Einsatz beim Amoklauf
"Polizeisperren gab es nicht, ich musste mich sehr wundern"
Von Jörg Diehl
Polizei auf dem Prüfstand: Hunderte Beamte belagerten noch die Albertville-Realschule in Winnenden, als der Amokläufer Tim K. schon Dutzende Kilometer entfernt um sich schoss. Hätten die Einsatzkräfte die Flucht des 17-Jährigen verhindern müssen?
Hamburg - Die obersten Gesetzeshüter Baden-Württembergs sparten am Tag nach dem schrecklichen Schulmassaker nicht mit Komplimenten für ihre Untergebenen - und damit auch für sich. Der Landespolizeipräsident Erwin Hetger nannte die Entscheidung, die Schule sofort von Streifbeamten stürmen zu lassen, einen "Erfolg". Und CDU-Innenminister Heribert Rech sekundierte: "Das Konzept hat gegriffen."
Laut Hetger war es bis vor zwei Jahren üblich, bei derartigen Amoklagen abzuwarten, bis Spezialeinsatzkräfte vor Ort sind. Sie gingen dann "ins Objekt", um den Täter zu bekämpfen. "Das hat aber in konkreten Fällen dazu geführt, dass das Einschreiten der Polizei zu spät erfolgte. Deswegen haben wir uns durchgerungen, zu sagen, die Erstintervention muss von den Kräften erfolgen, die vor Ort verfügbar sind und sofort - wie es hier gelaufen ist - in das Objekt hinein können."
In der "Führungs- und Einsatzanordnung zu Bewältigung von Amoklagen" (FEA Amok) des Stuttgarter Innenministeriums heißt es dazu: "Opfer, Angehörige und die Öffentlichkeit erwarten ein schnelles und konsequentes Vorgehen, um Menschenleben zu retten und weitere Tathandlungen zu verhindern."
Ein größeres Risiko für die Beamten wird dabei bewusst in Kauf genommen: Polizisten "unterliegen einer besonderen beruflichen Gefahrtragungspflicht und müssen deshalb vor allem zum Schutz des Lebens Dritter in gewissem Umfang auch eine Eigengefährdung in Kauf nehmen", wie es in dem als "VS - Nur für den Dienstgebrauch" eingestuften Dokument heißt.
"Größeres Blutbad verhindert"
Die insgesamt 14.500 Streifenbeamten in Baden-Württemberg wurden für diese Aufgabe eigens geschult. "Wir muten ihnen deswegen zu (…) im Sinne der Erstbekämpfung des Täters ins Objekt einzudringen", so Rech. Dies sei in Winnenden von zwei Interventionsteams getan worden, die "ein größeres Blutbad hier in der Realschule verhindert" hätten. Dabei waren sie extremen Belastungen ausgesetzt, wie Polizeidekan Werner Knubben sagte: "Das war fast ein Himmelfahrtskommando. Sie sollten den Amokläufer möglichst schnell festnehmen und hatten zugleich Angst ums eigene Leben."
Die baden-württembergische Polizei hat zur Vorbereitung auf solche Extremsituationen ein Trainingskonzept mit Videosimulationen und Rollenspielen entwickelt. Unter zehn verschiedenen Einsatzübungen ist auch eine Geiselnahme an einer Schule. Die Beamten müssten vor allem lernen, das richtige Maß zu finden. Sie dürften nicht wahllos drauflosschießen, aber auch nicht zaudern, wenn sie vom Täter bedroht würden. "Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet", so Hetger. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gibt es einige Polizisten, die seit den Trainingseinheiten unter psychischen Problemen leiden.
Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, lobte gegenüber SPIEGEL ONLINE den Mut der in Winnenden eingesetzten Beamten: Sie seien in solchen Fällen angehalten, unter großer Gefahr für ihr eigenes Leben das Gebäude ohne Zögern zu stürmen. "Am gestrigen Mittwoch hat das perfekt geklappt. Das erste Einsatzziel, den Täter daran zu hindern, weitere Menschen in der Schule zu töten, wurde schnell erreicht", so Wendt.
Flucht vor der Polizei
Dennoch konnte der mit einer Pistole vom Typ Beretta 92 (Kaliber 9 Millimeter) bewaffnete Tim K. den Polizisten zunächst entkommen. Und während Hunderte Beamte ihn noch in der Umgebung der Schule vermuteten, das Zentrum des Städtchens wurde vollständig abgeriegelt und sorgsam durchkämmt, hatte der 17-Jährige längst ein Auto gekapert.
Wahrscheinlich raste er im grünen VW Sharan seiner Geisel Igor W., 41, über die Bundesstraße 14 in südlicher Richtung nach Waiblingen, dann nach Stuttgart, von dort über die A 81 nach Böblingen, Tübingen, Nürtingen, nördlich auf der Bundesstraße 313 Richtung Wendlingen am Neckar und schließlich auf die A 8. Vor allem im ersten Teil der Strecke müssen ihm Dutzende Polizeiwagen entgegengekommen sein, hatte man doch sofort alle verfügbaren Einsatzkräfte aus der Region in Richtung Winnenden beordert.
SPIEGEL-ONLINE-Leser Thomas H., 50, der einen Teil der Strecke nur etwa eine Stunde nach Tim K. zurücklegte, wunderte sich anschließend, "so ungehindert" aus Winnenden herausgekommen zu sein. "Polizeisperren gab es nicht." Auf insgesamt etwa 80 Kilometern, die er gefahren sei, um schließlich wie der Täter in Wendlingen anzukommen, hätten gerade einmal "zwei Streifenwagen" am Straßenrand gestanden. "Ich musste mich doch sehr wundern", sagte H.
Ganz offensichtlich hatten sich die Polizeiführer vor Ort sehr genau an ihr theoretisches Wissen über Schulmassaker und damit auch an die FEA Amok gehalten: "Amoklagen sind in der Regel stationär", heißt es darin. Und: "Die Täter sind überwiegend männlich (…) und handeln als Einzeltäter in einem Gebäude." Von Flucht steht dort nichts, was nun nachzuarbeiten sein dürfte.
Gewerkschafter Wendt - und andere Sicherheitsexperten pflichten ihm in dieser Hinsicht bei - erkennt darin dennoch kein Versäumnis der Beamten. Das Verhalten eines Täters sei eben "unberechenbar", dafür könne aber nicht die Polizei verantwortlich gemacht werden. "Nirgendwo kann man auch nur den Hauch einer Fehlleistung entdecken."
Es sei wichtig und richtig gewesen, zunächst mit vielen Einsatzkräften zum Tatort zu fahren, so Wendt. Und schließlich sei auch das "Hinterland" nicht vernachlässigt worden. Immerhin hätten die Beamten den Amokläufer am Ende stellen können.
Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend".
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Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen
Gymnasium Carolinum
in
Ansbach
acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.
Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt.
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Jiverly Wong
, ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
Der 17-jährige
Tim K.
ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst.
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Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama
tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen
Dendermonde
zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
Der 22-jährige Berufsschüler
Matti-Juhani Saari
tötet in der westfinnischen Kleinstadt
Kauhajoki
zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
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Der 18-jährige Schüler
Pekka-Eric Auvinen
tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in
Jokela
.
An der Technischen Universität von
Virginia
erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere.
Das Massaker an der Virginia Tech
gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA.
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Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in
Salt Lake City
und
Philadelphia (USA)
. Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
Der
18-jährige Sebastian B.
schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen
Emsdetten
um sich. Elf Menschen werden verletzt.
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In
Lancaster County
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Pennsylvania
tötet ein Amokläufer an einer
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-Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.
In
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im US-Bundesstaat
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erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger
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.
Bei einem
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
in
Erfurt
tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden.
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Im Pariser Vorort
Nanterre
erschießt ein
Amokläufer
acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
Ein Amokläufer
dringt in das
Kantonsparlament
im schweizerischen
Zug
ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.
Ein 37-jähriger Japaner
ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt
Osaka
acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
Beim Schulmassaker von Littleton
stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die
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in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen.
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Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in
Jonesboro
im US-Staat
Arkansas
falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
Im Nordosten
Brasiliens
bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche
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.
35 Menschen fallen dem
Amokläufer Martin Bryant
auf der australischen Insel
Tasmanien
zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen
Dunblane
16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen
Toulon
insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
Im
texanischen Killeen
tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
An der Polytechnischen Hochschule von
Montréal
kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige
Marc Lépine
erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
In einem Schnellrestaurant in
San Diego
erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
An der Universität von
Texas
schießt
der Amokläufer Charles Whitman
mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
Beim
Attentat von Volkhoven bei Köln
stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.
Mit Material von dpa
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