SPIEGEL ONLINE: In der Bundesrepublik wurden seit dem Zweiten Weltkrieg 155 Mordserien gezählt mit 674 Opfern. Welche Menschen waren und sind besonders gefährdet?
Harbort: Da muss man sehr vorsichtig sein. Ich habe in meiner Arbeit konkret gefragt, gibt es bestimmte Merkmale, die für den Täter ausschlaggebend waren, dieses Opfer zu attackieren.
SPIEGEL ONLINE: Und?
Harbort: In der Mehrzahl der Fälle sind die Opfer von Serienmördern weiblich, ledig und stammen eher aus dem sozial schwachen Milieu. Daraus sollte man jedoch keine Kausalität herleiten und sagen, wer diese Merkmale auf sich vereint, der ist besonders gefährdet. Dafür sind sie zu unspezifisch, außerdem spielt der Zufall eine zu große Rolle.
SPIEGEL ONLINE: Kennen sich Opfer und Täter für gewöhnlich?
Harbort: Nein, das ist die Besonderheit bei Serientätern. Üblicherweise hat man es bei Mord- oder Totschlagsdelikten mit Beziehungstaten zu tun, das ist hier in mehr als 80 Prozent der Fälle nicht so. So wird auch erklärbar, warum die Täter ihre Tötungshemmungsfunktion außer Kraft setzen können. Viele Killer haben mir gesagt, es muss unbedingt ein Fremder sein, nur so seien sie in der Lage, das Opfer nicht als Menschen wahrzunehmen, sondern als Objekt ihrer Begierde.
SPIEGEL ONLINE: An welchen Orten schlagen Serientäter häufig zu?
Harbort: In erster Linie, und das wird vielleicht manchen Leser überraschen, sind Menschen in der eigenen Wohnung und am Arbeitsplatz gefährdet. Das hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass man sich an diesen Orten sehr sicher fühlt. Und daraus leitet man eben die Illusion der eigenen Unverwundbarkeit ab. Man glaubt, bisher ist nichts passiert, und das wird auch so bleiben. Man wird angreifbar.
SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich sonst leben?
Harbort: Berechtigter Einwand. Man kann natürlich nicht fortwährend unter Hochspannung durch die Welt gehen und sich permanenter Gefahr ausgesetzt sehen - aber man sollte eben auch nicht allen Menschen und Lebenssituationen kritiklos und allzu naiv gegenübertreten. Es muss ein jeder für sich einen vernünftigen Kompromiss finden und sich entscheiden, was ihm seine persönliche Sicherheit wert ist und was er dafür einsetzen will.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen vor, pseudowissenschaftlich vorzugehen. Die Verbrechen würden in Ihren Büchern zwar detailliert geschildert, aber zu wenig analysiert. Der Erkenntnisgewinn Ihrer Werke sei daher gering …
Harbort: Moment! Mein Buch ist kein Fachbuch, sondern ein Sachbuch. Mir geht es zunächst einmal darum, mein kriminalistisches Expertenwissen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, und zwar nicht als Fachchinesisch. Dass ich deshalb in bestimmten Kreisen angreifbar bin, nehme ich aber gerne in Kauf.
SPIEGEL ONLINE: "Es gibt keine Opfer ohne Täter. Und es gibt keine Täter ohne Opfer", ist in Ihrem Buch zu lesen. Und: Opfer einer Straftat zu werden, werde auch durch Persönlichkeit, Erfahrung und Lebensführung des Opfers bestimmt. Klingt ein bisschen nach der Devise: Sie sind selbst schuld, oder?
Harbort: Es geht hier nicht um Schuld, dieser Begriff ist ganz unpassend. Die meisten Opfer sind ganz unvermittelt in eine solche Situation geraten, man kann ihnen bei kritischer Betrachtung keinen Vorwurf machen. Es gibt aber auch Fälle, in denen Opfer sich unglücklich verhalten haben und erst hierdurch in Gefahr gekommen sind. Diese unterschiedlichen Täter-Opfer-Konstellationen und ihre Folgen können sehr lehrreich sein.
SPIEGEL ONLINE: Die meisten Taten, die Sie in Ihrem Buch sehr detailliert erzählen, sind sexuell motiviert. Für die wahrscheinlich mysteriöseste Mordserie Europas, in deren Verlauf ein Unbekannter türkische Kleinunternehmer erschossen hat, gilt das nicht. Wie erklären Sie sich die "Spur der Ceska"?
Harbort: Das ist ein großes Rätsel. Dennoch: Wenn ich mir den Tatbestand von außen anschaue, meine ich, in der Auswahl der Opfer eine hohe Symbolik und eine tiefe Emotionalität zu erkennen. Diese Männer sind vielleicht stellvertretend attackiert worden, das heißt, es gibt möglicherweise jemanden, der in einer fatalen Dreiecksbeziehung lebt, aus der er nicht ausbrechen kann. Diese Konstellation geht aber mit einer für den Täter unerträglichen Herabsetzung einher. Er tötet seine Opfer daher anstelle des Aggressors, auf den er nicht einwirken kann. So etwas hat es in der Kriminalgeschichte schon gegeben.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind selbst einmal von einer Horde Rowdys verprügelt worden, weil Sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Spielt dieses Erlebnis heute noch eine Rolle für Sie?
Harbort: Von 20 Leuten zusammengeschlagen zu werden, ist nicht lustig. Ich hatte Todesangst, auch wenn mein Leben wahrscheinlich nicht in Gefahr war. Das Erlebnis habe ich verarbeitet, es quält mich heute nicht mehr, aber ich kann seither gut nachvollziehen, wie Menschen sich fühlen, die zu Opfern werden.
Das Interview führte Jörg Diehl
Stephan Harbort: Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer. Droste Verlag. Düsseldorf, 2008; 336 Seiten; 19,95 Euro
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