Hannover - Die Schuldigen an dem medialen Desaster im Fall Marco Weiss hat Rechtsanwalt Nagel aus Hannover bereits ausgemacht: "Aufgrund einer offensichtlich unverantwortlichen Beratung von Seiten Dritter" sei Marco "vertraglich in einer Weise gebunden", die es ihm unmöglich mache, dem Rat seines Anwalts zu folgen.
Der hatte ihm eigenen Aussagen zufolge dringend geraten, vor Prozessende keine Interviews zu geben und "jede Form der Medienpräsenz zu unterlassen." Nagel erklärte, er müsse sein Mandat niederlegen, hoffe aber, dass sich die "negativen Auswirkungen dieser medialen Verarbeitung der Ereignisse in Grenzen halten werden". Er hoffe, die Verfahren in der Türkei und in Deutschland würden das positive Ende finden, "für das ich immer gekämpft habe".
Nagel will sich nicht weiter zu dem Fall äußern. Erst gestern hatte Marcos Anwalt Matthias Waldraff sein Mandat niedergelegt. Beide Verteidiger waren laut eigenen Angaben von der Veröffentlichung des Buches noch vor Ende des Prozesses in der Türkei überrascht worden.
Der 18-Jährige hat ein Buch veröffentlicht, in dem er seine Erlebnisse während seiner acht Monate dauernden Untersuchungshaft in der Türkei schildert. Die Erinnerungen erschienen am Freitag in einer Startauflage von 20.000 Exemplaren. Das 200 Seiten starke Buch werde ab sofort ausgeliefert, teilte der Hamburger Kinderbuch Verlag mit.
In den türkischen Medien wurde die Nachricht über die Buchveröffentlichung des dort angeklagten Teenagers heftig kritisiert. Weiss habe ein "hässliches Buch" verfasst, kommentierte die Zeitung "Yeni Safak" am Freitag. Das Blatt verwies auf die Vorankündigung des Buches, in der von Folter und Drogen im türkischen Gefängnis die Rede war, und verglich es mit dem Film "Midnight Express". Der Film über die erschreckenden Erlebnisse eines US-Bürgers in türkischer Haft hatte lange Zeit das schlechte Image der Türkei im Westen mitgeprägt.
"Yeni Safak" kritisierte im Zusammenhang mit dem Fall Marco auch den türkischen Medienkonzern Dogan. Das regierungsnahe Blatt wies darauf hin, dass die "Bild"-Zeitung die Aufzeichnungen von Marco Weiss als Serie veröffentlicht, der Springer-Verlag aber eng mit dem türkischen Medienzaren Aydin Dogan zusammenarbeit, der unter anderem die Zeitung "Hürriyet" verlegt. Dogan und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatten sich in den vergangenen Monaten einen öffentlichen Streit geliefert.
Auch der zum Dogan-Konzern gehörende Fernsehsender CNN-Türk zeigte sich verwundert über das Buch von Marco Weiss. Dessen Berichte über Folter in türkischen Gefängnissen würden noch lange Gesprächsstoff liefern, hieß es auf der Internetseite des Senders.
ala/AFP/ddp/dpa
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