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12.03.2009
 

Suche nach Motiv

Tim K. brach psychiatrische Behandlung ab

Was machte Tim K. zum Amokläufer, der 15 Menschen erschoss? Die Polizei hat Hinweise auf die Motive: Er soll depressiv gewesen sein und sich in Gewaltphantasien ergangen haben - zweifelhaft ist, dass er im Internet die Tat angekündigt hat.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels hatte als Überschrift ein Zitat aus einem angeblichen Internet-Forumbeitrag von Tim K.: "Ich werde morgen früh mal so richtig gepflegt grillen". Diesen und weitere Sätze hatte der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech bei einer Pressekonferenz am Donnerstagmittag veröffentlicht, SPIEGEL ONLINE übernahm sie. Tatsächlich wurde inzwischen von der Polizei dementiert, dass der Forumsbeitrag auf den Amokläufer zurückzuführen ist; vermutlich handelt es sich um eine Fälschung. SPIEGEL ONLINE hat deshalb diesen Artikel korrigiert und den Vorgang in einem eigenen Text thematisiert (mehr...).


Hamburg - Was veranlasste Tim K., schwer bewaffnet 15 Menschen zu töten? Einen Tag nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden hat die Polizei in der Nacht erste Anhaltspunkte zum Motiv des 17-Jährigen gefunden, die sie auf einer Pressekonferenz in Waiblingen mitgeteilt hat.

Tim K. mag ruhig, unauffällig und höflich gewesen sein - doch er litt mindestens seit dem vergangenen Jahr unter Depressionen, war deshalb auch in stationärer Behandlung. Die anschließenden therapeutischen Sitzungen, die in der Psychiatrischen Klinik in Winnenden stattfinden sollten, nahm Tim K. aber nicht wahr, er brach die Therapie ab. Ein Schreiben des Musterungsamts, das die Ermittler in Tim K.s Zimmer in seinem Elternhaus fanden, belegt, dass der 17-Jährige seit längerem unter psychischen Problemen litt.

"Die Eltern haben ihm eine solche Tat nicht zugetraut"

Die Eltern, das bestätigte ein Polizeisprecher am Mittag, wussten von der Erkrankung ihres Sohnes - sie hielten sie allerdings nicht für so gravierend, dass sie mit einer solchen Bluttat gerechnet hätten. "Die Eltern waren völlig überrascht. Sie haben ihm eine solche Tat nicht zugetraut", sagte ein Polizeisprecher.

Tim K. erschoss am Mittwochmorgen in seiner ehemaligen Schule in Winnenden neun Schüler und drei Lehrerinnen, drei weitere Menschen tötete er auf seiner Flucht. Bei einem Schusswechsel mit der Polizei in der Nähe eines Autohauses im 40 Kilometer entfernten Wendlingen wurde er offenbar verletzt und tötete sich schließlich selbst. Insgesamt trug er mehr als 200 Schuss Munition bei sich. 44-mal feuerte er in den Räumen seiner ehemaligen Schule, neunmal auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik, 60-mal allein nach seiner Flucht nach Wendlingen. Über 130 Schuss Munition fanden die Beamten bei ihm, nachdem er sich selbst getötet hatte.

Innenminister Heribert Rech (CDU) sagte auf der Pressekonferenz, K. habe in der Nacht zu Mittwoch um 2.45 Uhr eine Botschaft auf krautchan.net platziert: "Ich werde morgen Früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen", stehe dort in einem Eintrag. Ermittler hätten auch entsprechende Daten auf dem PC des Amokläufers gefunden, fügte der CDU-Politiker nach der Pressekonferenz hinzu. Die Betreiber der Seite dementieren klar: Die Öffentlichkeit habe sich "von einer Fälschung täuschen lassen. Hier wurde kein Amoklauf angekündigt, es gibt hier nur Leute, die mit Photoshop umgehen können", hieß es mit Verweis auf das bekannte Bildbearbeitungsprogramm.

Auf dem Computer des Amokläufers haben die Ermittler Computerspiele wie "Counterstrike" gefunden und auch Pornofilme - "aber nicht in einem Umfang, der besonders herauszustellen wäre", hieß es bei der Pressekonferenz. Tim K. habe viel Zeit vor seinem Rechner verbracht. Im Zimmer des Jugendlichen wurden neben Horrorfilmen handschriftliche Aufzeichnungen entdeckt. Eine trug den Titel: "Tod aus Spaß". Für die Polizei war K. bislang ein Unbekannter.

Ein stiller Mensch mit Zimmerwänden voller Faustfeuerwaffen

Im Sommer 2008 hatte er an der Albertville-Realschule seine Mittlere Reife gemacht, nach den Sommerferien ein Berufskolleg besucht, um einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. K. war eher ein stiller Mensch, spielte aktiv Tischtennis und machte seit drei Jahren Armmuskeltraining. Soweit, das betonten auch die Ermittler, tat K. das, was viele Jugendliche tun.

Häufig sei er in Begleitung seines Vaters unterwegs gewesen, immer wieder habe er Schießübungen in dessen Schützenverein absolviert. Tim K. sei im Umgang mit Schusswaffen sehr geübt gewesen, hieß es auf der Pressekonferenz. Die Wände seines Zimmers schmückten Faustfeuerwaffen.

Der Vater von Tim K. ist offenbar ein Waffennarr, er soll zuletzt 15 Waffen legal besessen haben, von denen er eine im Schlafzimmer aufbewahrte. In einem gesicherten Schrank fanden sich 4600 Schuss Munition. Derzeit steht noch nicht fest, ob Tim K. den achtstelligen Zahlencode, der den Schrank sicherte, kannte. Die Ermittler prüfen nun, ob die nicht ordnungsgemäße Aufbewahrung der Waffe im Schlafzimmer eine Ordnungswidrigkeit darstellt - und der Straftatbestand der fahrlässigen Tötung erfüllt sein könnte, da die Waffe durch Dritte verwendet werden konnte.

Wie brutal und entschlossen Tim K. bei seiner Tat vorging, zeigt sein Verhalten gegenüber dem Mann, den er auf seiner Flucht als Geisel nahm. K. zwang den 41-Jährigen mit vorgehaltener Waffe zu einer Irrfahrt. K. saß auf der Rückbank des VW Sharan. Als der Verkehr dichter wurde, fragte K., "ob er Spaß machen und einige Leute in den anderen Autos abknallen sollte".

Der Autofahrer habe Todesangst gehabt. Als er an einer Autobahnauffahrt einen Streifenwagen erblickte, zögerte er nicht lange. Er beschleunigte sein Auto, steuerte es bewusst auf eine Rasenfläche und floh. "Er sah es als einzige Chance, lebend rauszukommen", sagte ein Polizeisprecher.

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han/dpa

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