Von Jörg Diehl, Kiel
Kiel - Martin M., der am Nachmittag durch die graue Kassettentür in den Saal 232 des Landgerichts Kiel tritt, ist ein kräftiger Mann. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, der seine breiten Schultern noch breiter erscheinen lässt. Er hat große Hände, ein offenes, rosiges Gesicht.
M., 41, Malerhelfer aus dem schleswig-holsteinischen Örtchen Braak, bringt einen Geistlichen mit, der ihm bei seiner Aussage beistehen soll. Es ist kein leichter Weg für M., dessen Söhne Justin, 9, und Jonas, 8, im vergangenen Dezember zusammen mit ihren Halbbrüdern Aidan, 3, Ronan, 5, und Liam, 6, starben. M. scheint verwirrt.
Und dann noch diese Juristensprache.
"Auf Sie sind nach der Trennung von der Beschuldigten erhebliche Verbindlichkeiten zugekommen?", fragt der Vorsitzende Richter Jörg Brommann.
Schweigen.
"Sie haben Schulden an der Backe gehabt?"
"Ach so, ja, genau. Und nicht zu knapp", sagt M.
Es gibt am Donnerstag vor der 8. Großen Strafkammer des Landgerichts Kiel viele Szenen wie diese. In dem Sicherungsverfahren gegen Steffi K., 32, die laut Anklage in Darry ihre fünf Söhne getötet hat, wollen die Richter herausfinden, ob die psychisch kranke K. dauerhaft in eine Klinik eingewiesen werden muss, weil sie eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, weil sie schizophren ist, Stimmen hört und die Welt anders begreift als alle anderen.
Das Problem ist nur: In Saal 232 verstehen sich schon die Gesunden nicht.
Das liegt zum einen an der miserablen Akustik in dem ovalen Raum, an der fehlenden Mikrofonanlage, an dem scheuen Genuschel der gerichtsunerfahrenen Zeugen. Das liegt zum anderen aber auch daran, dass Juristen in Ausübung ihres Berufs eben anders sprechen als der Mann auf der Straße. Was schwierig sein kann, wenn sie eben diesen vor sich haben.
"Pflegten Sie nach der Trennung von der Beschuldigten noch Kontakt zu ihr?", fragt Richter Brommann den Zeugen M.
"Ja, wir haben telefoniert."
"Hatten Sie auch persönlichen Kontakt?"
"Die waren schon persönlich, die Gespräche."
"Ich meinte persönliche Kontakte in Abgrenzung zu den Telefonaten."
Schweigen.
Auch die Vertreterin des Nebenklägers Michael K., 35, er ist mit Steffi verheiratet und hält sie für schuldfähig, setzt den Zeugen immer wieder mit verschachtelten Fragen zu. "Haben Sie den Eindruck, dass mit zunehmender Dauer des Kartenlegens die Kinder der Beschuldigten sich einer stärkeren Vernachlässigung ausgesetzt sahen?", fragt Ulrike Jäger-Mohrhagen den Malerhelfer Michael M.
"Nein. Sie hat sie bloß sich selbst überlassen", sagt M.
Manchmal kommt man dann doch zusammen. Zufällig.
Erst als am Nachmittag die Übersetzerin Angelina F., 39, aus Berlin, sie ist mit Michael K. befreundet, den Saal betritt, scheint sich die Kommunikation zwischen Juristen und Bürgern zu verbessern. F. ist gewandt, eloquent und weiß auch die verbalen Scharmützel zwischen den Anwälten zu ertragen. Und sie ist die einzige, die nicht nur über Steffi K., sondern auch mit ihr redet.
Steffi K. - warmherzig, verständnisvoll, intrigant und verlogen
"Ich habe immer den Hut vor dir gezogen", sagt F. mit stockender Stimme in Richtung K. und das Publikum hält für einen Moment den Atem an, "wie du das alles gemacht hast, mit fünf Kindern. Auch wenn ich jetzt nicht weiß, ob du mich hören kannst." Steffi K. starrt auf den Tisch vor ihr, sie rührt sich nicht.
In ihrer Aussage zeichnet F. das Bild einer Steffi K., die warmherzig und verständnisvoll habe wirken können, die ihr aber auch "manipulativ", intrigant und verlogen erschienen sei. Die liebevoll mit ihren Kindern umgegangen sei und diese doch immer wieder vernachlässigt habe. Die unter Tränen von ihrem früh verstorbenen Bruder erzählt habe, obwohl sie ein Einzelkind ist. Die von ihrem Ex-Mann Martin M. berichtete, er sei schizophren, gefährlich und gewalttätig, ein schrecklicher Brutalo, um sich dann auch nach der Trennung fortwährend von ihm im Haus helfen zu lassen und ihm ihre Kinder anzuvertrauen.
Steffi K. habe um Aufmerksamkeit gebuhlt, um Liebe vielleicht, sagt F. und fügt hinzu: "Sie ist wirklich ein netter Mensch und hilfsbereit und klug."
Sie ist krank, sagt die Ärztin.
"Für uns gab es keine Zweifel, dass die Patientin eine paranoide Schizophrenie hat", so die Medizinerin, die K. nach der Tat in der Psychiatrie behandelt hat. Dabei habe die Frau immer wieder betont, dass sie keine Mörderin sei und ihre Kinder nur habe beschützen wollen, weil diese von der von ihr ersonnenen Phantasiefigur "Natalie" bedroht würden.
Auch ihr Mann Michael K. beschreibt vor Gericht, dass Steffi schon rund anderthalb Jahre vor der Familientragödie imaginäre Stimmen gehört habe. Im Juni 2006 sei sie aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden und wenig später auf einem Feld gefunden worden. Sie habe ihm daraufhin erzählt, "die böse Stimme im Kopf" hätte ihr eingeredet, Selbstmord zu begehen, so K. Falls sie dies nicht tue, habe die Stimme damit gedroht, ihre ganze Familie zu töten.
Daraufhin sei er mit seiner Frau in die Psychiatrie des Kreiskrankenhauses gefahren. Dort hätten die Ärzte bei ihr eine Psychose diagnostiziert. In der Folge sei seine Frau rund sechsmal in Behandlung gewesen. Danach sei "plötzlich alles in Ordnung" gewesen, Steffi habe ganz normal gewirkt.
Ein verhängnisvoller Irrtum.
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