Amoklauf in Winnenden
"Die Schule war absolut spitze"
Aus Winnenden berichtet Anne Seith
Es gibt Streitschlichter, eine Sozialarbeiterin und eine engagierte Direktorin: Die Albertville-Realschule galt als vorbildliches Institut, trotzdem blieben Tim Ks. Probleme dort unentdeckt. Ein Psychologe fordert deshalb ein Anti-Amok-Programm, um potentielle Täter aufzuspüren.
Winnenden - Blutlachen in den Klassenzimmern, zerschossene Scheiben und Türen - schon deshalb könne man das Gebäude nicht so bald wieder öffnen, heißt es bei der Kriminalpolizei. Und überhaupt: "Wer soll diese Schule je wieder betreten?", fragt ein junger Mann.
Fassungslos schaut er in Richtung des eckigen Siebziger-Jahre-Baus, vor dem Dutzende Winnender an diesem Tag Kerzen und Blumen ablegen. Der Name Albertville-Realschule wird wohl noch Jahrzehnte mit dem fürchterlichen Massaker verbunden bleiben, das Tim K. angerichtet hat.
K. litt unter Depressionen, Minderwertigkeitskomplexen, fühlte sich vielleicht sogar gemobbt.Seine Mitschüler merkten davon nichts. Viele haben ihn als zurückhaltend aber "total nett" in Erinnerung. Auch Rektorin Astrid Hahn, 57, sagt, K. sei nicht aufgefallen.
Wie soll sich eine Schule schützen, wenn so einer durchdreht? Chipkartensysteme, Einlasskontrollen, Metalldetektoren?
"Mögliche Täter werden immer Wege finden, Waffen reinzuschmuggeln", kontert Heinz- Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands, solche Forderungen. Derartige Aufrüstungsmaßnahmen an Schulgebäuden schaffen seiner Überzeugung zufolge allenfalls ein Lernklima der Angst. "Was wir dringend brauchen, ist eine Kultur des Hinhörens und Hinsehens", sagt Meidinger.
Als ob es die nicht gegeben hätte in der Albertville-Realschule.
Die Jugendlichen stellten eigens geschulte Schlichter - erreichbar in jeder großen Pause im Raum 300. Das Bildungszentrum II, zu dem neben der Albertville-Schule noch ein Gymnasium und eine Hauptschule gehören, hatte sogar eine eigene Sozialarbeiterin. Ihr Büro lag direkt neben dem Schülercafé, in dem auch Dart und Tischkicker gespielt werden konnten. Lehrer durften nur einmal im Monat rein.
Vor allem Eltern sind immer noch begeistert von der Lehranstalt. "Die Schule ist absolut spitze", sagt Christine Pinkau, deren Sohn dort vor zwei Jahren seinen Abschluss machte. Auch die fachliche und kreative Betreuung der Kinder sei weit über das Notwendige hinausgegangen.
Schlittschuhausflüge und Theaterbesuche
Es gab zig Arbeitsgemeinschaften - eine auch zum Thema Internet. Sie verpasste der Schule kürzlich einen neuen Web-Auftritt. Bis Mittwoch war dort von Schlittschuhausflügen und Theaterbesuchen zu lesen, die Klassen gemeinsam unternommen hatten. Vergangenes Jahr habe die Albertville-Schule einen nagelneuen Technikraum bekommen, sagt eine Redakteurin der "Winnender Zeitung". Hinzu kam das Engagement der Winnender Bürgerstiftung: Sie organisierte für Haupt- und Realschüler der Stadt Praktika in technischen Betrieben und Azubi-Patenschaften mit Kräften aus der Privatwirtschaft, die bei der Jobsuche halfen.
Ein 44-jähriger Vater erzählt von einer Veranstaltung an der Grundschule seiner Tochter: Verschiedene weiterführende Institute wurden vorgestellt. "Fast wie auf einer Werbeveranstaltung" habe man sich da gefühlt, so riesig sei das Angebot der Albertville-Schule gewesen.
Der Winnender will die Schule jetzt in Schutz nehmen, da die ganze Welt den Ort als Brutstätte des Bösen zu sehen scheint, das ist zu spüren. "Ganz normal und fröhlich" sei es dort zugegangen, sagt er. Doch er ist nicht der Einzige, der viel Gutes zu sagen hat. Und von sozialen Problemen oder Mobbing weiß niemand zu berichten.
"Keine Besonderheiten/Auffälligkeiten bekannt", heißt es etwa seitens der Schulaufsicht in Stuttgart auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Auch die Redakteurin der "Winnender Zeitung" kann sich beim besten Willen nicht an ungewöhnliche Vorkommnisse erinnern. Im Archiv des Blatts finden sich in den letzten Jahren nur Berichte über Sommerfeste, Spielzeugbörsen oder die neue 33.000 Euro teure Jungentoilette in dem schlichten Siebziger-Jahre-Bau.
Hohe Ansprüche
Die Rektorin Hahn habe eben alles "von A bis Z" im Griff gehabt, so Christine Pinkau. Hahn sei extrem engagiert - und habe "mit dem eisernen Besen durchgekehrt." Denn streng sei es schon zugegangen in der Schule, sagen Eltern wie Schüler. Die Ansprüche waren hoch, die Noten "schwer erkämpft", erzählt eine Mutter. Sie findet das gut. Ihr Sohn schaffte es wie viele Abgänger auf eine weiterführende Schule. "Und er war dafür gut vorbereitet."
Tim K. dagegen hatte Aussagen von Mitschülern zufolge, ziemliche Probleme, den Stoff zu bewältigen. Doch wie sollen Lehrer und Sozialarbeiter merken, dass ein Schüler weit mehr als nur deprimiert ist?
Der Psychologe Jens Hoffmann, 40, von der TU Darmstadt platzt mitten in die aufgeregte Diskussion mit einer ungewöhnlichen Forderung. Er behauptet, mit einem Frühwarnsystem ließen sich Amokläufe verhindern. Das Anti-Amok-Modell, das sogenannte Dynamische Risiko-Analyse-System (DyRiAS) wird derzeit an fünf Schulen in Deutschland getestet und soll mögliche Amokläufer und Gewalttäter frühzeitig erkennen.
"Es gibt 31 Faktoren, die das Programm prüft und so ein Verhaltensmuster von einem Jugendlichen erstellen kann, der eventuell gefährdet ist", sagte der Wissenschaftler. Die Zeichen einer fortgeschrittenen Gefährdung: Verändertes Aussehen, Hinweise an Freunde im Internet, Rachegefühle und offene Sympathie mit anderen Amokläufern.
Philologenverbandschef Meidinger ist skeptisch. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht lauter Amokläufer identifizieren und so an den Schulen ein Klima des Misstrauens schaffen", sagt er. So schlimm die Tat sei - eine solche Tragödie könne leider immer wieder passieren.
Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend".
Mehr auf der Themenseite...
Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen
Gymnasium Carolinum
in
Ansbach
acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.
Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt.
Mehr auf der Themenseite...
Jiverly Wong
, ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
Der 17-jährige
Tim K.
ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst.
Mehr auf der Themenseite...
Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama
tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen
Dendermonde
zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
Der 22-jährige Berufsschüler
Matti-Juhani Saari
tötet in der westfinnischen Kleinstadt
Kauhajoki
zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
Mehr auf der Themenseite...
Der 18-jährige Schüler
Pekka-Eric Auvinen
tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in
Jokela
.
An der Technischen Universität von
Virginia
erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere.
Das Massaker an der Virginia Tech
gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA.
Mehr auf der Themenseite
Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in
Salt Lake City
und
Philadelphia (USA)
. Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
Der
18-jährige Sebastian B.
schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen
Emsdetten
um sich. Elf Menschen werden verletzt.
Mehr auf der Themenseite...
In
Lancaster County
im US-Bundesstaat
Pennsylvania
tötet ein Amokläufer an einer
Amish
-Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.
In
Red Lake
im US-Bundesstaat
Minnesota
erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger
nationalsozialistischer Rassenlehren
.
Bei einem
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
in
Erfurt
tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden.
Mehr auf der Themenseite...
Im Pariser Vorort
Nanterre
erschießt ein
Amokläufer
acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
Ein Amokläufer
dringt in das
Kantonsparlament
im schweizerischen
Zug
ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.
Ein 37-jähriger Japaner
ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt
Osaka
acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
Beim Schulmassaker von Littleton
stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die
Columbine Highschool
in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen.
Mehr auf der Themenseite...
Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in
Jonesboro
im US-Staat
Arkansas
falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
Im Nordosten
Brasiliens
bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche
Homosexualität
.
35 Menschen fallen dem
Amokläufer Martin Bryant
auf der australischen Insel
Tasmanien
zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen
Dunblane
16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen
Toulon
insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
Im
texanischen Killeen
tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
An der Polytechnischen Hochschule von
Montréal
kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige
Marc Lépine
erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
In einem Schnellrestaurant in
San Diego
erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
An der Universität von
Texas
schießt
der Amokläufer Charles Whitman
mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
Beim
Attentat von Volkhoven bei Köln
stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.
Mit Material von dpa
Auf anderen Social Networks posten:
News verfolgen
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten: