Von Julia Jüttner, Baden-Baden
Als der Vorsitzende Richter Hans-Richard Neerforth genauer wissen will, wie die Tat aus Sicht des Angeklagten ablief, tun sich große Erinnerungslücken auf. Und wieder folgen Bekenntnisse, die niemand abgefordert hat wie "Ich habe sie geliebt", "Ich habe drei Kinder aufgezogen", "Ich habe meine Töchter gebadet, obwohl sie schon Brüste hatten - ich habe deshalb die Augen zugemacht." Er sagt auch: "Sie war die Chefin bei uns. Ich habe immer nur gearbeitet." Seine Ehefrau habe ihn "unterdrückt".
Gewalt in der Ehe habe es "natürlich nicht" gegeben, aber dafür "oft Streit". Und: "Das, was sie mit mir gemacht hat - in der Türkei hätte man dafür ganz andere Dinge mit ihr angestellt."
Der versuchte Mord an seiner Ex-Frau ist das tragische Ende einer "arrangierten Ehe": "Mein Onkel und ihre Mutter haben sich geeinigt", schilderte Mehmet K. heute den Beginn der erzwungenen Beziehung zwischen ihm und Aylin im März 1991. Aylin ist damals 18 Jahre alt, sie geht zur Universität.
Sein Vater sei gegen die Heirat gewesen, behauptet Mehmet K.: "Die Familie war ihm zu modern."
Kurz nach der Eheschließung ziehen die K.s nach Baden-Baden in eine Wohnung, deren Vermieter Schlagersänger Toni Marshall ist, wie Mehmet K. heute vor Gericht betonte. Deutschland ist die zweite Heimat Mehmets, seit er 1978 hierher kam, um Geld zu verdienen. Aylin belegt einen Sprachkurs, entwickelt den Ehrgeiz, Dolmetscherin zu werden. "Ich wollte, dass sie sich weiterbildet", wenn er es schon nicht konnte, weil er Geld habe verdienen müssen, behauptete K. "Aber dann kamen die Kinder."
Einmal geht Mehmet K. mit der Axt auf sie los
Im sechsten Ehejahr beginnt der Kurde, seine Frau zu schlagen, so schilderte es Aylin K. in Interviews. Danach weint er oft, beteuert seine Liebe, sie leidet still vor sich hin. Sie ist 24 Jahre alt, hat bereits drei Kinder zur Welt gebracht, auch um deren Leben bangt sie.
Doch es bleibt nicht bei Schlägen mit der Faust oder bei Tritten. Der rabiate Kurde geht einmal mit einer Axt auf seine Frau los. Sie schnappt sich im Reflex das jüngste Kind, das sich in jenem Augenblick an ihr Bein klammert, und nimmt es auf den Arm. Mehmet K. lässt von ihr ab. Heute weiß sie, dass ihre Intuition auch ein zweites Leben in Gefahr hätte bringen können.
Jahrelang erträgt sie die Gewaltattacken, lässt sich kränken und demütigen. Bis er sie im Sommer 2003 in einem Restaurant vor anderen Leuten verprügelt. Sie reicht die Scheidung ein. "Die Scheidung wurde nur zum Schein durchgeführt", sagt K.s Verteidiger Wolfgang Vogt. Es sei darum gegangen, vom Staat Wohngeld zu kassieren. "Ich war damit auch nicht einverstanden", beteuert Mehmet K. "Aber weil ich sie geliebt habe, habe ich mitgemacht."
Aylin K. sagte dagegen im Vorfeld des Prozesses, sie habe auf Druck seiner Familie und wegen finanzieller Schwierigkeiten weiterhin mit ihm zusammengelebt - auch "der Kinder wegen".
"In welchem Zeitalter leben wir denn?"
Die Probleme nehmen zu. Mehmet K. fühlt sich minderwertig. Aylin habe ihm vorgeworfen, als Kurde könne er nicht lesen und schreiben, sagte er heute vor Gericht. "Sie hat mich erniedrigt", sagte er. "Ich wollte nicht, dass sie arbeitet. Wer macht das Essen für die Kinder? In welchem Zeitalter leben wir denn?"
Im Juni 2007 zieht Aylin K. schließlich mit den Kindern, heute elf, 13 und 15 Jahre alt, aus. Mehmet K. rächt sich mit Morddrohungen. Die Behörden verhängen ein Näherungsverbot: Mehmet K. darf nicht mehr zur selben Zeit wie seine Ex-Frau an der Raststätte arbeiten, wo auch sie einen Job hat.
Unter den Prozessbeobachtern war heute Grünen-Politiker Cem Özdemir, der eine Demonstration von "Terre des Femmes" unterstützte. Sein Erscheinen sei "eine Geste der Solidarität zum Opfer", sagt der Berliner Europa-Abgeordnete. Als einer der wenigen konnte er Mehmet K.s Erklärungen vor der Kammer authentisch - ohne Dolmetscher - verstehen.
Vieles, was der 49-Jährige zu seiner Verteidigung vortrug, hält Özdemir für "billige Ausreden". "Er versucht, seine Mordabsicht zu rechtfertigen. Hier steht nicht nur ein Mann vor Gericht, sondern eine Gewalttradition mit vorgeschobenen Ehrengründen", so der Diplom-Sozialpädagoge zu SPIEGEL ONLINE.
Der Anschlag auf Aylin K. ist einer von rund 70 sogenannten Ehrenmorden und Ehrenmordversuchen, die das Bundeskriminalamt in den vergangenen zehn Jahren registriert hat. Die Opfer sind meist Migrantinnen, die Täter männliche Einwanderer.
Diejenigen, die überleben, wollen meist anonym bleiben. Aylin K. will diesen Frauen eine Stimme geben, engagiert sich bei mehreren Organisationen. Sie kämpft für Frauen, die in Ehen mit patriarchalischen Strukturen leben müssen, die alleine keinen Ausweg finden. Sie tritt vor Publikum auf - meist unter Polizeischutz.
Die Kammer will darüber beraten, Mehmet K. von der Verhandlung auszuschließen, wenn Aylin K. in den Zeugenstand tritt. Ihre Psychologin befürchtet eine posttraumatische Belastungsreaktion bei seinem Opfer.
So, wie die Narben ihr Gesicht dominieren, beherrschen Ängste Aylin K.s Leben.
Schon jetzt denkt sie voraus - an den Tag, an dem Mehmet K. wieder auf freiem Fuß sein wird.
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