Von Julia Jüttner
Hamburg - Zehn Tage lang lag sein Leichnam auf einem Parkplatz an der B 7 nahe Eisenach. Erst dann wurde Thies F. - sein Schädel war eingeschlagen, der Körper mit Hämatomen übersät - zufällig entdeckt. Zweieinhalb Jahre wusste niemand, wer der Tote ist. Thies F. wurde auf einem kleinen Friedhof in Thüringen begraben zu einem Zeitpunkt, als sich seine Mutter noch an die Hoffnung klammerte, ihr erwachsener Sohn würde irgendwann wieder auftauchen.
Das traurige Ende seines Lebens sühnen - mehr kann Helga F. für ihren toten Sohn Thies nicht mehr tun. Mit der Hilfe ihres Anwalts Bernd Pfläging aus Kassel kämpft sie seit zwei Jahren darum, dass seine Peiniger eine höhere Strafe bekommen, als sie das Landgericht Kassel am 29. Juni 2007 verhängt hat. Der Zweite Strafsenat des Bundesgerichtshofes (BGH) gab der mittellosen Mutter im März 2008 Recht und hob die Urteile gegen das beschuldigte Ehepaar H. auf. Sie hielten sich Thies F. als Sklaven, schickten ihn auf den Strich, ließen ihn hungern und schlugen ihn schließlich tot.
Am Mittwoch wird der Prozess von einer anderen Schwurgerichtskammer des Landgerichts Kassel neu aufgerollt. Helga F. wird sich erneut die widerlichen Details der letzten Monate ihres Kindes anhören oder, wie im ersten Verfahren, weinend den Saal verlassen müssen. Auch wenn es abgedroschen klinge, das sei sie ihrem Thies nun mal schuldig.
Thies wird im Juli 1973 in Dresden geboren. Der geistig leicht behinderte Junge wächst in der Dresdner Neustadt auf, geht auf die Sonderschule. Mit 14 Jahren hilft er bei einer Hausgeburt seiner jüngeren Schwester ins Leben. Er ist ein sensibler Junge, friedfertig und nachgiebig. Einer, den man leicht ausnutzen kann.
Nach der Wende geht Thies mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern nach Kassel. Mit 21 zieht er zu Hause aus, er will unbedingt auf eigenen Beinen stehen. Er jobbt als Tellerwäscher und füllt in Supermärkten Regale auf. Von seinem wenigen, selbst verdienten Geld gibt er falschen Freunden mehr ab, als er sich leisten kann.
Als er seine Miete nicht mehr zahlen kann, schämt er sich. Über einen Bekannten lernt Thies das Ehepaar Werner und Michaela H. kennen. Sie bieten ihm an, bei ihnen in Grebenstein-Udenhausen im Landkreis Kassel einzuziehen. Thies ist dankbar, zur fürsorglichen Mutter will er nicht. "Ich bin jetzt 28, ich muss das alleine schaffen", erzählt er ihr. Im Mai 2002 zieht er bei den H.s ein.
Der zurückhaltende, genügsame junge Mann weiß nicht, dass Werner H. zu Hause als gewalttätiger Patriarch herrscht, seine Stieftochter verprügelt und vergewaltigt, seine Ehefrau Michaela traktiert und drangsaliert.
Thies ist für die Familie H. eine "ideale Einnahmequelle"
Das Ehepaar H. hat ein kleines Grundstück in der Kleingartenanlage in Kassel-Hegelsberg, ein biederes Idyll. Hier auf der Parzelle 144 verbringt die Familie einen Großteil ihrer Zeit. Für Thies beginnt dort das Leben eines Sklaven: Er muss in einem Kinderzelt neben der Gartenlaube hausen, auch im Winter ohne Decke. Er bekommt kaum etwas zu essen, muss seinen Urin trinken. Immer wieder schlägt Werner H. grundlos und wie von Sinnen auf ihn ein, demütigt und malträtiert ihn auf widerwärtigste Weise.
Thies F. ist für die Familie eine Einnahmequelle: An dem Tag, an dem seine Arbeitslosenhilfe und sein Wohngeld überwiesen werden, steht das Ehepaar mit ihm am Geldautomaten und kassiert die 535 Euro. Wenn eine Autoreparatur oder andere Anschaffungen fällig sind, schickt Werner H. Thies auf den Kasseler Homosexuellen-Strich am Weinberg. Thies pariert aus Angst, wehrt sich nicht, vertraut sich keinem an.
Laut Staatsanwaltschaft hielt das Ehepaar H. Thies "in einer sklavenähnlichen Stellung". Der 29-Jährige habe "seine Situation für ausweglos" gehalten und nicht geglaubt, seinen Tyrannen entkommen zu können, da Werner H. ihm fortwährend gedroht habe, "er erwische ihn ohnehin überall". Das Ehepaar habe zudem Thies F. "ununterbrochen unter Aufsicht" gehalten und ihm jeglichen Kontakt zu Verwandten oder Bekannten verboten.
Nachbarn schöpfen zwar Verdacht, das kommt später im Prozess heraus. Aber keiner hilft.
Am 5. Januar 2003 wird Thies nach einem Notarzteinsatz ins Klinikum Kassel eingeliefert. Die Ärzte diagnostizieren multiple Rippenbrüche, Misshandlungen, eine Lungenverletzung ist lebensbedrohlich. Thies ist auffallend abgehungert, durch die zahlreichen Hämatome im Gesicht und an den Armen habe seine Haut wie "marmoriert" ausgesehen, dokumentiert der Notarzt.
"Er kam mir vor, als habe er eine Gehirnwäsche bekommen"
Einer Sozialarbeiterin sagt Thies schließlich, er sei bestraft worden, weil er Anweisungen nicht befolgt habe. Er lebe in einer Familie, die ihn ständig mit Schlägen bestrafe. Er kommt in eine psychiatrische Abteilung. Seine Mutter anzurufen, traut er sich nicht. Das Ehepaar H. besucht ihn und nimmt ihn wieder mit nach Hause. Thies rebelliert nicht, sein Wille scheint gebrochen.
Thies magert zunehmend ab, sein Körper ist von Hämatomen übersät. Der Kontakt zu seiner Mutter bleibt innig, wird aber seltener. Die dreifache Mutter sorgt sich um ihren Ältesten, sagt sie. "Wir telefonierten oft, manchmal besuchte er mich. Er beteuerte immer, dass es ihm gut gehe, er klar komme." Für kleine sichtbare Verletzungen fand er Erklärungen, wiegelte ab, bat seine Mutter, sich keine Sorgen um ihn zu machen. Auffällige Verletzungen habe sie keine bemerkt, sagt Helga F. "Keiner von uns ahnte, was tatsächlich vor sich ging. Hätte ich ihn bloß nicht immer wieder gehen lassen", sagt sie und weint.
Das letzte Mal sieht Helga F. ihren Sohn im April 2003. "Er war sehr schmal und entschuldigte sich dauernd und für alles. Ich sorgte mich, fragte ihn, was los ist, warum er so schlecht aussieht", erinnert sie sich. "Er kam mir vor, als habe er eine Gehirnwäsche bekommen. Heute weiß ich, dass er Angst hatte und sich seinem gewalttätigen Freund ausgeliefert sah."
Die Mutter schildert, wie sie nicht locker lässt, bei Familie H. vorbeifährt, anruft, SMS schickt - und Werner H. sie mit Ausreden abwimmelt. Später sagt er ihr, Thies sei abgehauen und lebe nun in Thüringen. Die Polizei nimmt sie nicht ernst, wenn sie ihre Gehirnwäsche-Theorie verbreitet: "Man wies mich ab mit der Begründung, mein Sohn sei volljährig, er könne leben bei wem und mit wem er wolle. Es hieß immer nur, Kinder gingen ihre eigenen Wege, der würde schon kommen, wenn es ihm schlecht ginge."
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