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08.03.2009
 

Entlassener Vergewaltiger

"Ich glaube nicht, dass ich hier bleibe"

Von Detlev Konnerth

Karl D. hat drei Schülerinnen vergewaltigt und 20 Jahre in Haft verbracht. Jetzt wohnt er einem Dorf nahe Aachen bei seinem Bruder, und die Bürger laufen Sturm. Im Interview mit SPIEGEL TV spricht der 57-Jährige erstmals über die Proteste gegen ihn - und behauptet, von ihm gehe keine Gefahr aus.

Seit einer Woche ist Karl D. auf freiem Fuß. Er wurde entlassen, weil er seine Strafen abgesessen hat. Der Mann hat junge Frauen brutal missbraucht, gilt als rückfallgefährdet. Die Staatsanwaltschaft München II hatte sogar eine nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragt - zum Schutz der Bevölkerung. Das Landgericht München lehnte dies jedoch ab.

Nun lebt Karl D. bei seinem Bruder in Randerath, einem Ortsteil von Heinsberg tief im Westen der Republik. Und er lebt, so sagt er, weiter im Gefängnis. Einziger Unterschied: kein Hofgang.

Denn in den Straßen von Randerath herrscht Pogromstimmung. Teils offen, teils hinter vorgehaltener Hand fordern die Bewohner drastische Maßnahmen. "Ich bin kein Rechter", sagt etwa ein Nachbar, "aber da müssen mal ein paar Springerstiefel her ..."

"Ich will's nicht offen sagen", sagt ein Passant, "aber vor 50 Jahren hätte man so was schnell erledigt". Rechtsradikale haben bereits eine Demonstration organisiert.

Jeden Abend treffen sich die Bewohner von Randerath und den umliegenden Gemeinden vor dem Haus, in dem Karl D. bei seinem Bruder und dessen Familie wohnt. "Raus, raus, raus", fordern sie. Auf die Frage, was geschähe, wenn Karl D. nun das Haus verließe oder morgens zum Bäcker ginge, lächeln die meisten nur. Verlegen. Vielsagend.

Überall im Dorf hängt sein Konterfei, aber gesehen hat Karl D. noch niemand. Mit ihm gesprochen schon gar nicht. Nun hat sich Karl D. doch zum ersten Mal geäußert: in einem Interview mit SPIEGEL TV Magazin.

Das Interview zu führen, war ein schwieriges Unterfangen, denn in der aufgeheizten Stimmung macht sich jeder, der das Haus betritt oder verlässt, irgendwie verdächtig. Schon der Gang ins Haus ist konspirativ. Man trifft sich außerhalb, auf einem Parkplatz, dann muss es schnell gehen. Rein nach Randerath, direkt auf den Hof, direkt ans Haus. Der Lkw des Bruders wird als Sichtschutz vorgefahren, dann sind es nur ein paar Schritte zum Hauseingang.

Die Tür öffnet sich wie von Geisterhand, dahinter steht Karl D., der Mann, den alle im Dorf so hassen. Er ist höflich, lächelt etwas verlegen, aber freundlich. Grüßt mit festen Händedruck und fängt gleich an zu reden. "Mit der Situation haben wir nicht gerechnet. Es wäre nie so eskaliert, wenn der Herr Landrat mit meinem Bruder und mir gesprochen hätte. Dann hätte man die Sache erklären können, warum und wieso ich hier bin."

Dass alle im Dorf wissen, wer da seit einer Woche in den Ort gezogen ist, geht auf Landrat Stephan Pusch zurück. Er hat die Bevölkerung umgehend über den unliebsamen Nachbarn informiert. Ein juristisch fragwürdiges Vorgehen, macht es doch eine Wiedereingliederung des Mannes praktisch unmöglich. Pusch erklärte, er habe dem Schutz der Bevölkerung Vorrang vor dem Schutz der Privatsphäre des Mannes geben müssen. Zudem seien die Informationen über den Sexualstraftäter ohnehin nicht mehr geheim gewesen, nachdem die Boulevardpresse ausführlich über den Fall berichtet habe.

Karl D. hält die ganze Aufregung um ihn für übertrieben. "Vor mir braucht keiner Angst zu haben", sagt er. Er sei keine Zeitbombe und werde ständig von Polizisten überwacht. Er sei die ganzen Jahre im Straubinger Gefängnis von 1995 bis 2008 weder aggressiv aufgefallen noch habe er Streit gehabt. "Ich bin mit allen, ob es Beamte waren oder nicht, zurechtgekommen."

Der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl sieht in Karl D. jedoch eine große Gefahr für die Öffentlichkeit: "Zwei Gutachter bescheinigten dem Mann einen Hang zu weiteren schwersten Straftaten", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Karl D. habe außerdem sadistische Züge, es bestehe eine immense Rückfallgefahr.

Wie geht es nun weiter mit dem 57-Jährigen? "Ich glaube nicht, dass ich hier bei meinem Bruder bleibe, das ist ein Ding der Unmöglichkeit", sagt er. "Meinem Bruder geht es dreckig, das ist noch leicht gesagt. Der ist mit den Nerven am Ende."

Einfach wegziehen kann Karl D. jedoch nicht, denn er steht unter sogenannter Führungsaufsicht. "Er muss bestimmte Auflagen erfüllen und wird von einem Bewährungshelfer betreut", sagt Oberstaatsanwalt Hödl.

Womöglich machen aber auch die Gerichte der Belagerung des Hauses ein Ende. Derzeit laufen noch zwei Verfahren: Der Bundesgerichtshof (BGH) prüft die Revision der Staatsanwaltschaft München II gegen das ergangene Urteil, und das Oberlandesgericht prüft die Beschwerde der Staatsanwaltschaft München II gegen die Freilassung.

Außerdem gibt es Forderungen, die nachträgliche Sicherungsverwahrung neu zu regeln. Nachdem einzelne Unionspolitiker härtere Gesetze gefordert haben, prüft nach Informationen des SPIEGEL nun auch die Große Koalition eine Verschärfung der Regeln - etwa des Paragrafen zur vorbehaltenen Sicherungsverwahrung. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Polizei und Bevölkerung müssen unzureichende gesetzliche Regelungen ausbaden." Auch die Deutsche Kinderhilfe forderte, die Regelungen für die nachträgliche Sicherungsverwahrung, die die Allgemeinheit vor besonders gefährlichen Straftätern schützen soll, zu reformieren.

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