Amoklauf in Winnenden
Tim K. erschoss Frau eines Polizeibeamten
Aus Winnenden berichtet Julia Jüttner
Ein normaler Streifendienst wurde für einen Beamten der Polizeidirektion Ostalb zur persönlichen Tragödie. Der Mann wurde zur Realschule Albertville gerufen, als dort Amokschütze Tim K. wütete - und erfuhr wenig später, dass seine Frau unter den Opfern war.
Winnenden - Der Polizeibeamte Andreas K.* aus Schwäbisch Gmünd ist mit seinem Kollegen im Dienstwagen unterwegs, als um 9.33 Uhr der Notruf aus der Albertville-Realschule in Winnenden in der Zentrale eingeht. Wenige Sekunden später tönt es über Funk: "Amoklauf an einer Schule!". Da sie nicht weit vom Tatort entfernt sind, treffen die beiden Polizisten mit zwei weiteren Streifen als erste Ersatzkräfte am Tatort ein.
Andreas K.s Frau Michaela unterrichtet an der Realschule Physik. Sie ist 26 Jahre alt. Erst vor zwei Monaten haben die beiden standesamtlich geheiratet, für Mai haben sie ihre kirchliche Trauung geplant. Die Einladungen sind verschickt.
Binnen weniger Minuten trifft eine Hundertschaft ein, die ganz in der Nähe zufällig eine Übung für den Nato-Gipfel im April durchführt. Andreas K. wird an einer der Absperrungen direkt vor dem Schulgebäude eingesetzt. Er habe gewusst, dass seine Frau an dem Tag im Unterricht war, sagt ein Polizeikollege. Obwohl Andreas K. persönlich involviert war, sei er im Dienst geblieben. Nur wenigen Kollegen, die mit ihm vor Ort waren, habe er sich anvertraut.
Diese Kollegen waren es auch, die Andreas K. die Todesnachricht kurze Zeit später überbringen mussten. Die Identität der erschossenen Lehrerinnen war, anders als bei den Kindern, relativ schnell geklärt. "Als bekannt wurde, dass seine Frau unter den Opfern ist, wurde Andreas K. sofort aus dem Einsatz genommen", berichtet ein Kollege. Der junge Mann wird seither psychologisch betreut. "Es geht ihm sehr schlecht."
Andreas K. hat wie alle Beamten des Streifendienstes ein spezielles Trainingsprogramm für solche Einsätze absolviert: Die Taktik lautet, das Morden zu beenden, ohne auf das Eintreffen des Spezialeinsatzkommandos (SEK) zu warten. Die Hundertschaft aus Schwäbisch Gmünd, die in Aalen trainierte, wird mit 20 Kleinbussen ins Winnendener Schulzentrum gefahren. "Die waren für den Einsatz geradezu prädestiniert", sagt Bernhard Kohn von der Polizeidirektion Ostalb. "Damit hatten wir sehr viel Personal auf sehr kurzem Wege vor Ort." Bereits um 9.41 Uhr sind rund 1000 Polizisten im Einsatz.
SEK-Beamte hatten die getötete Michaela K. und ihre ebenfalls erschossene 24-jährige Kollegin Nina M., eine Deutschlehrerin, auf dem Schulflur entdeckt. Nicht bestätigen will die Polizei, dass sich die beiden Pädagoginnen dem Amokläufer in den Weg stellen wollten. "Zur detaillierten Rekonstruktion können wir im Moment noch nichts sagen", sagt Ralf Michelfelder, Leiter der Kriminalpolizei Waiblingen.
Das Schicksal des jungen Ehepaares hat insbesondere in Polizeikreisen als auch in dem Schwäbisch Gmünder Stadtteil Hussenhofen, wo das Ehepaar lebt, tiefe Betroffenheit und Trauer ausgelöst.
Michaela K.s Kollegin Sabrina S., eine junge Referendarin, wurde während des Unterrichts im Chemieraum erschossen. Sie hatte hinter der Tür gestanden, wurde von zwei Schüssen getroffen. Hinter ihr hatten ein Mädchen und ein Junge gestanden - beide überlebten. Schüler versuchten noch vergeblich, der Lehrerin einen Druckverband anzulegen.
Die drei jungen Lehrkräfte wurden mit den anderen Opfern am Donnerstagabend in Winnenden an einem unbekannten Ort aufgebahrt, damit sich ihre Angehörigen von ihnen verabschieden konnten. Am Freitagmorgen kam es dort nach Polizeiangaben zu einem pietätlosen Vorfall: "Reporter versuchten, sich den Särgen zu nähern", sagt Michelfelder. "Es kam zu sehr unschönen Momenten."
Familien der Opfer wurde jeweils ein psychologisch geschulter Polizeibeamter sowie ein Pfarrer beziehungsweise ein Kirchenmitarbeiter zur Seite gestellt. "Dieses Zwei-Mann-Team betreut die Familie rund um die Uhr", erklärt Kripo-Chef Michelfelder. Es gehe um Gesprächsangebote, Trost, Trauerarbeit - und darum, Antworten auf die immer gleiche Frage zu finden: Wie konnte es nur dazu kommen?
*Name von der Redaktion geändert
Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend".
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