• Drucken
  • Senden
  • Feedback
13.07.2008
 

Tödliche Chat-Liebe

"In seinen Augen ist so eine Kälte drin"

Von Julia Jüttner

Im Internet gab er sich treuherzig und anhänglich, doch jetzt steht Christian G. unter Mordverdacht: Er soll zwei Frauen getötet haben, die er beim Chatten kennen lernte. Im Exklusiv-Gespräch mit SPIEGEL TV sucht seine Mutter nach Erklärungen.

Hamburg - Als die Polizei an ihrer Wohnungstür klingelte und man ihr mitteilte, ihr Sohn stehe unter Mordverdacht, da brach Christian G.s Mutter weinend zusammen: "Ich habe es einfach nicht geglaubt", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL TV. Details erfuhr sie aus der Zeitung.

Ihr 27 Jahre alter Sohn hat im Polizeiverhör gestanden, Regina B. erstochen zu haben. Er habe sie im Internet kennen gelernt, habe sie in Marl, wo sie lebt, besucht, mit ihr geschlafen und sie danach getötet. Es handele sich um eine Affekttat, behauptet der gelernte Staplerfahrer. Die 39-jährige dreifache Mutter habe gedroht, ihn wegen Vergewaltigung anzuzeigen.

Die Polizei glaubt Christian G. nicht. Vielmehr überprüfen die Ermittler den Verdacht, dass G. weitere Internet-Bekanntschaften getötet haben könnte. Zu mehr als hundert Frauen soll der arbeitslose Hamburger Kontakt gehabt haben. Deutschlandweit werden derzeit zehn ungeklärte Mordfälle überprüft.

Als Tatverdächtiger gilt Christian G. schon jetzt im Fall der ermordeten Jessica K. Die 26-Jährige aus dem niedersächsischen Wischhafen wurde erstochen auf einer Wiese in Stade gefunden. Christian G. schweigt bisher zu den Vorwürfen, obwohl er mit dem Opfer auf Bildern einer Überwachungskamera einer Bank zu sehen ist.

"Er hat früher viel mitgemacht", erzählt seine Mutter im Gespräch mit SPIEGEL-TV-Redakteurin Sanja Hardinghaus. "Sein Vater war auch brutal, sehr brutal." Im Rausch habe der auf sie eingedroschen, ihr die Faust ins Gesicht geschmettert, ihren Kopf in die Toilette gedrückt. Einmal habe er sie nackt vom Balkon stoßen wollen.

Christian sei vom Vater zwar nicht körperlich attackiert worden, er habe aber auch keine Rücksicht darauf genommen, ob der Junge Zeuge der Gewaltexzesse wurde. Im Gegenteil: "Er hat seinen Sohn aus dem Schlaf geholt und mich dann verprügelt", erzählt Christian G.s Mutter. "Er wollte immer Sex mit mir." Meist auch vor den Augen des Kindes. Zweimal sei sie mit dem kleinen Christian ins Frauenhaus geflüchtet.

Erfahrungen, die Christian G. geprägt haben. "Er wird schnell aggressiv, wenn man ihn unter Druck setzt. Dann wird er richtig ausfallend", erzählt seine Mutter. Stundenlang habe ihr Sohn vor dem Computer gesessen. "Meistens hat er mit Frauen gechattet. Ich habe ihn aber nie gefragt, warum."

Auch seine Freundin Mira, mit der er gemeinsam in Harburg lebte, lernte der 27-Jährige im Internet kennen. "Meiner Meinung nach hat er eine Frau gesucht, mit der er ins Bett gehen kann", sagt Miras Schwester im Interview mit SPIEGEL TV. "Also wirklich nur sexuelle Beziehungen oder Frauen, mit denen er meine Schwester länger betrügen kann."

Christian G. habe ihr allein schon mit Blicken Angst gemacht, erzählt die junge Frau. "Wenn man in seine Augen guckt, da ist so eine Kälte drin." Ihre Schwester sei "blind vor Liebe gewesen".

Unmittelbar nach dem Mord an Regina B. habe er mit seiner Freundin geschlafen, als sei nichts vorgefallen. Danach habe er "am PC gesessen, ferngesehen, Kaffee getrunken. Der ganz normale Alltag". Mira habe "gar nichts bemerkt" - weder Blut an seiner Kleidung noch "irgendwas, was darauf hinweisen könnte".

Fahndungsfoto der Polizei Stade
Polizei Stade

Fahndungsfoto der Polizei Stade

Im Internet präsentierte sich Christian G. als sensibler Frauenversteher und "ehrlicher, treuer Mensch". Er verschickte dramatisch-schwülstige Liebesgedichte und stellte betont verschmuste Fotos von sich und seinen Katzen auf seine Seite. Über seinen Chatnamen schienen sich die Frauen nicht zu wundern: Er nannte sich "Riddick300", wie der brutale Kämpfer aus einem Science-Fiction-Film.

Warum so viele Frauen G.s Nähe suchten, erklärt eine Internet-Freundin SPIEGEL TV. Mehrmals die Woche chattete sie mit ihm, selten unter zwei Stunden am Stück. Zuerst habe er ihr imponiert, sagt sie. Dann habe er angefragt, ob sie sich mit ihm treffen wollte. Er habe "alles dafür getan", dass es zu einer Verabredung kommt, sie regelrecht bedrängt.

Sie habe ein komisches Gefühl gehabt und den Kontakt schließlich abgebrochen, erzählt die junge Frau. Vielleicht hat es ihr das Leben gerettet.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Justiz

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP