Frankfurt am Main - In Deutschland ereigneten sich zwischen 1999 und 2006 sieben schwere Gewalttaten und Amokläufe an Schulen - seit dem gestrigen Mittwoch gibt es einen neuen erschütternden Fall mit 16 Toten. Bei den vorangegangenen Bluttaten zeigten alle Täter - durchweg junge Männer - bestimmte ähnliche Merkmale und Verhaltensweisen im Vorfeld der Tat, wie eine Studie von Psychologen und Kriminologen ergab. Nach den ersten Erkenntnissen über den 17-jährigen Amokläufer von Winnenden scheint ein großer Teil der von den Experten identifizierten Risikomerkmale auch auf Tim K. zuzutreffen.
Die Studie "Amok und zielgerichtete Gewalttaten an Schulen in Deutschland" der Psychologen Jens Hoffmann und Karoline Roshdi und des Kriminologen und Sozialpädagogen Frank Robertz erscheint in der Aprilausgabe der Zeitschrift "Kriminalistik". Die Autoren werteten polizeiliche Ermittlungsakten und Gerichtsurteile von allen sieben bekannten Taten in Deutschland von 1999 bis 2006 aus. Das geschah natürlich vor dem Amoklauf von Winnenden, der somit nicht berücksichtigt werden konnte. Es zeigen sich aber deutliche Übereinstimmungen.
Die insgesamt sieben Gewalttäter waren zum Zeitpunkt ihrer Tat zwischen 14 und 22 Jahren alt, sie waren allesamt männlich und hatten die deutsche Staatsbürgerschaft. Alle bis auf einen lebten im Elternhaus, die Familien entstammten weitgehend der Mittelschicht. Vier von ihnen waren zum Zeitpunkt ihrer Gewalttat noch Schüler der betroffenen Schule, drei von ihnen hatten die Schule früher besucht. Insgesamt töteten sie 21 Menschen und verletzten 40. Vier der Gewalttäter brachten sich nach ihrer Tat um.
In allen Fällen habe es deutliche Risikomerkmale im Verhalten und in der Kommunikation der Täter im Vorfeld der Tat gegeben, erklärt Hoffmann. "Als Risikoindikatoren fanden wir in der Mehrzahl etwa Suizid-Äußerungen, oder die Jugendlichen erstellten Todeslisten." Alle Täter kündigten demnach an, dass sie eine Waffe mit in die Schule bringen würden oder zeigten diese vorher sogar anderen Schülern. "Ebenso sprachen nahezu alle Jugendlichen über ihre Racheabsicht oder gaben sogar bekannt, einen Amoklauf begehen zu wollen."
Auffällig ist auch, dass es bei allen Tätern im Vorfeld der Gewalttat zu Kränkungen, sozialen Brüchen oder Verlusterfahrungen kam, auf die fast alle von ihnen sehr empfindlich reagierten. Auch hatten alle Probleme in der Schule. Etwas mehr als die Hälfte der Täter wurde von ihrem Umfeld als Einzelgänger bezeichnet, die meisten isolierten sich vor der Tat noch weiter. Allerdings hatte die Mehrheit von ihnen Freizeitinteressen und war etwa in Vereinen aktiv. Nur etwas mehr als ein Viertel der Jugendlichen war vorher polizeilich auffällig.
Alle Täter interessierten sich der Studie zufolge für gewalthaltige Mediendarstellungen. Bei vier von ihnen gab es sogar eindeutig ein konkretes mediales Vorbild für die Tat - entweder eine Filmfigur oder einen realen Amokläufer.
Die Experten weisen darauf hin, dass bei vier Fällen sogar kurz vor der Tat in der Presse über eine ähnliche Gewalttat berichtet worden sei. "Es ist deshalb davon auszugehen, dass nach Amokläufen wie in Winnenden ein erhöhtes Risiko für weitere Taten dieser Art besteht", warnte Jens Hoffmann.
jdl/AP
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