Von Barbara Hans
Die Verteidiger haben einen Ablehnungsantrag gegen das Gutachten des Sachverständigen Kreyßig gestellt. "Wir sind der Auffassung, dass nicht nur fachlich problematisch gearbeitet worden ist, sondern dass Herr Kreyßig auch befangen ist", führte Rechtsanwalt Bliwier aus. Der Gutachter habe "einseitig Partei für die Geschädigte ergriffen", der sozio-kulturelle Hintergrund des Angeklagten und seine Moralvorstellungen würden nicht ausreichend gewürdigt, eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Familienehre fehle völlig, monierte der Verteidiger. Das Gutachten sei geprägt durch eine "aggressive Grundstimmung", der Angeklagte werde "moralisch diskreditiert".
Der Sachverständige wehrte sich gegen die Vorwürfe, betonte, dass er beim Angeklagten eine "durchschnittliche Intelligenz im oberen Bereich" festgestellt habe. "Ich habe zudem den sozio-kulturellen Hintergrund des Angeklagten seitenweise gewürdigt - in der Form, wie er mir bekannt geworden ist", erwiderte Kreyßig. Ob das Gericht das Gutachten ablehnen wird, steht noch nicht fest.
Die Einschätzung der Schuldfähigkeit Ahmad Obeidis ist von entscheidender Bedeutung: Geht man, wie die Anklage, von einer geplanten Tat und von der vollen Schuldfähigkeit des Angeklagten aus, ist eine Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes denkbar.
Geht man, wie die Verteidigung, von einer Affekttat und einer eingeschränkten Schuldfähigkeit Obeidis aus, könnte sich beides strafmildernd auswirken. "Ich sehe gute Chancen, das Lebenslänglich abzuwenden", sagte Anwalt Jacobi SPIEGEL ONLINE.
"Viele der jungen Frauen wollen in Freiheit leben"
Die zweite Frage, die sich bereits am ersten Prozesstag abzeichnete, ist die nach der Bedeutung des "Ehrverständnisses" Ahmad Obeidis. Inwieweit wird der "sozio-kulturelle Hintergrund" des Täters juristisch gewürdigt? Den Tatbestand des "Ehrenmordes" kennt das deutsche Strafrecht nicht, der Begriff allein ist hoch umstritten.
Die Verteidigung hält ihn im Kontext des Verfahrens für "unangemessen", wie Bliwier SPIEGEL ONLINE sagte. Die beiden Anwälte sprechen von einer "Familientragödie", die sich auch in einer deutschen Familie ereignen könnte. Die Anklage hebt dagegen explizit auf die Wertvorstellungen des Angeklagten ab.
Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierte die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes mit einer Schweigeminute für Morsal und protestierte gegen "Verbrechen im Namen der Ehre". "In der Gesellschaft, in der Morsal aufgewachsen ist, wird erwartet, dass die Kinder dienen und gehorchen und der Vater sie bei Ungehorsam schlägt. Ansonsten heißt es leicht: 'Du hast deine Kinder wohl nicht im Griff'", sagte die Frauenrechtlerin Necla Kelek SPIEGEL ONLINE. "Die Urteile haben bislang immer versucht, auf die Individualität des Einzelnen abzustellen, aber für mich passt das nicht. Es ist wichtig, dass wir kulturelle Differenzen wahrnehmen und sehen, dass patriarchale Strukturen und Kollektivmorde existieren." Ahmad habe im Namen eines Systems gehandelt. "Viele der jungen Frauen wollen in Freiheit leben, wissen aber nicht, wie das geht. Wir müssen es ihnen vermitteln", so Kelek.
"Ich denke, in Deutschland gibt es falsch verstandene Toleranz", sagt Nazanin Borumand von der Kampagne gegen Ehrenmorde "Vergesst niemals Hatun" und Mitglied des Zentralrats der Ex-Muslime: "Der Bruder von Morsal ist nicht der Einzige, der Schuld trägt. Es sind barbarische mittelalterliche Traditionen, die heute immer noch gelebt werden."
Die, die Morsal nahe standen, verfolgten die Kundgebung aus einiger Distanz. Mit dem Glauben, sagt Morsals Schwester, hatte die Tat nichts zu tun. Mehr gebe es nicht zu sagen. Es sei ohnehin viel komplexer als alle denken. "Das Gericht wird die Wahrheit schon ans Licht bringen."
Die Mädchen, die sich bereitwillig vor die Kameras gestellt haben, steigen laut plappernd in die U-Bahn, brüsten sich am Handy mit der Zahl der Interviews, die sie gegeben haben. Die Bahn fährt in Richtung Berliner Tor. Dorthin, wo Morsal sterben musste.
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