Von Barbara Hans
Bei der Polizei sagt er später aus, es habe einen Streit gegeben: Er habe zurück ins "Lampost" gehen wollen, seine Frau aber habe sich geweigert, ihm Geld zu geben. "Ob sich das tatsächlich so zugetragen hat, vermag ich nicht zu sagen", sagt Flahertys Verteidiger Donald MacLeod SPIEGEL ONLINE. "Es wird so berichtet und mein Mandant hat es wohl auch so ausgesagt, aber letztlich belegen kann man das nicht. Die einzige Zeugin, die es wissen könnte, ist tot."
In der ersten Vernehmung gab Flaherty nämlich auch zu Protokoll, der derzeitige britische Premier sei "so ein Bursche mit Locken" und Richard Nixon der derzeitige Präsident der USA. Im Gespräch mit einem Gutachter sagte Flaherty, er habe nicht seine Frau, sondern seine Schwester getötet, weil sie vorlaut gewesen sei.
Unlängst sei Flaherty auch mit dem Zug ins rund 600 Kilometer entfernte Bristol gefahren, berichtet der "Scotsman". Dort angekommen, wusste er nicht, wo er war. Man musste ihm 100 Pfund schicken, damit er die Rückreise antreten konnte.
An vielen Tagen in den vergangenen Monaten hat er ordentlich angezogen in seinem Wohnzimmer gesessen und gewartet - auf seine Verhandlung. Jeden Tag, auch am Wochenende. Die Zeit ist Flaherty schon lange abhanden gekommen.
Flaherty behauptete, sich nicht daran erinnern zu können, seine Frau ermordet zu haben. Als man ihn aber beim Verhör fragte, wer es gewesen sein könnte, antwortete er: "Das muss ich ja getan haben. Im Haus laufen ja keine Geister herum."
Die Strafe: Kneipenverbot für das nächste Jahr
Am Montag nun musste sich Edward Flaherty vor dem High Court in Glasgow verantworten. Die Anklage lautete auf Mord. Einmal war der Prozess bereits verschoben worden - der gesundheitliche Zustand des Angeklagten hatte eine Verhandlung nicht zugelassen.
Wegen Totschlags wurde der Rentner schließlich von Lord Matthews verurteilt - zu einem einjährigen Hausverbot in seiner Stammkneipe. Der Richter sah es als erwiesen an, dass Flaherty aufgrund seiner Demenz "nicht in der Lage sei", eine Haftstrafe zu verbüßen.
Im kommenden Jahr darf er nun zwischen 11 Uhr vormittags und 23 Uhr abends - also zur Öffnungszeit des "Lampost" - seine Wohnung nicht verlassen. Ein elektronisches Band, das er am Bein trägt, sendet ein Signal an die Polizei, sobald Flaherty sich aus dem vorgegebenen Radius entfernt.
Zur Begründung der außergewöhnlichen Strafe sagte Lord Matthews zum Angeklagten: "Ich sehe es als erwiesen an, dass Sie den Tod Ihrer Frau, mit der Sie jahrzehntelang zusammen waren, zu verantworten haben. Unter normalen Umständen würde das für Sie eine Haftstrafe von vielen Jahren zur Folge haben. Ich habe die Gutachten vieler Experten gelesen und mir ist klar, dass Sie, wenn ich Sie zu einer solchen Strafe verurteilen würde, nach kurzer Zeit wieder entlassen würden - weil man im Gefängnis nicht in der Lage wäre, mit Ihrer Situation umzugehen."
Ein Ersttäter - mit 74
Eine Haftstrafe sei in diesem Fall nur ein symbolischer Akt - und daher nicht sinnvoll. "Ich bin aber dennoch bestrebt, Sie zu einer Strafe zu verurteilen, die ihre Freiheit einschränkt. […] Wenn Sie in Zukunft nicht mehr in den Pub gehen können, dann halte ich das für eine wirkungsvollere Strafe als eine Haftstrafe, die Sie ohnehin nicht lange verbüßen müssten."
Das Urteil hat in Großbritannien eine Debatte über den Umgang mit älteren, und zunehmend auch dementen, Straftätern ausgelöst. "Dieser Mann hat nicht mehr lange zu leben. Lord Matthews hat durch das Urteil eine Situation geschaffen, in der man die Umwelt vor Flaherty, aber ihn auch vor sich selbst schützen kann", sagte Gerichtssprecherin Elizabeth Cutting SPIEGEL ONLINE.
Den Einwand, das Urteil sorge nicht für eine adäquate medizinische Versorgung des Verurteilten, lässt sie nicht gelten. "Ein Richter ist kein Arzt. Lord Matthews hat dafür Sorge getragen, dass man dem Mann künftig besser helfen kann." Außerdem seien die Gefängnisse des Landes ohnehin überfüllt.
Verteidiger MacLeod ist mit dem Urteil zufrieden. "Er ist ein Ersttäter. Er hat sein Leben lang gearbeitet, war nie auffällig. In der Ehe hat es in 52 Jahren keine Gewalt gegeben. Das bestätigen alle Freunde und Verwandten. Die Ärzte gehen davon aus, dass mein Mandant nur noch weniger als ein Jahr zu leben hat."
Dass der Rentner begreift, was er getan hat, und welche Strafe er nun verbüßen muss - davon ist MacLeod überzeugt: "Er hat Momente, in denen er sehr klar ist." Die Urteilsverkündung selbst verfolgte er scheinbar teilnahmslos.
Nun wird er vermutlich den Rest seines Lebens in einer Wohnung verbringen, die er über Jahre mit seiner Frau teilte - auf dem Grund, auf dem einst ein Gefängnis stand.
Im "Lampost" sind sie sich einig: Gestraft sei Flaherty ohnehin schon genug.
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