Von Julia Jüttner
Hamburg - Die Parallele zum Inzestfall von Amstetten ist augenfällig: Ein Familienvater aus dem mittelenglischen Sheffield verging sich jahrelang an seinen beiden Töchtern, schwängerte sie insgesamt 19-mal. Neun der Kinder kamen zur Welt, sieben überlebten. Jetzt hat ein Gericht in Sheffield den Mann verurteilt: Er muss für 19 Jahre und sechs Monate in Haft.
Allerdings gibt es einen eklatanten Unterschied zu dem Fall in Österreich: Der Brite hielt seine Töchter nicht in einem Verlies gefangen. Umso erschreckender ist es, dass der 56-Jährige, dessen Identität zum Schutz der Opfer geheim gehalten wird, seine eigenen Kinder seelisch so traumatisierte, dass sie sich drei Jahrzehnte lang niemandem anvertrauten.
Der Brite missbrauchte die Mädchen in diesem Zeitraum den Ermittlungen zufolge weit mehr als tausendmal, manchmal dreimal in einer Woche. Er fiel das erste Mal über sie her, als die älteste Tochter zehn, ihre jüngere Schwester acht Jahre alt war. Wehrten sie sich, prügelte er sie nieder oder quälte sie auf abartige Weise.
Der Mann schüchterte die Kinder ein, indem er sie mit dem Kopf an die Flamme eines Gasofens hielt, berichtet der "Guardian". Der jüngeren verbrannte er dadurch einmal fast ein Auge. Auffällige Narben haben einen Teil ihres Gesichtes bis heute entstellt. Einem der Mädchen brach er die Knochen, einen Arzt konsultierte er mit ihnen nie, schreibt der "Independent". Wenn die Verletzungen trotz Kleidung sichtbar waren, sperrte er sie zu Hause ein und ließ sie nicht in die Schule, sagte Staatsanwalt Nicholas Campbell.
Er schlug sie mit den Fäusten, Füßen und seinem Ledergürtel
Die Mädchen wuchsen auf in einer Welt voller Angst und brutaler Gewalt. Wenn sie sein Auto kommen hörten, verkrochen sie sich im Haus - so wie es selbst ihre Mutter und der Bruder taten. Mit bloßen Händen, seinen Füßen und einem Ledergürtel schlug und trat der Vater auf sie ein.
Als sich ihre Mutter in den neunziger Jahren vom Vater scheiden ließ und die Familie verließ, blieben die beiden Mädchen mit ihrem Bruder bei dem gewalttätigen Vater. Immer wieder drohte er ihnen mit noch mehr Gewalt, sollten sie sich jemandem anvertrauen. Die Mädchen gehorchten, der Junge floh als Jugendlicher - ohne Hilfe zu holen.
Die Mädchen gebaren neun Kinder, gezeugt vom eigenen Vater. Zwei starben noch am Tag ihrer Geburt, die übrigen zehn Schwangerschaften endeten mit Fehlgeburten oder Abtreibungen.
Die beiden jungen Mütter hielten auch deshalb still, weil sie fürchteten, das Jugendamt könne ihnen ihre Kinder wegnehmen oder ihr Vater könne sie umbringen.
Vergeblich boten sie ihrem Peiniger Geld, damit er von ihnen ablasse. Doch der kannte keine Gnade: Wenn er die eine Tochter vergewaltigte, musste die andere auf die Kleinkinder aufpassen - und umgekehrt.
Warum schritt die Polizei nicht ein?
Der Brite soll die beiden Frauen oft im Suff tyrannisiert und ihnen mit dem Tod gedroht haben, schreibt der "Independent". Nach Ansicht des Gerichts soll der Brite die gewalttätigen Übergriffe regelrecht genossen haben, berichtet der "Guardian". Nur wenn eine der Frauen schwanger war, habe er zeitweise seine Aggressivität gedrosselt.
"In fast 40 Jahren, in denen ich mich mit Verbrechen beschäftige, ist das das Schlimmste, was ich je gesehen habe", sagte Richter Alan Goldsack bei der Urteilsverkündung.
James Baird, Verteidiger des verurteilten Vaters, sagte, es habe genügend Indizien für einen Inzest gegeben: "Es ist unvorstellbar, dass diese Straftaten in einer sogenannten zivilisierten Gesellschaft über so einen langen Zeitraum und mit solchen Folgen passieren konnten." Seiner Auffassung nach hätten die Sozialbehörden die Anzeichen der Verbrechen erkennen müssen.
Das Verfahren brachte auch eine offizielle Untersuchung ins Rollen: Warum schritten die Polizeistellen in Lincolnshire und South Yorkshire nicht ein? Wieso bemerkten die Sozialbehörden nichts? "Es muss gefragt werden, was Behörden, Sozialarbeiter und Ärzte in den vergangenen Jahren getan haben", betonte Richter Goldsack in seinem Schlusswort.
Eine Antwort könnte sein, dass der 56-Jährige innerhalb zweier mittelenglischer Grafschaften häufig umgezogen war - seine beiden Töchter und die kleineren Kinder im Schlepptau. Somit gelang es ihm, lästigen Fragen von Ärzten, Lehrern, Nachbarn und vor allem der Polizei auszuweichen. Bewusst entschied er sich für Häuser in abgelegenen Dörfern, in denen es dauerte, bis man integriert wurde. Sobald eine der Töchter Kontakt geknüpft hatte, wurden die Koffer gepackt. Nach Angaben der "Daily Mail" hat die Familie keine sechs Monate an einem Ort gelebt.
Irgendwann waren die jungen Frauen an dem Punkt, an dem sie selbst alles unternahmen, um den furchtbaren Missbrauch durch ihren Vater zu verbergen: Wenn Ärzte wegen der Schwangerschaften und genetischer Defekte bei Föten misstrauisch wurden, stritten die Töchter ab, dass ihr Vater auch der Vater ihres Kindes sei. Damit Lehrer sie nicht auf Verletzungen ansprachen, schwänzten sie die Schule oder erfanden abstruse Unfälle. Und als die Polizei nach einer Anzeige von Nachbarn sogar Ermittlungen aufnahm, führten diese zu nichts, weil die jungen Frauen die Zusammenarbeit verweigerten, berichtet der "Telegraph".
Eine der Frauen wählte einen Notruf - und legte auf
Erst im Jahr 1998 alarmierte eine von beiden die karitative Organisation Childline. Doch als ihr nicht garantiert wurde, dass sie und ihre Schwester ihre eigenen sieben Kinder behalten dürften, legte sie wieder auf.
So dauerte es weitere zehn Jahre, bis die Opfer sich an die Polizei wandten: Im Juni dieses Jahres gingen sie gemeinsam zu einer Wache und zeigten ihren Peiniger an. Konkrete Gründe, warum sie sich dazu entschlossen, sind bislang nicht bekannt.
Dass ihr Vater nun für knapp 20 Jahre ins Gefängnis wandert, beruhigt die beiden Frauen - vorerst. "Die Gefängnisstrafe gibt uns die Gewissheit, dass er uns nicht mehr körperlich verletzten kann. Das Leid, das er angerichtet hat, wird viele Jahre fortbestehen. Wir müssen jetzt die Kraft finden, unser Leben wieder aufzubauen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.
Das Gericht ordnete an, dass weder über die beiden Opfer noch über deren Kinder und ihre derzeitigen Lebensumstände Details verbreitet werden dürfen. Britische Zeitungen wie die "Daily Mail" und der "Guardian" berichteten lediglich, die beiden Frauen lebten mittlerweile in festen Partnerschaften und befänden sich in therapeutischer Betreuung.
"Wie, um Himmels Willen, konnte so etwas passieren?"
"Es ist schwer zu verstehen, wie so etwas in der heutigen Gesellschaft geschehen konnte", sagte die Leiterin des Jugendamtes der Stadt, Jayne Ludlum, am Mittwoch. Ludlum erklärte: "Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass uns das Ausmaß des Missbrauchs schockiert hat." Der Vorsitzende der oppositionellen Liberaldemokraten, Nick Clegg, sagte, der Fall drehe einem "den Magen um".
"Wie, um Himmels Willen, konnte so etwas passieren, ohne dass jemand etwas bemerkt?", fragte Clegg. "Wo waren die Ärzte? Wo waren die Sozialarbeiter? Was haben sie die letzten 20 Jahre lang getan?"
Premierminister Gordon Brown hat inzwischen eine gründliche Untersuchung des Falls versprochen. Nach diesem "entsetzlichen" Missbrauchsfall werde jede notwendige Änderung des Systems unternommen. "Die Menschen wollen zu Recht wissen, wie ein solcher Missbrauch so lange möglich ist, ohne dass die Behörden oder andere öffentliche Einrichtungen etwas bemerken und einschreiten", sagte Brown am Mittwoch bei einer Fragestunde des Parlaments in London.
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