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12.03.2009
 

Einsatz beim Amoklauf

"Polizeisperren gab es nicht, ich musste mich sehr wundern"

Von Jörg Diehl

Polizei auf dem Prüfstand: Hunderte Beamte belagerten noch die Albertville-Realschule in Winnenden, als der Amokläufer Tim K. schon Dutzende Kilometer entfernt um sich schoss. Hätten die Einsatzkräfte die Flucht des 17-Jährigen verhindern müssen?

Hamburg - Die obersten Gesetzeshüter Baden-Württembergs sparten am Tag nach dem schrecklichen Schulmassaker nicht mit Komplimenten für ihre Untergebenen - und damit auch für sich. Der Landespolizeipräsident Erwin Hetger nannte die Entscheidung, die Schule sofort von Streifbeamten stürmen zu lassen, einen "Erfolg". Und CDU-Innenminister Heribert Rech sekundierte: "Das Konzept hat gegriffen."

Laut Hetger war es bis vor zwei Jahren üblich, bei derartigen Amoklagen abzuwarten, bis Spezialeinsatzkräfte vor Ort sind. Sie gingen dann "ins Objekt", um den Täter zu bekämpfen. "Das hat aber in konkreten Fällen dazu geführt, dass das Einschreiten der Polizei zu spät erfolgte. Deswegen haben wir uns durchgerungen, zu sagen, die Erstintervention muss von den Kräften erfolgen, die vor Ort verfügbar sind und sofort - wie es hier gelaufen ist - in das Objekt hinein können."

In der "Führungs- und Einsatzanordnung zu Bewältigung von Amoklagen" (FEA Amok) des Stuttgarter Innenministeriums heißt es dazu: "Opfer, Angehörige und die Öffentlichkeit erwarten ein schnelles und konsequentes Vorgehen, um Menschenleben zu retten und weitere Tathandlungen zu verhindern."

Ein größeres Risiko für die Beamten wird dabei bewusst in Kauf genommen: Polizisten "unterliegen einer besonderen beruflichen Gefahrtragungspflicht und müssen deshalb vor allem zum Schutz des Lebens Dritter in gewissem Umfang auch eine Eigengefährdung in Kauf nehmen", wie es in dem als "VS - Nur für den Dienstgebrauch" eingestuften Dokument heißt.

"Größeres Blutbad verhindert"

Die insgesamt 14.500 Streifenbeamten in Baden-Württemberg wurden für diese Aufgabe eigens geschult. "Wir muten ihnen deswegen zu (…) im Sinne der Erstbekämpfung des Täters ins Objekt einzudringen", so Rech. Dies sei in Winnenden von zwei Interventionsteams getan worden, die "ein größeres Blutbad hier in der Realschule verhindert" hätten. Dabei waren sie extremen Belastungen ausgesetzt, wie Polizeidekan Werner Knubben sagte: "Das war fast ein Himmelfahrtskommando. Sie sollten den Amokläufer möglichst schnell festnehmen und hatten zugleich Angst ums eigene Leben."

Die baden-württembergische Polizei hat zur Vorbereitung auf solche Extremsituationen ein Trainingskonzept mit Videosimulationen und Rollenspielen entwickelt. Unter zehn verschiedenen Einsatzübungen ist auch eine Geiselnahme an einer Schule. Die Beamten müssten vor allem lernen, das richtige Maß zu finden. Sie dürften nicht wahllos drauflosschießen, aber auch nicht zaudern, wenn sie vom Täter bedroht würden. "Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet", so Hetger. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gibt es einige Polizisten, die seit den Trainingseinheiten unter psychischen Problemen leiden.

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, lobte gegenüber SPIEGEL ONLINE den Mut der in Winnenden eingesetzten Beamten: Sie seien in solchen Fällen angehalten, unter großer Gefahr für ihr eigenes Leben das Gebäude ohne Zögern zu stürmen. "Am gestrigen Mittwoch hat das perfekt geklappt. Das erste Einsatzziel, den Täter daran zu hindern, weitere Menschen in der Schule zu töten, wurde schnell erreicht", so Wendt.

Flucht vor der Polizei

Dennoch konnte der mit einer Pistole vom Typ Beretta 92 (Kaliber 9 Millimeter) bewaffnete Tim K. den Polizisten zunächst entkommen. Und während Hunderte Beamte ihn noch in der Umgebung der Schule vermuteten, das Zentrum des Städtchens wurde vollständig abgeriegelt und sorgsam durchkämmt, hatte der 17-Jährige längst ein Auto gekapert.

Wahrscheinlich raste er im grünen VW Sharan seiner Geisel Igor W., 41, über die Bundesstraße 14 in südlicher Richtung nach Waiblingen, dann nach Stuttgart, von dort über die A 81 nach Böblingen, Tübingen, Nürtingen, nördlich auf der Bundesstraße 313 Richtung Wendlingen am Neckar und schließlich auf die A 8. Vor allem im ersten Teil der Strecke müssen ihm Dutzende Polizeiwagen entgegengekommen sein, hatte man doch sofort alle verfügbaren Einsatzkräfte aus der Region in Richtung Winnenden beordert.

SPIEGEL-ONLINE-Leser Thomas H., 50, der einen Teil der Strecke nur etwa eine Stunde nach Tim K. zurücklegte, wunderte sich anschließend, "so ungehindert" aus Winnenden herausgekommen zu sein. "Polizeisperren gab es nicht." Auf insgesamt etwa 80 Kilometern, die er gefahren sei, um schließlich wie der Täter in Wendlingen anzukommen, hätten gerade einmal "zwei Streifenwagen" am Straßenrand gestanden. "Ich musste mich doch sehr wundern", sagte H.

Ganz offensichtlich hatten sich die Polizeiführer vor Ort sehr genau an ihr theoretisches Wissen über Schulmassaker und damit auch an die FEA Amok gehalten: "Amoklagen sind in der Regel stationär", heißt es darin. Und: "Die Täter sind überwiegend männlich (…) und handeln als Einzeltäter in einem Gebäude." Von Flucht steht dort nichts, was nun nachzuarbeiten sein dürfte.

Gewerkschafter Wendt - und andere Sicherheitsexperten pflichten ihm in dieser Hinsicht bei - erkennt darin dennoch kein Versäumnis der Beamten. Das Verhalten eines Täters sei eben "unberechenbar", dafür könne aber nicht die Polizei verantwortlich gemacht werden. "Nirgendwo kann man auch nur den Hauch einer Fehlleistung entdecken."

Es sei wichtig und richtig gewesen, zunächst mit vielen Einsatzkräften zum Tatort zu fahren, so Wendt. Und schließlich sei auch das "Hinterland" nicht vernachlässigt worden. Immerhin hätten die Beamten den Amokläufer am Ende stellen können.

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Mit Material von dpa

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