Von Julia Jüttner
Hamburg - Seit Frank R., 42, und Markus E., 40, in U-Haft sitzen, sind die mit Graffiti besprühten, rumpeligen Rollläden des "Jayson's" heruntergelassen. Die roten Plüschsofas im Inneren der Kreuzberger Kneipe sind eingestaubt. Das offiziell als "Shisha"-Bar geführte Lokal in der Eisenbahnstraße 15 steht seit Juni dieses Jahres leer - es soll Schauplatz eines der größten Missbrauchsfälle Berlins gewesen sein.
Landgericht Berlin-Moabit: Der Angeklagte Frank R. schwieg eisern
Hier sollen Jungen zwischen 12 und 16 Jahren von den beiden mutmaßlichen Kinderschändern missbraucht und an Freier vermittelt worden sein. Einer der beiden Hauptverdächtigen, Frank R., muss sich ab Dienstag im Saal 701 des Landgerichts in Moabit wegen "Menschenhandels zum Zweck sexueller Ausbeutung, sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen und gefährlicher Körperverletzung" verantworten.
Letzteres, weil der 42-Jährige die Jugendlichen ungeschützt missbrauchte, obwohl er wusste, dass er seit 2004 HIV-positiv ist. Der Mann sei als "Hangtäter" eine Gefährdung für die Allgemeinheit, sagte der Staatsanwalt beim Verlesen der Anklageschrift - und sprach sich schon jetzt für eine Sicherungsverwahrung aus.
Liebesdienste an Freier für bis zu 150 Euro
Mit seinem Komplizen agierte der gelernte Industriekaufmann nach festem kriminellem System: Sie gaben sich als Fotografen der Model-Agentur "Athleticpromotion" aus, inserierten im Internet und im "Jayson's" und lockten so Jungen an, die von einer Modelkarriere träumten oder ihr Taschengeld aufbessern wollten. Um vertrauenswürdiger zu wirken, forderten die beiden Männer als Beschäftigungsbedingung die Unterschrift der Eltern. Die seriös anmutende Internetseite www.athleticpromotion.de wurde mittlerweile eingestellt.
In der Regel wurden die Interessenten zunächst in den Hinterräumen des Lokals gelockt und entweder dort oder in den Privatwohnungen der beiden Männer, in der Donaustraße in Neukölln und in der Alexandrinenstraße in Kreuzberg, fotografiert. Danach sollen die Männer den Minderjährigen pornografische Filme vorgeführt und sie zum Teil mit Wodka-Mixgetränken gefügig gemacht haben.
Sie sollen sie zu sexuellen Handlungen gezwungen und dazu überredet haben, ihre Liebesdienste an Freier zu verkaufen. Teilweise kassierten Frank R. und Markus E., beide wegen anderer Sexualdelikte vorbestraft, bis zu 150 Euro pro Junge. Die Opfer, meist deutsche Kinder aus finanziell eher schlecht gestellten Familien, durften teilweise zehn bis 20 Euro davon behalten. Einige von ihnen mussten sich im "Jayson's" vor Gästen ausziehen und anfassen lassen.
Viele Opfer wandten sich aus Scham nicht an die Polizei
Nach Angaben der Ermittler sollen Frank R. und Markus E. die Jungen zum Schweigen gebracht haben, indem sie ihnen drohten, ihre Eltern zu informieren. "Viele Opfer haben sich aus Scham nicht an die Polizei gewandt", sagte ein Ermittler SPIEGEL ONLINE. Ermittelt werde noch immer gegen Männer, die als mögliche freier die Dienste der mutmaßlichen Täter in Anspruch nahmen. "Ohne deren Nachfrage hätte es diese Taten nicht gegeben", so ein Polizeisprecher.
Das monatelange Gebaren wurde nur entdeckt, weil ein aufmerksamer Nachbar aus dem Hochhaus, in dem Frank R. lebte, im Herbst 2007 die Polizei alarmierte. Ihm fiel auf, dass häufig minderjährige Jungen das Apartment im elften Stockwerk besuchten und sich dort stundenlang aufhielten.
Dennoch konnten die Ermittler die beiden mutmaßlichen Täter erst im Juni 2008 festnehmen. Beweise für den dringenden Tatverdacht zu erbringen, war für die Ermittler mühsame Puzzlearbeit.
Die Verfahren gegen die beiden mutmaßlichen Kinderschänder wurden getrennt. Am Dienstag stand Frank R. als erster vor Gericht - und schwieg zu den erschütternden Vorwürfen.
Eines seiner Opfer bestätigte im Zeugenstand, Frank R. habe ihn in den Sommerferien 2007 im "Jayson's" angesprochen, ob er bereit sei, für ein entsprechendes Honorar Liebesdienste auszuführen. Nach Angaben des heute 17-Jährigen wurde er über das Internet an Freier vermittelt und habe die Männer in der Hochhauswohnung des angeklagten Frank R. empfangen und sich den sexuellen Handlungen hingegeben.
Jungen, denen Frank R. pornographische Filme zeigte und die er anschließend missbrauchte, sollen in dem Verfahren noch aussagen. Zum Teil gab der 42-Jährige ihnen zehn, 20 oder 40 Euro dafür.
In wenigen Wochen folgt das Hauptverfahren gegen seinen Komplizen Markus E., einen ehemaligen Pädagogik-Studenten. Ihm wird neben Menschenhandels zum Zweck sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch von Jugendlichen zudem Zwang zur Prostitution und Vergewaltigung vorgeworfen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH