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11.06.2008
 

Fall Kampusch

Spekulationen über Komplizen des Entführers

Wird der spektakuläre Fall Natascha Kampusch neu aufgerollt? Ihr Entführer Wolfgang Priklopil soll laut Presseberichten einen Komplizen gehabt haben. Die Staatsanwaltschaft Wien bestritt, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden.

Hamburg - Vor knapp zwei Jahren floh Natascha Kampusch aus achteinhalbjähriger Gefangenschaft. Ihr Entführer Wolfgang Priklopil, der sie in einem Verlies gehalten hatte, nahm sich kurz danach das Leben. Der frühere Chef der österreichischen Kripo, Herwig Haidinger, hatte sowohl der Polizei als auch den Verantwortlichen im Wiener Innenministerium immer wieder schwere Ermittlungsfehler vorgeworfen. Beide hätten versucht, ihre Versäumnisse zu vertuschen.

Heute legte die vom österreichischen Innenministerium eingesetzte Kommission ihren Untersuchungsbericht des Falls Kampusch vor. Die zwei Dutzend Experten, die seit Februar insgesamt 166 Akten studierten, kommen darin zu dem Schluss, dass es im Zusammenhang mit den Ermittlungen keine politische Vertuschung gegeben habe. Sie stellten jedoch auch Fehler bei den Ermittlungen der Polizei fest.

Die Polizei habe einen Monat nach dem Verschwinden der Schülerin im März 1998 einen Hinweis auf den Entführer Wolfgang Priklopil nicht weiter verfolgt, hieß es in dem Bericht.

Der Vorwurf der Gutachter stützt sich auf die Angaben eines Polizeihundeführers, der seine Kollegen auf Priklopil aufmerksam machte. Der Beamte habe in einem Anruf einem Ermittler über einen Bewohner der niederösterreichischen Ortschaft Strasshof berichtet, der als Eigenbrötler bekannt sei und sexuelles Interesse an Kindern habe. Der Hundeführer habe auch eine Personenbeschreibung des Verdächtigen abgegeben.

Die Polizei beschränkte sich dem Bericht zufolge jedoch darauf, die Daten der in dem Haus wohnenden Personen abzufragen.

Der Hinweis auf Priklopil sei in einem Ordner abgelegt worden, ohne dass die Ermittler weiter tätig geworden seien. Der Bericht kommt zum Ergebnis, "dass hier zweifellos ein Ermittlungsfehler vorgelegen ist."

Der Bericht hält auch ein zweites Versäumnis der Polizei fest. So war Priklopil von den Ermittlern kurz nach der Entführung befragt worden, weil er ein Auto besaß, wie es die einzige Augenzeugin des Verschwindens von Kampusch beschrieben hatte. Das zwölfjährige Mädchen hatte der Polizei gesagt, Kampusch sei in einen weißen Lieferwagen gezerrt worden.

Dem Bericht zufolge vermerkten die Beamten, dass Priklopil kein Alibi vorweisen konnte, weil er an dem Tag, an dem Natascha Kampusch verschwand, allein zu Hause gewesen sei. Dennoch sei Priklopil nicht noch einmal überprüft worden, obwohl er durch seine erste Befragung nicht entlastet worden sei. Weitere Ermittlungen in Bezug auf Priklopil wären jedoch angebracht gewesen, schrieben die Gutachter.

Die Staatsanwaltschaft Wien bestritt am heutigen Mittwoch einen Bericht des "Stern", wonach die Polizei im Fall Kampusch neue Ermittlungen aufgenommen habe.

Laut "Stern" liegen der Polizei neue Erkenntnisse vor, wonach der Entführer von Natascha Kampusch 1998 möglicherweise einen Mittäter hatte. Im Mittelpunkt soll ein Wiener Immobilienhändler stehen, der mit Priklopil bekannt war. Der Mann habe bei seinen Vernehmungen durch die Polizei widersprüchliche Aussagen gemacht, die der Polizei jetzt in einer 20-seitigen Dokumentation vorlägen. So habe er bei einer ersten polizeilichen Vernehmung bereits am 23. August 2006 - wenige Stunden nach der Flucht Kampuschs aus dem Haus Prikopils - gefragt: "Hot er's umbrocht?"

Zu dem "Stern"-Bericht sagte Oberstaatsanwältin Marie-Luise Nittl: "Zunächst müssen wir den Untersuchungsbericht genau studieren. Danach sehen wir weiter, ob es überhaupt Gründe für weitere Ermittlungen gibt."

pad/dpa/Reuters/AFP/AP

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