Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Rio de Janeiro - Holocaust-Leugner Richard Williamson war der Regierung zuvorgekommen: Als Argentiniens Innenminister die Ausweisung des englischen Bischofs verkündete, hatte dieser bereits still und heimlich das Priesterseminar der Piusbruderschaft in der Kleinstadt La Reja bei Buenos Aires verlassen.
Bischoff Williamson: Der Regierung von Argentinien zuvorgekommen
Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat in den vergangenen Monaten viel politische Schelte eingesteckt, aber für die Ausweisung Williamsons verdient sie uneingeschränktes Lob. Die Entscheidung der argentinischen Regierung ist eine kleine Genugtuung für die große jüdische Gemeinde des Landes - 200.000 Juden leben allein in Buenos Aires, viele sind Überlebende des Holocausts oder deren Nachkommen.
Argentinien hat bereits einen unrühmlichen Ruf als Zufluchtsort vieler Nazi-Kriegsverbrecher. Dass nach den Mengeles und Eichmanns ein vom Papst rehabilitierter Holocaust-Leugner in dem Land unterschlüpfen konnte, muss den Opfern der Menschenschlächter und ihren Angehörigen wie eine Verhöhnung ihres Schicksals vorgekommen sein.
Williamson fühlte sich zweifellos wohl im Schoß der Pius-Bruderschaft von La Reja: Antisemitismus und Judenhass haben in Argentiniens konservativem Klerus Tradition. Das rechtsradikale Gedankengut des französischen Erzbischofs Marcel Lefebvre, der Williamson kurz vor seinem Tod zum Bischof geweiht hatte, ist in Teilen des Klerus und im Militär tief verwurzelt. Lefebvre hatte beste Beziehungen zur Militärdiktatur, die von 1976 bis 1983 Zehntausende Regimegegner foltern und umbringen ließ, unter ihnen zahlreiche Juden. Er lobte die Terrorherrschaft als "Regierung der Ordnung und fester Prinzipien". Dem Chef der ersten Militärjunta, General Jorge Videla, stattete er alljährlich einen persönlichen Besuch ab.
Argentinien will Holocaustleugnung unter Strafe stellen
"Argentinien war das ideale Land für seine Organisation", sagt der argentinische Journalist und Schriftsteller Horacio Verbitsky, Autor mehrerer Bücher über die Verflechtungen zwischen der katholischen Kirche und den Militärs. "Organisationen, die Lefebvre nahe stehen, haben die drei Teilstreitkräfte in der Doktrin des konterrevolutionären Kampfes unterrichtet und Zitate des heiligen Thomas von Aquin missbraucht, um Entführungen, Folter und geheime Hinrichtungen zu rechtfertigen".
In dieser unseligen Tradition steht auch der Militärkaplan Cristian von Wernich. Der deutschstämmige Geistliche wurde vor anderthalb Jahren in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen mehrfachen Mordes verurteilt: Während der Militärdiktatur war er bei Folterungen von Regimegegnern dabei gewesen und hatte die Schergen der Junta gesegnet.
Bislang hat sich Argentiniens Klerus gegen eine rückhaltlose Aufklärung ihrer Beziehungen zu den Militärs gesträubt. Die Berufung des erzkonservativen Kardinals Ratzinger zum Papst hat den reaktionären Geistlichen Auftrieb verschafft, sie verspüren wieder Oberwasser.
"Antisemitismus ist in ganz Lateinamerika auf dem Vormarsch", klagt die brasilianische Historikerin Maria Luiza Tucci Carneiro von der Universität Sao Paulo, Autorin mehrerer Bücher zu dem Thema. Die Schändung einer Synagoge vor zwei Wochen in Caracas, Hauptstadt von Venezuela, hat diese beunruhigende Tendenz bestätigt.
In Argentinien ist die Leugnung des Holocausts bislang nicht strafbar, deshalb musste die Regierung einen "technischen Fehler" in Williamsons Aufenthaltsgenehmigung bemühen, um die Ausweisung gesetzlich zu rechtfertigen. Das soll sich jetzt ändern: Die Regierung arbeitet an einem Gesetzentwurf, der die Leugnung des Holocausts unter Strafe stellt.
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