Von Jörg Diehl, Rastede
Sie rauchen, spucken auf den Boden und schauen so verächtlich, wie sie nur können. In ihren Stimmen vibriert Abscheu, vielleicht sogar Hass.
"Nikolai? Ja, kennen wir", stößt einer hervor, "leider."
Die beiden jungen Männer, die ihre Namen nicht nennen mögen, und Anna*, das zierliche Mädchen mit den blondierten Haaren, sprechen das harte Deutsch der Spätaussiedler. Nikolai H., der mutmaßliche Holzklotz-Werfer von Oldenburg, das Phantom, nach dem ein ganzes Land suchte, gehörte zu ihnen. Zumindest sehen sie das so: "Wir haben noch zusammengestanden, hier in der Straße", sagt der schmächtigere der beiden Männer, er trägt gebleichte Jeans und ein enges Sweatshirt. "Und wir haben gesagt: 'Dem, der das getan hat, muss einer mal richtig auf die Fresse hauen.'"
Nikolai habe da eifrig genickt.
"Ich mein, das ist doch krass. Der hat uns alle total verarscht." Sie schütteln die Köpfe, schauen auf den Boden oder in die Ferne - bloß keine Schwäche zeigen, keine Gefühle - und spucken aus.
Ein Haus, ein windschiefer Schuppen, Besteck auf dem Tisch
Der Mann, von dem sie so unwillig sprechen, heißt Nikolai H., ist 30 und kam vor 16 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland, mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern. Seit zehn Jahren lebt er nun in Rastede. Einer Provinzstadt in der Nähe von Oldenburg. Einem Kleinstadtidyll mit Sparkasse, Schloss und triefendgrünen Alleen.
H. ist wohl der Mann, nach dem ein ganzes Land gefahndet hat, der, von dem alle sagten: Wer tut so etwas bloß?
Der schmächtige, blasse H. hat inzwischen gestanden, am Ostersonntag abends gegen 20 Uhr von einer Autobahnbrücke in Rastede einen sechs Kilogramm schweren Holzklotz geworfen zu haben. Das Geschoss durchschlug die Windschutzscheibe eines über die Autobahn 29 brausenden silbernen BMW und tötete auf dem Beifahrersitz die zweifache Mutter Olga K., 33, vor den Augen ihrer beiden Kinder und ihres Mannes, 36. Deutschland war entsetzt.
Den "Brücken-Teufel" nennt die "Bild"-Zeitung seither Nikolai H., der inzwischen wegen Mordverdachts verhaftet ist, und damit müsste zumindest in der Logik des Boulevards die Hölle eine Adresse haben: jenen grauen, schlecht verputzten Bungalow, in dem der arbeitslose H. gewohnt hat.
Das Haus gehört zu einer Siedlung, die an eine ehemalige Kaserne erinnert. "Herr H." steht auf dem Klingelschild. Vor der Tür ein windschiefer Schuppen, ein Trekkingrad, vier feuerrote Gartenstühle aus Metall um einen Tisch, auf dem Besteck liegt: Dutzende Messer, Löffel, Gabeln. Etwa 50 Quadratmeter ist die Wohnung nach Auskunft seiner Nachbarn groß, ein Zimmer, Küche, Bad mit Wanne und Boiler - Hölle in Hartz IV.
"Jetzt sind wir richtig fertig mit ihm"
H. sei immer ein Einzelgänger gewesen, erzählen Anna, ihr Freund und deren Bruder. Mit dem "Junkie", diesem "kaputten Typen", der ständig und auch am Tattag "auf der Suche nach Stoff" gewesen sei, habe niemand viel zu tun haben wollen.
"Der hatte hier keine Freunde", sagt Anna. "Und jetzt sind wir richtig fertig mit ihm."
Um seine Eltern und seine Schwestern jedoch machten sie sich große Sorgen. Das seien schließlich "nette, fleißige Leute", die nun bestimmt schief angesehen würden. "Dabei können sie doch nichts dafür."
Familie H. lebt nur wenige hundert Meter von Nikolais Bleibe entfernt und doch in einer vollkommen anderen Welt: Neubauviertel, verkehrsberuhigte Zone, ein rot geklinkertes Mehrfamilienhaus mit Carport, Vorgarten und Fußmatte. Neben der verspiegelten Glastür hockt eine Schnecke aus Ton, davor ein Kamerateam von RTL. Rasende Reporter entdecken die Langsamkeit.
Mit dem Privatsender hat der 30-jährige H. ein besonders perfides Spiel getrieben - einer Reporterin versuchte H. am Pfingstmontag zu erklären, warum die Polizei seine Fingerabdrücke auf dem Holzklotz gefunden haben könnte. Vielleicht lockte den Heroinsüchtigen auch nur ein Informationshonorar, das er laut Anna und ihren Freunden für das Interview am Tatort bekommen haben soll.
"Scheiße, warum habe ich den Klotz angefasst?"
H. sagte damals, er habe das Stück wenige Stunden vor der Tat auf der Brücke liegen sehen, ihn aus dem Weg geräumt und an das Brückengeländer gestellt. Er habe in rund 150 Metern Entfernung eine Gruppe Jugendlicher beobachtet, die stark angetrunken gewesen sei. Von dem Anschlag habe er "einen Tag später aus dem Fernsehen erfahren". Auf die Frage der Reporterin, was er in dem Moment gedacht habe, sagte H.: "Scheiße, warum habe ich den Klotz angefasst? Vielleicht denken jetzt alle, ich habe ihn geworfen."
Am Mittwochabend steht nun deshalb dieselbe Reporterin vor dem Haus des mutmaßlichen Mörders und lässt sich von ihren Fernsehkollegen interviewen: Ja, H. sei in dem Gespräch auffallend nervös gewesen und ob ihrer hartnäckigen Fragen "ins Schwitzen" gekommen. Sie habe nur gedacht, der könne doch "nicht so blöd" sein und sich am Tatort interviewen lassen, wenn er der Täter wäre.
Aber was würde ein Heroinsüchtiger nicht alles für den nächsten Schuss tun, und was ein Täter in der Hoffnung, genau durch solche Aktionen den Verdacht von sich abzulenken?
Bei der Polizei brachte sich H. wohl vor allem aus Angst "selbst ins Spiel", sagt der Chef der Sonderkommission Brücke, Reiner Gerke. Demnach meldete sich H. am 5. April bei den Beamten als Zeuge - zwei Tage nachdem in der Presse ein Massengentest angekündigt worden war.
H. wollte vorsorglich erklären, warum seine Genspuren an der Tatwaffe haften könnten. Zu diesem Zeitpunkt suchten die Fahnder noch mit einem Phantombild nach einer vier- bis fünfköpfigen Gruppe junger Leute.
"Von Anfang an unter Verdacht"
Nikolai H. verstrickte sich als Zeuge bei den Gesprächen mit den Beamten in Widersprüche. Eine Aussage hat die Ermittler besonders "stutzig gemacht", sagt der Leitende Staatsanwalt Roland Herrmann. Ausgerechnet jemand, der seit zehn Jahren von harten Drogen abhängig ist, soll auf dem Weg zu seinem Dealer von dem Fahrrad absteigen und einen Holzklotz vorsichtshalber von der Fahrbahn räumen. Seine Ausführungen "ließen bei uns von Anfang an den Verdacht aufkommen, dass er mit der Tat zu tun haben könnte".
Auf dem Grundstück des 30-Jährigen wurden die Ermittler dann fündig. Dort entdeckten sie Holzklötze, die von der Beschaffenheit, der Größe und dem Verwitterungszustand der Mordwaffe ähneln. Bodenproben brachten schließlich mehr Gewissheit, und Anfang der Woche kam die Bestätigung der Spurenspezialisten: Der Block stamme "wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich" vom Grundstück des 30-Jährigen.
Er muss ihn also bis zur Autobahnbrücke geschafft haben.
H. ist bei der Polizei kein Unbekannter, mehrfach ist er schon wegen kleinerer Diebstähle aufgefallen - Beschaffungskriminalität nennt man das wohl. Außerdem saß er eineinhalb Jahre im Gefängnis. Zahlreiche Indizien hätten dazu geführt, dass gegen den Mann schon am Dienstag ein Haftbefehl beantragt wurde, sagt Herrmann. Einen Tag später griffen die Fahnder zu.
"Ich habe ein seltsames Gefühl", sagt Jörg E., 24, der seit vielen Jahren Wand an Wand mit dem mutmaßlichen Mörder lebt. "Einerseits bin ich so froh, dass sie ihn endlich geschnappt haben." Doch auf der anderen Seite sei Nikolai H. eben sein Nachbar gewesen - und das Grauen mit dessen Verhaftung plötzlich sehr nahe gerückt. "Darüber muss ich nun erst einmal nachdenken."
*Name von der Redaktion geändert.
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