Von Julia Jüttner, München
Ihre psychische Belastung sei "enorm", Spyridon L. "von Natur aus sehr misstrauisch", ein Mensch, der sich nur "schwer öffnen kann", sagte eine Diplom-Sozialpädagogin vom Münchner Jugendamt vor Gericht und unterstützte damit den Antrag der Verteidigung, die Öffentlichkeit vom Prozess auszuschließen.
Durch das Aufsehen, das der Fall erregt habe, würde sein "Ansehen" bei seinen Mitgefangenen in der JVA Stadelheim steigen und er "zum Helden hochstilisiert", hatte der renommierte Strafverteidiger Wolfgang Kreuzer argumentiert. Eine "potentielle Heroisierung" seiner Taten in seinem Umfeld würde "eine gefährliche Tendenz in die falsche Richtung" darstellen und ein "absolut falsches erzieherisches Signal" setzen. Zudem würde sich Spyridon L. dann auch aus Unsicherheit in Schweigen hüllen."
Weit gefehlt - im doppelten Sinne: Die Kammer schmetterte den Antrag ab, und Kreuzers Mandant plauderte ohne Scheu.
Spyridon L., wie auch sein Freund Serkan A. arbeitslos, stellte sich den Fragen des Vorsitzenden Richters Reinhold Baier. Immer wieder betonte der 18-Jährige, der seit 2001 mit seiner Familie in Deutschland lebt: "Ich werde immer aggressiv, wenn ich trinke." Und: "Ich kann mich nicht an mehr erinnern." "Ich war so dicht." "Es tut mir leid. Ich schäme mich dafür." Er habe nichts gegen Deutsche. Sein bester Freund sei deutsch, sagte er. Er sei keiner, der "alte Menschen schlägt".
"Ab da habe ich jeden Tag gebetet, dass er nicht stirbt"
Mit seinem türkischen Kumpel will er vor dem Überfall je acht Bier getrunken haben. Als Hubert N. ihn aufgefordert habe, die Zigarette auszumachen, sei er "leider aggressiv" geworden. "Ich weiß, dass ich ihm ein paar Schläge gegeben habe - und einen Kick." Und zwar mit solcher Wucht, dass ihm nach der Tat sein rechter Fuß "überall wehgetan" habe.
Er habe erst bei seiner Festnahme erfahren, dass Hubert N. bereits 76 Jahre alt und schwer verletzt gewesen sei. "Ab da habe ich jeden Tag gebetet, dass er nicht stirbt oder mit einer Behinderung leben muss", sagte Spyridon L. "Ich habe meine Familie enttäuscht. Es ist sehr traurig." Gott habe ihn zwei Tage später bestraft, als er sich in einem griechischen Club mit einem anderen um seine Freundin prügelte: Der Mann verpasste ihm einen Faustschlag, bis der Kiefer des jungen Griechen brach.
Die Kammer gab am Montag zu erkennen, dass sie große Zweifel daran hat, dass die beiden U-Bahn-Schläger tatsächlich so betrunken waren, wie sie jetzt glauben machen wollen. Da die Polizei die beiden erst drei Tage nach dem Überfall festnehmen konnte, werden die Zeugenaussagen in dieser Hinsicht von großer Bedeutung sein.
Wichtigstes Beweisstück ist jedoch ein Videoband der Überwachungskameras des U-Bahnhofes. Es dokumentiert den Gewaltexzess. Man sieht, wie Serkan A. mit voller Härte tritt. So brachial, dass er dabei einen Schuh verliert. Wie Spyridon L. Anlauf nimmt und auf den ausgelieferten Hubert N. losgeht. Als Polizeibeamte kurz nach der Tat die Bilder sichten, erschrecken sie und informieren nach Mitternacht die Münchner Mordkommission.
"Ich kann mir nicht erklären, warum ich so etwas getan habe"
Auch Serkan A. erschrickt, als er das Video sieht, sagt sein Verteidiger Florian Wurtinger. Auch vor Gericht weinte er still vor sich hin, als Staatsanwalt Lafleur den Überfall auf Hubert N. schilderte. "Die Angelegenheit" tue ihm leid, ließ er über seinen Anwalt erklären. "Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum ich so etwas getan habe. Ich wollte Herrn N. nicht töten."
Der 21-Jährige kommt aus dem Münchner Stadtteil Harthof, einem Problemviertel im Norden der Stadt. Dort ist er geboren und aufgewachsen. Seine Familie stammt aus dem mittelanatolischen Kayseri. Seine Schwestern und seine Mutter sagen, Serkan spreche, denke und fühle Deutsch - auch wenn er türkischer Staatsbürger ist. In seiner offiziellen Heimat sei er nur ein einziges Mal gewesen. Zum Urlaub, drei Wochen, bei Verwandten. Seine Vita ist die eines notorischen Jugendstraftäters: mehr als 40 Strafregister-Einträge, drei Verurteilungen wegen Körperverletzung, Raubes und Drogendelikten.
Der U-Bahn-Fall hat ihm nach seinen Aussagen schwer zugesetzt. "Im Gefängnis bin ich auf einer Stufe mit den Kinderschändern", sagte Serkan A. vor Gericht. Er habe verlegt werden müssen, weil er "Selbstmordpläne" hatte. "Ich schaffe das psychisch nicht." Bei 1,86 Meter wiege er gerade einmal 52 Kilogramm.
Sein Verteidiger und die seines Zechkumpanen werden versuchen, im Prozess zu beweisen, dass sich ihre Mandanten nicht zur Tat verabredet haben. Dass sie den Tod des Rentners nicht beabsichtigt haben. Dass sie willenlos und menschenverachtend auf ihn eintraten und einprügelten, ist aufgrund der Videosequenzen nicht leugbar.
"Das war Hass auf mich, auf München - und auf das Leben"
Serkan A. und Spyridon L. haben mit diesem dokumentierten Überfall der Jugendbrutalität ein Gesicht gegeben: Millionen Menschen sahen die Videosequenzen. Es war ein Gewaltexzess, der vor der Landtagswahl in Hessen eine heftige Debatte über Jugend- und Ausländerkriminalität auslöste. In München warb der CSU-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt mit einem Wahlplakat, das Standbilder des Überfalls zeigte, für ein schärferes Jugendstrafrecht.
Bis zum kommenden Freitag wird die Kammer jeden Tag verhandeln. Sie könnte bereits dann das Urteil fällen. Eventuelle weitere Termine sind von Mitte Juli bis Mitte September veranschlagt - in einer Zeit, in der in Bayern Wahlkampf gemacht werden wird: Am 28. September wählt der Freistaat einen neuen Landtag.
Morgen werden Serkan A. und Spyridon L. erstmals ihrem Opfer gegenübersitzen müssen: Hubert N. ist der erste geladene Zeuge in diesem Prozess. Wenige Wochen nach dem Überfall hatte der ehemalige Realschulrektor gesagt, die beiden Täter hätten nicht im Suff oder Drogenwahn agiert. "Das war Hass auf mich, auf München - und auf das Leben."
Bevor er vor Gericht erscheinen wird, wird er in den Nachrichten gehört oder in einer Zeitung gelesen haben, welch Versprechen Spyridon L. bereits heute machte: "Ich mache nur Scheiße, wenn ich besoffen bin. Alle meine Straftaten habe ich gemacht, wenn ich betrunken war. Dann bin ich ein anderer Mensch. Ich trinke ab jetzt nie wieder - nur am Wochenende mal zwei, drei Bier."
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