Von Julia Jüttner
Hamburg - Christian G. will kein Serienmörder sein. Ja, er habe mehr als 150 Frauen persönlich getroffen, die er in anonymen Chat-Foren kennengelernt hatte. Aber, so sagt er, "die leben alle noch".
Zwei der Frauen sind tot. Ermordet, so die Staatsanwaltschaft, von Christian G., den die Boulevardpresse zu "Deutschlands erstem Internet-Mörder" ausrief. Nach 208 Tagen in Untersuchungshaft im Hochsicherheitstrakt der JVA Essen beginnt am Mittwoch der Prozess gegen den 27-Jährigen.
Christian G. freue sich darauf, dass es endlich losgehe, sagt sein Verteidiger Burkhard Benecken. "Mein Mandant hat einiges klarzustellen und aufzuklären. Er will nicht länger als erster großer deutscher Internet-Killer dargestellt werden." Die Staatsanwaltschaft wirft dem gelernten Trockenbauer zweifachen Mord vor.
Die Ermittler vermuten, dass Christian G. seinen tödlichen Feldzug fortgesetzt hätte, wäre er nicht verhaftet worden.
Christian G. führte jahrelang ein Doppelleben. Er taumelte von Job zu Job, von Frau zu Frau. Sowohl Arbeitgeber als auch Lebensgefährtinnen waren des korpulenten 1,93-Meter-Mannes immer schnell überdrüssig und setzten ihn vor die Tür. G. schuf sich eine Parallelwelt, in der er die Regeln bestimmte und ihm die Frauen zu Füßen lagen. Im Internet.
Dort nannte er sich "riddick300", wie der Held des Science-Fiction-Films "Pitch Black - Planet der Finsternis", und "rosenboy0207". Er verschickte virtuelle Küsse, Umarmungen, Rosen und Smileys. Binnen weniger Monate war er allein bei Knuddels.de mehr als 70.000 Minuten lang eingeloggt, auf der Suche nach intimen Kontakten. "Er lebte in einer virtuellen Scheinwelt", konstatiert Rechtsanwalt Benecken.
Im Chat stellte sich Christian G. als sensibler Frauenversteher dar. Er sei ein "ehrlicher, treuer Mensch". Er verschickte dramatisch-schwülstige Liebesgedichte und stellte Fotos von sich auf seine Seite, die ihn betont verspielt und brav zeigten. Die Frauen flogen auf dieses weichgespülte Profil. Binnen weniger Stunden wurden überschwängliche, pathetische Liebeserklärungen in haarsträubender Orthografie ausgetauscht, es folgten Aktfotos - und dann sehr bald ein Treffen im realen Leben.
Für zwei Frauen endete das amouröse Abenteuer mit dem großen Unbekannten tödlich. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Christian G. am 5. Juni 2008 im niedersächsischen Stade Jessica K. traf und sie hinterrücks erstach, ebenso soll er am 17. Juni 2008 Regina B. heimtückisch ermordet haben.
An seinen Sohlen klebte tagelang das Blut seines Opfers
Christian G. räumt ein, Jessica K. - alias "babylove" - via Internet kontaktiert und in Stade getroffen zu haben. Mit ihrem Tod will er nichts zu tun haben, obwohl die Ermittler an seinen Schuhen Blutspuren der 26-Jährigen feststellen konnten. Überwachungskameras einer Bank beweisen zudem, dass die beiden gemeinsam versuchten, Geld abzuheben.
Es ist das letzte Lebenszeichen der gebürtigen Berlinerin. Ihre Leiche wurde am 19. Juni von einem Obstbauern gefunden.
Zwei Tage zuvor hat Christian G. die 39 Jahre alte Regina B. in Marl besucht. Laut Ermittlungsakten soll es zwischen den beiden umgehend zum Geschlechtsverkehr gekommen sein. Anschließend kochte die dreifache Mutter für sich und ihren neuen Freund und verließ nach dem Essen die Wohnung mit ihrem Dackel. Christian G. soll ihr, mit einem Küchenmesser bewaffnet, gefolgt sein.
Wie in einem der Horrorfilme, die er auf seiner Festplatte gespeichert hat, soll G. die 39-Jährige am Rande einer Wiese von hinten angefallen und wie von Sinnen auf sie eingestochen haben: zwölfmal in den Rücken, 14-mal in die Brust. Die Ermittler gehen davon aus, dass die meisten Verletzungen der Frau postmortal zugefügt wurden.
Einen Tag später findet ein Spaziergänger die Leiche der Frau nahe der Bundesstraße 51, nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Christian G. längst mit seiner Lebensgefährtin auf einem schmuddeligen Sofa in der gemeinsamen Zweizimmerwohnung in Hamburg-Harburg, man feiert ihren Geburtstag.
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