Edmonton - Alles war ruhig, als der Greyhound-Bus 1170 auf dem Weg von Winnipeg nach Edmonton langsam den Trans-Canada-Highway entlangfuhr. Die Sonne war gerade untergegangen, und die Passagiere hatten es sich bequem gemacht. Im Fernsehen kabbelten sich Antonio Banderas und Catherine Zeta-Jones in "Die Legende von Zorro".
In Brandon, einer Stadt im Südwesten der Provinz Manitoba, stieg ein Fahrgast zu. Ein unauffälliger, etwa 40 Jahre alter Mann, der "völlig normal" wirkte, wie Zeugen versicherten. Während einer Rauchpause plauderte er mit einer Passagierin und wechselte danach seinen Sitzplatz. Neben ihm lag schlafend mit Kopfhörern auf den Ohren ein etwa 20 Jahre alter Mann. Sein Opfer.
Was dann gegen 20.30 Uhr rund 20 Kilometer westlich von Portage la Prairie geschah, ist an Grausamkeit kaum zu übertreffen und wird Angehörige und Augenzeugen, Polizisten und Gerichtspsychologen noch lange beschäftigen. Ohne einen sicht- oder hörbaren Auslöser, ohne Streit oder Vorankündigung sticht der Sonnenbrillenträger unvermittelt mit einem Messer auf seinen Sitznachbarn ein. Nicht einmal, zweimal oder dreimal - "40 oder 50 Mal" habe er dem wehrlosen Opfer zugesetzt, berichtete Augenzeuge Garnet Caton, der von einem Schrei, einer "Mischung aus Hundegeheul und weinendem Baby" aufgeschreckt wurde.
Caton zufolge erschien der Täter auf gespenstische Weise gefühllos. "Er war total ruhig, er sagte nichts. Da war keine Wut oder irgendwas. Er war einfach wie ein Roboter, der diesen Typen niedersticht."
Bereits zehn Minuten nach dem Vorfall war die Polizei vor Ort. Experten eines Kriseninterventionsteams verhandelten mehrere Stunden mit dem Täter, während dieser im Bus blieb. Gegen halb zwei Uhr morgens dann versuchte er, per Sprung aus dem Busfenster zu fliehen. Er konnte jedoch von Polizisten verfolgt und gestellt werden. Die unter Schock stehenden Passagiere wurden zunächst mit Schulbussen in ein Hotel in Brandon gebracht. Die meisten von ihnen sind inzwischen an ihrem Reiseziel angekommen. "Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich diesen Mann am Fenster vor mir, der den Kopf eines Mannes in der Hand hält, mit dem ich gerade eine Zigarette geraucht habe", sagte der sichtlich erschütterte Augenzeuge Cody Olmstead der Polizei.
Der 40-jährige, angeblich aus Manitoba stammende Täter wurde festgenommen. Noch ist keine Anklage erhoben worden. Auch wurde der mutmaßliche Täter bisher nicht vernommen, erklärte ein Polizeisprecher am Donnerstag.
Identität des Opfers offenbar geklärt
Wie der kanadische Nachrichtensender CBC News meldete, ist die Identität des Opfers vermutlich geklärt. Zwar habe sich die Polizei dazu bisher nicht geäußert. In verschiedenen Medien hätten jedoch Freunde den ermordeten jungen Mann als den 22-jährigen Tim McLean aus Winnipeg identifiziert.
Eine Facebook-Gruppe soll demnach am frühen Freitagmorgen auf der Netzwerk-Web-Seite eine Beileidsbekundung veröffentlicht haben. "Ruhe in Frieden, Tim McLean: Du wirst geliebt und innig vermisst werden." McLeans Vater, Tim McLean Senior, sagte dem Sender am Donnerstagabend, er versuche, von der Polizei eine Bestätigung zu erhalten, ob es sich bei dem Opfer um seinen Sohn handele.
Noch aus dem Bus soll Tim McLean seinen Eltern eine SMS geschickt und gefragt haben, ob er die Nacht bei ihnen verbringen könne. Der 22-Jährige hatte in Edmonton auf einer Ausstellung gearbeitet. Die Eltern stimmten erfreut zu - und hörten nie wieder von ihrem Sohn.
Der 23-jährige William Caron sagte der "Canadian Press", er kenne McLean seit der gemeinsamen Schulzeit. "Ich wusste, dass er von einer Ausstellung zurückkehren sollte. Mein Bruder sollte ihn am Busbahnhof abholen, aber er kam nie an." Caron und seine Frau kondolierten via Facebook. "Wir lieben dich so sehr", schrieb Jodi Caron. "Die Kinder werden dich so sehr vermissen, ebenso wie William und ich. Du warst ein großartiger Mensch, immer glücklich, geliebt und eine faszinierende Persönlichkeit."
"Ich wundere mich, dass nicht noch mehr passiert"
Mit der grausigen Attacke ist die Diskussion um die Passagiersicherheit in den Bussen der Greyhound-Linien entbrannt. Passagiere forderten nach der tödlichen Messerattacke mehr präventive Maßnahmen wie Gepäckdurchsuchungen. Greyhound-Sprecherin Abby Wambaugh sagte der "Edmonton Sun" "Auf Grund der ländlichen Struktur unseres Netzwerks sind Sicherheitsmaßnahmen wie auf Flughäfen bei uns schwer durchführbar." In den vereinigten Staaten habe das Unternehmen vom Heimatschutzministerium finanzielle Hilfe erhalten, um die Sicherheitsmaßnahmen auszuweiten. Dies stehe für Kanada noch aus, so Wambaugh.
Die brutale Messerattacke war nicht die erste in der Geschichte des Busunternehmens: Im Jahr 2001 erstach ein Greyhound-Passagier in Tennessee einen Busfahrer und verursachte dadurch einen schweren Unfall.
Ein ehemaliger Angestellter des Busbahnhofs in Edmonton sagte dem "Edmonton Journal", er habe seinen Job unter anderem wegen der mangelhaften Passagierüberwachung gekündigt. "Alles ist offen. Man kann alles, was man will, mit an Bord nehmen oder im Gepäckraum verstauen", empörte sich Darcey Kolewaski. Wenn man bis zu 50 Menschen, die bisweilen unter Alkoholeinfluss stehen, auf engem Raum zusammenpferche, könne alles passieren. "Ich wundere mich, dass nicht noch mehr passiert."
In Edmonton setzt man nach dem schrecklichen Vorfall verstärkt auf Überwachungskameras. In rund 200 Bussen des staatlichen Verkehrsunternehmens Edmonton Transit (ETS) sollen die elektronischen Späher installiert werden. Langfristig hofft man die gesamte Flotte mit mehr als 880 Fahrzeugen mit Kameras bestücken zu können.
ala
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