Sonntag, 22. November 2009

Panorama



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31.07.2008
 

US-Todeskandidat

Geständnis statt Giftspritze

Von Marc Pitzke, New York

Trotz erheblicher Zweifel an seiner Schuld sollte US-Häftling Thomas Arthur heute hingerichtet werden - jetzt hat ein Gericht die Exekution aufgeschoben: Überraschend hat ein anderer Mann die Tat gestanden. Doch damit ist Arthurs Tortur im Todestrakt noch nicht zu Ende.

New York - Zum dritten Mal war Sherrie Stone von Florida nach Alabama gefahren, um Abschied von ihrem Vater zu nehmen. "Ich wollte den ganzen Tag mit ihm verbringen", sagte sie zu SPIEGEL ONLINE. Denn am heutigen Donnerstagabend sollte Thomas Arthur wegen Mordes hingerichtet werden - obwohl bis zuletzt Zweifel an seiner Schuld bestanden.

Zweimal zuvor hatte das Gericht in letzter Minute Aufschub gewährt. Diesmal jedoch sah es schlecht aus für den vermeintlichen Delinquenten. Der Gouverneur, der das letzte Wort hat und über Tod oder Gnade entscheiden kann, blieb unerbittlich.

Und dann, am Mittwochabend, das Wunder. Der Oberste Gerichtshof von Alabama gewährte dem 66-jährigen Arthur, der seit 26 Jahren in der Todeszelle sitzt und seine Unschuld beteuert, erneut Aufschub. 24 Stunden, bevor er die Giftspritze gesetzt bekommen sollte.

Die Nachricht kam per Fax und bestand aus zwei kargen Sätzen, von denen der zweite maßgeblich war: "Es wird hiermit angeordnet, dass der Beschluss dieses Gerichts vom 30. Juni 2008, mit dem der Tag der Hinrichtung von Thomas Douglas Arthur für den 31. Juli 2008 bestimmt wurde, vorbehaltlich weiterer Beschlüsse des Gerichts aufgehoben wird." Die Anordnung der Richter fiel mit 5:4 Stimmen.

Noch dramatischer freilich war, was sich in den Stunden vor dieser neuerlichen Galgenfrist hinter den Kulissen abspielte: Kein Krimiautor hätte sich das besser ausdenken können. "Mir schwirrt der Kopf", sagte Sherrie Stone, 47.

Mordgeständnis in säuberlichen Schuljungen-Buchstaben

Arthur soll 1982 den 35-jährigen Troy Wicker im Schlaf umgebracht haben. Wickers Frau Judy, die am Tatort vorgefunden wurde und mit Arthur eine Affäre gehabt hatte, belastete Arthur - mit einer Zeugenaussage, die sie selbst vor einer lebenslangen Haftstrafe bewahrte. Arthur wurde zum Tode verurteilt, trotz Mangels an weiteren, konkreten Indizien.

AUS DEM SPIEGEL-TV-ARCHIV

Foto: SPIEGEL TV
Todesstrafe in den USA - Das Gefängnis in Huntsville/Texas
SPIEGEL TV vom 16.10. 2007
Arthurs Anwältinnen Suhana Han und Jordan Razza versuchen seit Jahren, mittels DNA-Proben seine Unschuld zu beweisen. Auch die Vereinten Nationen, Amnesty International und die New Yorker Rechtsinitiative Innocence Project haben sich für Arthur eingesetzt.

Doch sowohl die Gerichte als auch Alabamas Justizminister Troy King und Gouverneur Bob Riley - beide Republikaner - weigerten sich bisher, die unter Verschluss befindlichen DNA-Materialen testen zu lassen, darunter Blut- und Haarproben vom Tatort sowie der ärztliche Vergewaltigungsbefund Judy Wickers. Alabama ist einer von nur sieben US-Staaten, in denen DNA-Tests nicht gesetzlich vorgeschrieben sind.

Erst vorgestern hatte Alabamas Supreme Court einen letzten Eilantrag auf DNA-Zugang und damit einen Aufschub abgelehnt. Dann - die Sensation: Ein anderer Mann gestand die Tat.

Die eidesstattliche Erklärung ist handgeschrieben. Acht Seiten, auf liniertem Notizpapier, in säuberlichen Schuljungen-Buchstaben und unterzeichnet mit einem leichten, eleganten Schnörkel: "Bobby Gilbert."

"Ich bekam das Gewehr, als ich sieben Jahre alt war"

Gilbert, 43, sitzt selbst im Gefängnis, in der Nähe von Birmingham im Herzen Alabamas. Dort leistet er, wie er schreibt, wegen Mordes und anderer Delikte eine ganze Reihe von Strafen ab: "Einmal lebenslang ohne Bewährung, zweimal lebenslang, zweimal 99 Jahre, einmal 40 Jahre, einmal 20 Jahre, einmal 10 Jahre."

Gilbert - der damals ebenfalls eine Affäre mit Judy Wicker gehabt haben will - gesteht den Mord an Troy Wicker mit lakonischen Worten: "Ich nahm ein abgesägtes Gewehr vom Kaliber 22 und schoss ihm ins Gesicht. Ich stand weniger als 55 Zentimeter von ihm entfernt. Ich bekam das Gewehr von meinem Vater geschenkt, als ich ungefähr sieben Jahre alt war." Judy Wicker habe ihn zu dem Mord angestiftet und ihn auch bezahlt.

Das filmreife Last-Minute-Geständnis, wahr oder unwahr, war Anlass genug für das Gericht, die Vollstreckung des umstrittenen Todesurteils aufzuschieben. Doch damit ist Arthurs Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Arthurs Tochter Sherrie Stone, die seit vielen Jahren für die Rehabilitierung ihres Vaters kämpft, konnte die neue Wendung kaum fassen. "Das sollte reichen, um uns einen neuen Prozess zu garantieren", sagte sie. Von Bobby Gilbert, fügte sie verwundert hinzu, "hatte ich vorher nie gehört".

Fast wäre es nicht zu dem Aufschub gekommen. Justizminister King versuchte mit allen Mitteln, Arthur wie geplant der Giftspritze zuzuführen. Ein neues Geständnis? "Ich habe keinen Anlass, dem zu glauben", erklärte er. Binnen weniger Stunden präsentierte King stattdessen seinerseits eine eidesstattliche Versicherung - von Judy Wicker. "Keine der Anschuldigungen Gilberts ist wahr", schwört sie. Und was den Mörder ihres Mannes angeht: "Diese Person war Thomas Arthur, nicht Bobby Gilbert."

Sex am Tatort, ohne Kondome

Und dann wurde es hässlich. Wicker beschuldigte Sherrie Stone, diese habe sie bestechen wollen, damit sie ihre belastende Aussage widerrufe. Arthur stünden bei einem nachträglichen Freispruch "Millionen Dollar" an Entschädigung zu: "Arthur", erklärte Wicker, "würde mir 20 Prozent zahlen." Stone, darauf angesprochen, lachte laut: "So ein Quatsch!"

Es ging weiter - wie in einem Justizthriller von John Grisham. Minister King äußerte im Lokalfernsehen die Vermutung, Arthurs Anwälte hätten Gilbert "gecoacht", ihm Teile des Geständnisses in den Block diktiert. King war bis vor kurzem ein führender Wahlhelfer des Republikaners John McCain in Alabama, verließ McCains Team aber - nach Gerüchten, seine Frau habe ihn mit einem männlichen Angestellten im Bett erwischt.

Gilberts Geständnis liest sich authentisch. Er berichtete, wie er, erst 17-jährig, Judy Wicker kennengelernt habe: "Sie war eine zierliche Blondine." Wie sie ihn gebeten habe, ihren "gewalttätigen" Mann umzubringen. Wie er dunkelbraunes Make-up und eine Afro-Perücke getragen habe, um sich als Schwarzer zu verkleiden - Judy Wickers erste Aussage vor der Polizei war, dass ein Afroamerikaner ihren Mann umgebracht habe. Wie Wicker dem Toten hinterher einen Schminkspiegel vorgehalten habe, "um zu sehen, ob er noch atmete". Wie sie dann am Tatort Sex gehabt hätten, ohne Kondome. Wie und wo er die Tatwaffe losgeworden sei - in einer nahen Lagune.

"Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist warten"

Seit Jahren habe er "die Dinge richtigstellen" wollen, schreibt Gilbert. Er habe Mithäftlingen von dem Mord erzählt, zwei Gefängniswärtern. Doch niemand schien ihm zugehört zu haben.

Bis jetzt. Gilberts Brief, der Arthurs Tod erneut aufschob, war am Mittwoch Tagesthema, nicht nur in Alabama. Nun kann es zu den DNA-Tests kommen, die Arthurs Unschuld beweisen (oder widerlegen) könnten. Arthur, sagte seine Anwältin Han, sei "absolut ekstatisch": "Endlich haben wir die Gelegenheit, seine Unschuldsbeteuerung umfassend zu prüfen."

Doch auch das war plötzlich wieder fraglich: Man habe einen Teil der DNA-Proben "verloren", hieß es aus dem Justizministerium Alabamas. "Alles, was ich jetzt noch tun kann", sagte Sherrie Stone, "ist warten."

Doch selbst wenn Arthur nachträglich für unschuldig erklärt wird: Aus der Haft wird er nicht freikommen. Denn auch dann muss er noch eine weitere, lebenslange Strafe absitzen, wegen eines früheren Mordes an einem entfernten Verwandten - und an dem Schuldspruch zweifelt selbst die Tochter nicht.

ZUM TODE VERURTEILT: WIE MENSCHEN HINGERICHTET WERDEN

Giftspritze

AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten drei Substanzen verabreicht: Ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.

Elektrischer Stuhl

Gaskammer

Strang

Erschießen

Enthauptung/Guillotine

Steinigung

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