Von Jörg Diehl und Markus Flohr
Hamburg - Der Notruf erreicht die Rettungskräfte am 17. März, abends um 19.20 Uhr: "Um Himmels Willen", ruft eine Männerstimme. "Moment, ich muss Emma hochhelfen, sie kann sich nicht hinlegen. Emma, setz dich auf, komm!"
Im Hintergrund weint eine Frau.
Trauer in Arboga: "Ich könnte sie wiedererkennen"
"Emma, setz dich auf, Emma! Emma!"
Beamter: "Okay. Sind alle drei bei Bewusstsein und kannst du mit ihnen sprechen?"
Mann: "Ich kann mit keinem der drei sprechen."
Beamter: "Okay, weil sie einen Schock haben, oder?"
Mann: "Max, Max hat zwei schrecklich große Wunden am Kopf. Ich bekomme keinen Kontakt zu Emma - sie atmet, aber mehr nicht. Max und Saga atmen auch." (...)
Beamter: "Kennst du jemanden, der den dreien etwas Böses will?"
Mann: "Nein, ich weiß es nicht. Kommt schnell. Ja, sie haben Löcher in der Stirn, drei Personen. Es ist richtig schlimm."
Bei dem verzweifelten Anrufer handelt es sich nach Informationen der schwedischen Zeitung "Expressen", die den dramatischen Dialog veröffentlicht hat, um Torgny H. aus Arboga in Mittelschweden. Der 28-Jährige hat soeben zu Hause seine blutüberströmte Freundin und die Leichen ihrer beiden Kinder gefunden - er steht unter Schock.
Ein Provinzkaff und die Pest
Arboga ist eine kleine, friedliche Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern, gepflegten Vorgärten und guten Schulen. Die Zeiten, in denen der Ort mehr war als nur ein Provinzkaff, liegen inzwischen fast drei Jahrhunderte zurück - und gründeten schon damals in einer Katastrophe. 1710 beherbergte Arboga die schwedische Regierung, ein halbes Jahr lang, in Stockholm wütete die Pest.
Auch die neuerliche Prominenz der Kleinstadt ist auf ein Unglück zurückzuführen, auf diesen schrecklichen Schicksalsschlag, der kurz vor Ostern die kleine Familie von Torgny H. ereilte.
Christine S., 31, aus Hannover soll das Leid nach Arboga gebracht haben, aus Eifersucht - und damit auch die Fernsehteams, Reporter und Fotografen.
S., eine nach Polizeiangaben große, schlanke Studentin der Geschichte, soll am 17. März in der Kleinstadt die Kinder Max, 3, und Saga, 1, vermutlich mit einem Hammer erschlagen und deren Mutter Emma J., 23, lebensgefährlich verletzt haben. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage wegen Mordes gegen Christine S. erhoben. Der Prozess in Västerås soll am kommenden Dienstag beginnen.
Hinweise auf 2700 Seiten
"Ich glaube, dass es zu einer Verurteilung kommen kann", sagte die Staatsanwältin Frieda Gummesson am heutigen Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Da es keine DNA-Spuren gibt, die gegen S. sprechen, basiert die laut "Svenska Dagbladet" 2700 Seiten starke Anklageschrift weitestgehend auf Indizien. Etwa hundert Personen haben die Ermittler in den vergangenen Monaten befragt, 56 werden in dem Dokument als Zeugen benannt.
Am schwersten belastet die inzwischen genesene Emma J. die Angeklagte aus Deutschland. Nach eigenen Angaben kann sich J. nun wieder an den Mordabend erinnern und hat der Polizei eine ausführliche Beschreibung des Täters gegeben. Eine Frau sei es gewesen, sagte J. in der Zeitung "Expressen", 30 bis 35 Jahre alt, sie habe eine fremde Sprache gesprochen. "Wenn ich ein Bild von ihr sähe, könnte ich sie problemlos wiedererkennen." Sie habe die Unbekannte, die höchstens 1,65 Meter groß und mollig gewesen sei, mit dunklem, schulterlangen Haar und einer großen Nase, am Tatabend ins Haus gelassen. Die Frau habe sich als "Tina" vorgestellt.
Auf die deutsche Studentin passt die Beschreibung nur ungefähr. Christine S. ist 1,80 Meter groß und schlank.
Nach dem Überfall musste J. am Kopf operiert werden, wochenlang lag sie in einem Krankenhaus. Erst langsam fand J. ins Leben zurück. Von der Polizei wurde sie nach offiziellen Angaben absichtlich im Unklaren darüber gelassen, was an dem Abend des 17. März genau geschehen war. Man habe ebenfalls darauf geachtet, dass die Frau nichts Tatrelevantes erfahren konnte, hieß es.
Die Indizien
Nach Angaben von Staatsanwältin Gummesson gibt es noch weitere Indizien, die S. "stark belasten":
Das mögliche Motiv
Ihren Angaben zufolge tötete Christine S. aus Eifersucht. Die 31-Jährige habe es nicht verwunden, dass Torgny H. sie verlassen habe und nun mit Emma J. zusammenlebte. H. und die Angeklagte sollen sich schwedischen Zeitungsberichten zufolge im Juni 2006 auf Kreta kennengelernt haben. Eine kurze Liebe, vielleicht nur ein Urlaubsflirt, jedenfalls für H. Doch S. soll dem Schweden heftig nachgestellt haben, nachdem dieser sich von ihr distanziert hatte. Sie sei sogar vorübergehend nach Stockholm gezogen.
Die Zeitung "Aftonbladet" veröffentlichte am Mittwoch einen Brief, den die Angeklagte Torgny H. geschickt haben soll. Darin steht auf Englisch: "Du bist ein Idiot. (...) Es scheint ein schlechter Traum zu sein. (...) Ich habe schon meine Tabletten und das schwedische Wörterbuch weggeschmissen. (...) Wie lange hättest du mich noch an der Nase herumgeführt? (...) Ich bin so schockiert, weil ich zugelassen habe, mich so sehr auf dich einzulassen."
Die Studentin hat alle Vorwürfe stets bestritten. Sie war zunächst in Hannover festgenommen und einige Wochen später an Schweden ausgeliefert worden. Nach Zeitungsberichten galt die Frau in der Haft als psychisch labil und selbstmordgefährdet.
Die deutsche Anwältin der Angeklagten äußerte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bisher nicht zu dem Fall.
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