Suche nach Motiv
Tim K. brach psychiatrische Behandlung ab
Was machte Tim K. zum Amokläufer, der 15 Menschen erschoss? Die Polizei hat Hinweise auf die Motive: Er soll depressiv gewesen sein und sich in Gewaltphantasien ergangen haben - zweifelhaft ist, dass er im Internet die Tat angekündigt hat.
Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels hatte als Überschrift ein Zitat aus einem angeblichen Internet-Forumbeitrag von Tim K.: "Ich werde morgen früh mal so richtig gepflegt grillen". Diesen und weitere Sätze hatte der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech bei einer Pressekonferenz am Donnerstagmittag veröffentlicht, SPIEGEL ONLINE übernahm sie. Tatsächlich wurde inzwischen von der Polizei dementiert, dass der Forumsbeitrag auf den Amokläufer zurückzuführen ist; vermutlich handelt es sich um eine Fälschung.
SPIEGEL ONLINE hat deshalb diesen Artikel korrigiert und den Vorgang in einem eigenen Text thematisiert (mehr...).
Hamburg - Was veranlasste Tim K., schwer bewaffnet 15 Menschen zu töten? Einen Tag nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden hat die Polizei in der Nacht erste Anhaltspunkte zum Motiv des 17-Jährigen gefunden, die sie auf einer Pressekonferenz in Waiblingen mitgeteilt hat.
Tim K. mag ruhig, unauffällig und höflich gewesen sein - doch er litt mindestens seit dem vergangenen Jahr unter Depressionen, war deshalb auch in stationärer Behandlung. Die anschließenden therapeutischen Sitzungen, die in der Psychiatrischen Klinik in Winnenden stattfinden sollten, nahm Tim K. aber nicht wahr, er brach die Therapie ab. Ein Schreiben des Musterungsamts, das die Ermittler in Tim K.s Zimmer in seinem Elternhaus fanden, belegt, dass der 17-Jährige seit längerem unter psychischen Problemen litt.
"Die Eltern haben ihm eine solche Tat nicht zugetraut"
Die Eltern, das bestätigte ein Polizeisprecher am Mittag, wussten von der Erkrankung ihres Sohnes - sie hielten sie allerdings nicht für so gravierend, dass sie mit einer solchen Bluttat gerechnet hätten. "Die Eltern waren völlig überrascht. Sie haben ihm eine solche Tat nicht zugetraut", sagte ein Polizeisprecher.
Tim K. erschoss am Mittwochmorgen in seiner ehemaligen Schule in Winnenden neun Schüler und drei Lehrerinnen, drei weitere Menschen tötete er auf seiner Flucht. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei in der Nähe eines Autohauses im 40 Kilometer entfernten Wendlingen wurde er offenbar verletzt und tötete sich schließlich selbst. Insgesamt trug er mehr als 200 Schuss Munition bei sich. 44-mal feuerte er in den Räumen seiner ehemaligen Schule, neunmal auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik, 60-mal allein nach seiner Flucht nach Wendlingen. Über 130 Schuss Munition fanden die Beamten bei ihm, nachdem er sich selbst getötet hatte.
Innenminister Heribert Rech (CDU) sagte auf der Pressekonferenz, K. habe in der Nacht zu Mittwoch um 2.45 Uhr eine Botschaft auf krautchan.net platziert: "Ich werde morgen Früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen", stehe dort in einem Eintrag. Ermittler hätten auch entsprechende Daten auf dem PC des Amokläufers gefunden, fügte der CDU-Politiker nach der Pressekonferenz hinzu. Die Betreiber der Seite dementieren klar: Die Öffentlichkeit habe sich "von einer Fälschung täuschen lassen. Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können", hieß es mit Verweis auf das bekannte Bildbearbeitungsprogramm.
Auf dem Computer des Amokläufers haben die Ermittler Computerspiele wie "Counterstrike" gefunden und auch Pornofilme - "aber nicht in einem Umfang, der besonders herauszustellen wäre", hieß es bei der Pressekonferenz. Tim K. habe viel Zeit vor seinem Rechner verbracht. Im Zimmer des Jugendlichen wurden neben Horrorfilmen handschriftliche Aufzeichnungen entdeckt. Eine trug den Titel: "Tod aus Spaß". Für die Polizei war K. bislang ein Unbekannter.
Ein stiller Mensch mit Zimmerwänden voller Faustfeuerwaffen
Im Sommer 2008 hatte er an der Albertville-Realschule seine Mittlere Reife gemacht, nach den Sommerferien ein Berufskolleg besucht, um einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. K. war eher ein stiller Mensch, spielte aktiv Tischtennis und machte seit drei Jahren Armmuskeltraining. Soweit, das betonten auch die Ermittler, tat K. das, was viele Jugendliche tun.
Häufig sei er in Begleitung seines Vaters unterwegs gewesen, immer wieder habe er Schießübungen in dessen Schützenverein absolviert. Tim K. sei im Umgang mit Schusswaffen sehr geübt gewesen, hieß es auf der Pressekonferenz. Die Wände seines Zimmers schmückten Faustfeuerwaffen.
Der Vater von Tim K. ist offenbar ein Waffennarr, er soll zuletzt 15 Waffen legal besessen haben, von denen er eine im Schlafzimmer aufbewahrte. In einem gesicherten Schrank fanden sich 4600 Schuss Munition. Derzeit steht noch nicht fest, ob Tim K. den achtstelligen Zahlencode, der den Schrank sicherte, kannte. Die Ermittler prüfen nun, ob die nicht ordnungsgemäße Aufbewahrung der Waffe im Schlafzimmer eine Ordnungswidrigkeit darstellt - und der Straftatbestand der fahrlässigen Tötung erfüllt sein könnte, da die Waffe durch Dritte verwendet werden konnte.
Wie brutal und entschlossen Tim K. bei seiner Tat vorging, zeigt sein Verhalten gegenüber dem Mann, den er auf seiner Flucht als Geisel nahm. K. zwang den 41-Jährigen mit vorgehaltener Waffe zu einer Irrfahrt. K. saß auf der Rückbank des VW Sharan. Als der Verkehr dichter wurde, fragte K., "ob er Spaß machen und einige Leute in den anderen Autos abknallen sollte".
Der Autofahrer habe Todesangst gehabt. Als er an einer Autobahnauffahrt einen Streifenwagen erblickte, zögerte er nicht lange. Er beschleunigte sein Auto, steuerte es bewusst auf eine Rasenfläche und floh. "Er sah es als einzige Chance, lebend rauszukommen", sagte ein Polizeisprecher.
Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend".
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Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen
Gymnasium Carolinum
in
Ansbach
acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.
Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt.
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Jiverly Wong
, ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
Der 17-jährige
Tim K.
ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst.
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Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama
tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen
Dendermonde
zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
Der 22-jährige Berufsschüler
Matti-Juhani Saari
tötet in der westfinnischen Kleinstadt
Kauhajoki
zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
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Der 18-jährige Schüler
Pekka-Eric Auvinen
tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in
Jokela
.
An der Technischen Universität von
Virginia
erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere.
Das Massaker an der Virginia Tech
gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA.
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Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in
Salt Lake City
und
Philadelphia (USA)
. Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
Der
18-jährige Sebastian B.
schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen
Emsdetten
um sich. Elf Menschen werden verletzt.
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In
Lancaster County
im US-Bundesstaat
Pennsylvania
tötet ein Amokläufer an einer
Amish
-Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.
In
Red Lake
im US-Bundesstaat
Minnesota
erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger
nationalsozialistischer Rassenlehren
.
Bei einem
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
in
Erfurt
tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden.
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Im Pariser Vorort
Nanterre
erschießt ein
Amokläufer
acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
Ein Amokläufer
dringt in das
Kantonsparlament
im schweizerischen
Zug
ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.
Ein 37-jähriger Japaner
ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt
Osaka
acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
Beim Schulmassaker von Littleton
stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die
Columbine Highschool
in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen.
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Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in
Jonesboro
im US-Staat
Arkansas
falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
Im Nordosten
Brasiliens
bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche
Homosexualität
.
35 Menschen fallen dem
Amokläufer Martin Bryant
auf der australischen Insel
Tasmanien
zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen
Dunblane
16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen
Toulon
insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
Im
texanischen Killeen
tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
An der Polytechnischen Hochschule von
Montréal
kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige
Marc Lépine
erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
In einem Schnellrestaurant in
San Diego
erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
An der Universität von
Texas
schießt
der Amokläufer Charles Whitman
mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
Beim
Attentat von Volkhoven bei Köln
stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.
han/dpa
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