Sonntag, 22. November 2009

Panorama



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11.03.2009
 

Amoklauf in Baden-Württemberg

"Ich war drin, das kannst du nicht verkraften"

Mit Hunderten Schuss Munition zog Tim K. los, um so viele Menschen wie möglich umzubringen. 15 tötete er am Ende - noch Schlimmeres hat laut Polizei das schnelle Eingreifen von Streifenbeamten in der Schule verhindert. Unter seinen Opfern waren auffällig viele Mädchen und Frauen.

Hamburg - Die Frau, die vor dem Gebäude der Albertville-Realschule in Winnenden steht, ist fassungslos. Ihr Gesicht wirkt wie versteinert: "Meine Tochter hat alles live miterlebt", bricht es aus ihr heraus. "Sie hat gesehen, wie ein Junge in den Hals geschossen worden ist und eine Freundin aus dem Fenster gesprungen ist." Sie wisse nicht, wie sie ihrer Tochter jetzt beistehen soll.

Die Ratlosigkeit, das Entsetzen in Winnenden sind groß. Der 17-jährige Tim K. hat am Mittwochmorgen gegen 9.30 Uhr in schwarzer Militärkleidung in der Albertville-Realschule um sich geschossen - in zwei Klassenräumen richtete er ein Massaker an. Sieben Schüler zwischen 14 und 15 Jahren waren sofort tot, zwei weitere starben auf dem Weg ins Krankenhaus.

K., der als unauffällig beschrieben wird, erschoss auch drei Lehrerinnen. Eine von ihnen war erst seit wenigen Wochen als Referendarin an dem Schulzentrum und wollte noch eine Schülerin schützen, als K. sie tötete.

Laut Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) waren drei Polizisten schon zwei Minuten nach dem Notruf an der Schule. So sei eine "weitere Tateskalation" verhindert worden - denn Tim K. wollte offenbar noch weit mehr Schüler töten. Im Treppenhaus wurden mehrere hundert Schuss Munition gefunden. Der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder: "Der Täter hatte in der Schule möglicherweise weitaus mehr vor, als er dann angerichtet hat." Die Streifenpolizisten seien K. mutig hinterhergestürmt und hätten ihn zur Flucht getrieben. "Wenn man sich die Schule anschaut und die nicht benutzte Munition auf dem Boden betrachtet, kann man nachvollziehen, was noch hätte geschehen können", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger. Polizisten in Baden-Württemberg haben bei Amokläufen die Vorgabe, rasch einzugreifen.

Der ehemalige Schüler tötete bei der Flucht aus der Schule in einer nahen Klinik für Psychiatrie und Neurologie einen Gärtner, zwang einen Autofahrer, ihn aus der Stadt zu bringen. Als das Fluchtauto auf einem Seitenstreifen stecken blieb, flüchtete K. zu Fuß weiter. In Wendlingen machte er Halt, tötete in einem Autohaus einen Verkäufer und einen Kunden - die Polizei fahndete nach ihm, durchsuchte unter anderem mit Sondereinsatzkräften einen Supermarkt. Schließlich stellte sie Tim K. auf einem Parkplatz. In dem folgenden Schusswechsel wurden zwei Polizisten schwer verletzt, der Amokschütze durch einen Treffer am Bein verwundet. Dann richtete er sich selbst mit einer Kugel in den Kopf.

Die Polizei habe beim Zugriff in Wendlingen Glück im Unglück gehabt, sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger: "Der Täter hat auf alles geschossen, was für ihn sichtbar war."

Insgesamt mehr als 50 Kugeln soll Tim K. abgefeuert haben, mit einer der 16 Waffen seines Vaters, die dieser laut Michelfelder im Schlafzimmer und nicht im Tresor aufbewahrt hatte. Der Vater ist im Schützenverein, der Waffenbesitz ist legal. Die Munition war den Ermittlern zufolge im Haus nicht weggeschlossen.

"Ein Amoklauf in Reinkultur"

Das Ausmaß der Katastrophe war erst Stunden nach der Tat zu übersehen. Am Nachmittag waren die Leichen noch immer nicht aus dem Gebäude geborgen. Reporter berichten von "schrecklichen Szenen" und einem "absoluten Ausnahmezustand": "Die Leute sind bestürzt, entsetzt, verzweifelt." Landespolizeipräsident Hetger: "In der Schule werden Tatortaufnahmen gemacht. Ich war selbst drinnen. Das kannst du nicht verkraften." Es sei "ein Amoklauf in Reinkultur" gewesen: "Er ist mit der Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt."

"Die Kinder waren offensichtlich völlig überrascht. Als man sie später tot auffand, hatten einige noch ihre Schreibstifte in der Hand", sagte Innenminister Rech. Tim K.s Motiv ist ihm zufolge noch unklar. Die Hintergründe lägen im Dunkeln. Es habe keine Hinweise auf die Tat oder Ankündigungen im Internet gegeben, K. habe auch keinen Anlass für Zukunftsängste gehabt.

Auffällig ist für die Ermittler, dass die meisten Opfer in der Schule weiblich sind - sieben Schülerinnen und drei Lehrerinnen. Rech: "Ich will daraus aber noch nichts ableiten." Eventuell hänge dies mit der Raumsituation zusammen. Allerdings habe der Täter seine Opfer vor allem durch Schüsse in den Kopf getötet - dies zeige, dass er nicht wahllos um sich gefeuert habe.

"Frau Koma kommt"

Während Tim K. mordend durch die Klassenzimmer zog, soll der Schuldirektor mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage eine Warnung herausgegeben haben. "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin der Albertville-Schule in der ZDF-Sendung "heute" am Mittwochabend. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."

Die Schüler in Winnenden sind fassungslos über das Geschehen, das über sie hereingebrochen ist: "Wir saßen im Unterricht, und dann bebte plötzlich die Schule", sagte ein Unterstufenschüler dem Fernsehsender n-tv. "Unser Lehrer ist rausgegangen und hat geschaut, was da los ist. Und dann haben alle geschrien: 'Achtung, Amoklauf! Holt einen Notarzt!'"

Eine Schülerin sagte, sie habe zunächst an einen üblen Scherz gedacht. Dann habe sie gesehen, wie andere Mitschüler aus dem Fenster gesprungen seien - und sei auch losgerannt.

Die Schüler und auch Angestellte und Patienten einer nahen Klinik für Psychiatrie und Neurologie berichteten von großem Lärm. "Es hat so laut gekracht, wir dachten zuerst, die Geräusche kämen von der Baustelle."

Eine Schülerin der Klasse 9c der Albertville-Realschule sagte Hit-Radio Antenne 1: "Wir waren im Computerraum. Auf einmal haben wir dann so Schläge gehört, und dann ist unsere Lehrerin rausgegangen, hat nachgeschaut - und hat einfach die Türe zugemacht." Später hätten sie von einer anderen Lehrerin Bescheid bekommen, dass ein Amokläufer "einen Aufstand gemacht hat. Dann haben wir ein Zeichen gekriegt von einem Polizisten, dass wir rausgehen sollen zum Schwimmbad, zum Wunnebad." Dort wurden viele Schüler in Sicherheit gebracht. Die Polizei ließ das gesamte Schulzentrum evakuieren. Viele versuchten, sich selbst über Leitern und durch Fenster einen Weg ins Freie zu bahnen.

Eltern eilten heran. Als sich die Nachricht herumsprach, was sich im Inneren der Schule abgespielt hatte, brachen mehrere von ihnen zusammen. Krankenwagen fuhren im Minutentakt vor, Hubschrauber kreisten über der Kleinstadt, Polizeikolonnen rasten mit Blaulicht durch die Straßen. Das Schulzentrum wurde weiträumig abgesperrt, alle weiteren Schulen der Stadt zunächst unter Polizeischutz gestellt. Seelsorger kümmerten sich noch am Ort der Bluttat um die fassungslosen Mütter und Väter. Auch die Schüler wurden umgehend psychologisch betreut.

Beileidsbekundungen aus der ganzen Republik

Am frühen Nachmittag, kurz nach Schulschluss, setzten sich Jungen und Mädchen in ganz Deutschland an ihre Computer und tippten Beileidsbekundungen und tröstende Worte - sie schrieben sie an die Winnender Realschüler, die sie meist nicht persönlich kennen. Im Netzwerk SchülerVZ füllen sie die Pinnwände der Winnender, auf fast allen Seiten der Albertville-Schüler finden sich Beileidsbekundungen im Dutzend.

"Heey... wir kennen uns zwar nicht. Aber mein Herzliches Beileid... echt hart was passiert ist", schreibt Nadine, 14, aus Wildeck an der Landesgrenze von Hessen und Thüringen - 300 Kilometer entfernt von Winnenden. "Ich schätze, dass es nervt, aber auch mein Beileid, hoffe alle können es gut verkraften", schreibt eine andere Schülerin.

"Wie konnte das nur passieren?" ist die am häufigsten gestellte Frage in dem Schüler-Netzwerk.Mit Antwortversuchen halten sie sich zurück.

Am Abend waren dann viele Schüler der Albertville-Realschule unter den Hunderten Besucherneines spontan anberaumten Trauer-Gottesdienst in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus. "Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit, Ohnmacht, blankes Entsetzen und Hilflosigkeit lähmen uns alle seit heute Vormittag", sagte der katholische Weihbischof Thomas Maria Renz. Viele der Anwesenden hatten Blumen mitgebracht und brachen immer wieder in Tränen aus.

DIE SCHLIMMSTEN AMOKLÄUFE

Amok

Der Begriff Amok kommt von dem malaiischen Wort "amuk" und bedeutet soviel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...

17. September 2009: Ansbach

3. April 2009: Binghamton, USA

11. März 2009: Winnenden

10. März 2009: Alabama, USA

23. Januar 2009: Dendermonde, Belgien

23. September 2008: Kauhajoki, Finnland

7. November 2007: Jokela, Finnland

16. April 2007: Virginia, USA

12. Februar 2007: Amokläufe in Salt Lake City und Philadelphia, USA

20. November 2006: Emsdetten

2. Oktober 2006: Pennsylvania, USA

21. März 2005: Red Lake/Minnesota, USA

26. April 2002: Erfurt

27. März 2002: Nanterre, Frankreich

26. September 2001: Zug, Schweiz

8. Juni 2001: Osaka, Japan

20. April 1999: Littleton/Colorado, USA

24. März 1998: Jonesboro/Arkansas, USA

22. Mai 1997: Brasilien

28./29. April 1996: Tasmanien

13. März 1996: Dunblane, Schottland

23./24. September 1995: Toulon, Frankreich

16. Oktober 1991: Killeen/Texas, USA

Dezember 1989: Montréal , Kanada

18. Juli 1984: Kalifornien, USA

1. August 1966: Universität von Texas, USA

11. Juni 1964: Volkhoven bei Köln

han/otr/dpa/ddp/AP

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