Von Jörg Diehl
Schließlich haben die Polizisten sich auf zwei Theorien konzentriert: Entweder handelt es sich um einen Einzeltäter, der seine Opfer zufällig auswählt und möglicherweise aus persönlichen Gründen einen Hass gegenüber Ausländern hegt. Oder aber es gibt doch eine kriminelle Organisation, mit der die Getöteten in irgendeiner Beziehung standen und die ihnen einen oder mehrere Auftragskiller auf den Hals hetzte. Leider jedoch "spricht gegen beide Hypothesen so einiges", sagt Jornitz.
Der Auftragkiller
Berufskriminelle etwa, die für ihre Verbrechen bezahlt werden, tun nur das, was sie tun müssen. Sie hätten ihre Opfer wohl kaum am helllichten Tag erschossen, in der Hauptgeschäftszeit, wenn das Risiko, gesehen und gestellt zu werden, am größten ist. Auch waren in Kassel, Nürnberg und Rostock die Getöteten nur zufällig am Tatort. Ein Auftragskiller hätte sie daher zuvor mit großem Aufwand beschatten müssen. Unwahrscheinlich.
Ein irrer Einzelgänger also, ein Ausländerfeind? Auch gegen diese Annahme gibt es gute Argumente. Serienmörder töten, so haben die Fallanalytiker des Bundeskriminalamts herausgefunden, zumeist aus sexuellen Motiven und schlagen fast immer in der Nähe ihres Heimatorts zu. Der Ceska-Killer hingegen war in ganz Deutschland unterwegs. Und im Falle des in Kassel erschossenen Halit Y. sei von außen gar nicht erkennbar gewesen - etwa durch Schilder oder Plakate -, dass der Internet-Laden von einem Türken betrieben worden sei, so Jornitz.
Der Einzelgänger
Der Mörder - wenn man davon ausgeht, dass es sich um einen Einzeltäter handelt - könnte durch seinen Beruf sehr mobil und zeitlich flexibel sein. Da die Serie 2000 in Nürnberg begann und mit drei Morden dort ihren Schwerpunkt hat, vermuten die Ermittler, dass der Täter einen Bezug zu der Stadt hat, beispielsweise durch seine Wohnung oder Arbeitsstätte. Die Tatorte in Nürnberg ließen auch auf eine gewisse Ortskenntnis schließen, die Tatorte in anderen Städten hätten meist an Ausfallstraßen gelegen, sagt Jornitz.
Einmal, im Sommer 2006, gab es diesen Moment, als die Ermittler wie elektrisiert waren, als sie dachten, jetzt haben wir ihn, und es ein bisschen auch fürchteten. Ein hessischer Verfassungsschützer hatte sich, so stellte sich heraus, zur Tatzeit im Internet-Café des Getöteten Halit Y. aufgehalten. Doch bei der Polizei meldete er sich nicht. Die Zurückhaltung des Beamten, das ergaben die Ermittlungen, war indes darauf zurückzuführen, dass er sich im Internet auf Kontaktseiten umgetan hatte. Mit den Morden hatte er nichts zu tun.
Die Waffe
So bleibt den Ermittlern nur die Waffe. Hergestellt in der ehemaligen Tschechoslowakei, beliebt bei Geheimdienstlern des früheren Ostblocks, mit einem Schalldämpfer ausgerüstet etwa 40 Zentimeter lang. Der Killer hat vermutlich bei seinen jüngeren Taten durch eine Tüte gefeuert, um die Geschosshülsen aufzufangen. Ist er ein Profi?
Jedenfalls ist die Pistole nicht registriert, das wissen die Polizisten nun, nachdem sie in monatelanger Kleinarbeit und ohne große Hoffnung, das Rätsel auf diese Weise lösen zu können, sämtliche Ordnungsämter des Landes abgefragt haben. Ein Bundeszentralregister für Schusswaffen gibt es nämlich nicht.
"Manchmal wünsche ich mir", so sagt der Kriminalist Jornitz und will damit ganz deutlich machen, dass er nicht auf den nächsten Mord wartet, "dieser Fall hätte plötzlich ein Ende. Wir halten einen Wagen an, im Kofferraum liegt die Ceska, wir verhören den Mann, er gesteht." Ende, aus, vorbei.
Er ahnt, dass man es ihm so leicht nicht machen wird.
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