger will eine Haftstrafe für den Sexualstraftäter verhindern: "Ich glaube, mein Mandant gehört nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene Psychiatrie."

Tatsächlich müssen über Fritzls Zurechnungsfähigkeit Gutachter entscheiden. Mayer kündigte an, möglicherweise ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben, falls andere "die Persönlichkeit meines Mandanten nicht wiedergeben".

Konkret wird Fritzl Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und Freiheitsberaubung vorgeworfen, außerdem Mord durch Unterlassen - eines der Kinder, das er mit seiner Tochter Elisabeth im Amstettener Kellerverlies gezeugt hatte, war kurz nach der Geburt gestorben. Elisabeth sagt, er habe die Leiche in einem Heizofen verbrannt. Gegen den Vorwurf des Mordes durch Unterlassen will sich Verteidiger Mayer wehren. Die anderen Vorwürfe lässt er gelten: "Mein Mandant hat den Inzest gestanden, sowie seine Tochter eingesperrt zu haben", sagte er "Bild am Sonntag". Falls Fritzl der Mord tatsächlich nicht nachgewiesen werden kann, könnte der heute 73-Jährige der Zeitung zufolge nach 15 Jahren wieder in Freiheit gelangen.

Mayer hatte schon im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über seine Begegnungen mit Fritzl gesagt, er habe den Eindruck gehabt, "vor mir stünde ein pater familias, ein Familienoberhaupt, mit guten, aber auch mit schlechten Seiten". Fritzl sei "sehr ernst, betroffen und emotional zerbrochen". Diese Einschätzung schließe jedoch nicht aus, dass er in den bisherigen Verhören "teilnahmslos" gewirkt habe.

Bei der zweiten Begegnung habe sich Fritzl zwei Stunden lang sein Leben von der Seele geredet und "seine Sicht der Dinge" geschildert. Über Details des Gesprächs schweigt der Jurist. Auch seinen Mandanten habe er zur Verschwiegenheit aufgefordert: "Er hat schon zu viel gesprochen."

DAS VERBRECHEN VON AMSTETTEN

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Die Verschleierungstaktik

Die Entdeckung

Das Verlies

Die Pflegekinder

Der DNA-Test

Die Therapie

Das Strafmaß

Der Anwalt

Fritzl hatte Mayer als Verteidiger mit den Worten akzeptiert: "Ja, den kenn' ich aus dem Fernsehen!" Der Anwalt berichtet von Drohbriefen an seine Kanzlei. Zu seiner Motivation sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, er sehe es als seine "Aufgabe, Josef Fritzl als Mensch zu zeigen" statt als "Horror-Bestie und Sex-Tyrann". Mayer: "Wer ist Josef Fritzl? Warum ist er so, wie er ist?" Fälle mit einem "psychologisch-psychiatrischen Hintergrund" reizten ihn. Nach drei Jahrzehnten Berufserfahrung als Strafverteidiger sei er überzeugt: "Es gibt für jede Tat, für jedes Täterverhalten eine Erklärung." Mayer verteidigte schon 1996 zwei mutmaßliche Neonazis im sogenannten "Briefbomben-Prozess", in dessen Verlauf er den wahren Täter enttarnen konnte und für seine Mandanten einen Freispruch erlangte.

Fritzl wird in der Untersuchungshaft in St. Pölten von anderen Gefangenen weitgehend isoliert. Gefängnisleiter Günther Mörwald sagte, es gebe zwar keine konkreten Drohungen gegen ihn - trotzdem sei man auf der Hut. Anwalt Mayer sagte SPIEGEL ONLINE, im Gefängnis werde "sehr auf Josef Fritzl geachtet" - aus beidseitigem Schutz: Damit er "nicht selbst über sich urteilt" und etwa Suizid begeht und weil "er in der Häftlingshierarchie keinen besonders guten Stand" habe.

Das Landeskriminalamt (LKA) Niederösterreich teilte mit, die laufenden Ermittlungen hätten vorerst keine neuen Erkenntnisse ergeben. Die Arbeit am Tatort sei für die Beamten belastend: Mit jedem Gegenstand im Verlies, der untersucht werde, werde den Ermittlern in Erinnerung gerufen, "was sich hier abgespielt hat", sagte LKA-Chef Franz Polzer. Bei der Untersuchung gehe es zurzeit darum, wie Fritzl die Menschen im Verlies mit Lebensmitteln versorgt habe. Hierzu gebe es vorerst "keine konkreten Aussagen".

Der österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer versprach den Inzestopfern schnelle Hilfe. "Dieses Verbrechen geht allen unter die Haut. Unsere Aufgabe ist es jetzt, alles zu tun, um den Opfern zu helfen". Er warnte vor einer Medienkampagne gegen Österreich: Sein Land wehre sich dagegen, dass von einigen ausländischen Medien versucht werde, "aus diesem entsetzlichen Verbrechen etwas 'spezifisch Österreichisches' zu konstruieren". Seine Regierung prüfe derzeit alle einschlägigen Gesetze und suche nach Verbesserungen, die ähnliche Taten in Zukunft nach Möglichkeit verhindern könnten.

plö/jdl/AP

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