Montag, 23. November 2009

Panorama



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14.03.2009
 

Amoklauf von Winnenden

Klinik und Tims Eltern streiten über Psychotherapie

War Tim K. in psychotherapeutischer Behandlung oder war er es nicht? Drei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden lassen die Eltern des Täters nun Angaben der Ermittler und eines Arztes dementieren. Möglicherweise geht es ihnen dabei vor allem um ihr eigenes Wohl.

Hamburg - Eltern, Ermittler und Ärzte geraten nach dem Amoklauf in einen ersten Zwist. Polizei, Staatsanwaltschaft und der Ärztliche Direktor des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg, Matthias Michel, bestätigten erneut, Tim K. sei wegen Depressionen psychotherapeutisch behandelt worden.

Die Eltern teilten dagegen mit, dass ihr Sohn sich niemals in psychotherapeutischer Behandlung befunden habe. Der Rechtsanwalt der Eheleute, Achim Bächle, sagte der Nachrichtenagentur AP: "Es gab keine psychotherapeutische Behandlung des Jungen." Ambulante Behandlungen seien etwas ganz anderes, ergänzte er.

Eltern-Anwalt Bächle sagte, wegen der Äußerungen Michels behalte er sich presse- und strafrechtliche Schritte vor, auch gegen das Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Eine Psychotherapie sei eine regelmäßige, andauernde Behandlung. "Das war nicht der Fall", sagte der Anwalt. Michel hatte bekanntgegeben, dass Tim K. im Jahr 2008 auf ambulanter Basis in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie gewesen war. "Er hatte insgesamt fünf Termine", hatte der Arzt erklärt.

Die Polizeidirektion Waiblingen und die Staatsanwaltschaft Stuttgart teilten am Samstag mit, der Tatverdächtige sei von April 2008 bis September 2008 im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg mehrmals "vorstellig" geworden.

Ein Grund für das Dementi der Eltern lässt sich womöglich in dem Umstand finden, dass Tim K. mit der Beretta 92 seines Vaters um sich schoss. Sollte sich nämlich herausstellen, dass K. schon vor der Tat gefährlich erscheinende Auffälligkeiten an den Tag gelegt hatte, könnte sich der Vater einem Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegenübersehen.

Ansonsten handelte es sich bei dem Verstoß gegen das Waffengesetz - der Vater soll die Waffe in seinem Nachtschränkchen aufbewahrt haben -, lediglich um eine Ordnungswidrigkeit.

Die Ermittler bestätigten zugleich die weiteren Aussagen der Eltern von Tim K., es habe in ihrem Keller keinen Schießstand gegeben, wie manche Zeitungen und Fernsehsender gemeldet hatten. "Staatsanwaltschaft und Polizei haben nie von einem Schießstand auf dem Gelände des elterlichen Hauses berichtet", hieß es. Einen solchen gebe es nach bisherigen Erkenntnissen auch nicht.

Elternanwalt Bächle erwartet nach eigenen Angaben ein schwieriges und langwieriges Ermittlungsverfahren. Daher wolle er keine weiteren Fragen beantworten. "Wir geben grundsätzlich nur gegenüber der Ermittlungsbehörde Stellungnahmen ab", sagte er. Am Freitagnachmittag hatte er das Mandat für die Familie übernommen.

Tim K. verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel

Nach SPIEGEL-Informationen ergab die Auswertung von K.s Rechner, dass der Teenager am Abend vor dem Amoklauf gegen 19.30 Uhr das Spiel "Far Cry 2" startete und den PC schließlich gegen 21.40 Uhr ausschaltete. Bei dem Spiel handelt es sich um einen sogenannten Ego-Shooter, bei dem man die Aufgabe hat, in einem fiktiven, afrikanisch erscheinenden Land einen skrupellosen Waffenhändler zu eliminieren. Das Spiel hat keine Jugendfreigabe, der minderjährige Tim hätte es also gar nicht besitzen dürfen.

MEHR ZUM THEMA

Im neuen SPIEGEL 12/2009:

Wenn Kinder zu Killern werden
Der Amoklauf des Tim K.
Foto Günter Bauer
Im Internet hatte sich K. offenbar schon vor Monaten mit Massakern an Schulen auseinandergesetzt. Nach Erkenntnissen der Ermittler war der Jugendliche unter mehreren Pseudonymen wie "JawsPredator1" im Internet aktiv und hatte unter anderem bei der Plattform "MyVideo" ein entsprechendes Profil.

In einem der Diskussionsforen zu den Schulmassakern von Erfurt und Emsdetten meldet sich am 23. August vergangenen Jahres "JawsPredator1" zum Thema Amokläufer zu Wort: "Das witzige ist ja selbst wenn diejenigen es ankündigen glaubt es ihnen niemand." Als Autor vermuten die Ermittler den späteren Täter.

Auch im Berufskolleg diskutierte Tims Klasse das Thema "Amoklauf in Erfurt" und die neuen Waffengesetze. Dabei habe Tim sich mit den Vorschriften ausgekannt und gewusst, dass eine der Regeln sei, nicht auf Menschen zu zielen. Die "Winnender Zeitung" hatte berichtet, K. habe im Januar einen Besinnungsaufsatz zum Thema "Verschärfung der Waffengesetze, ja oder nein?" schreiben müssen.

Auf dem heimischen Computer des Mörders fanden die Fahnder auch etwa 200 Pornobilder, davon mehr als 120 sogenannte Bondage-Bilder, die nackte, gefesselte Frauen zeigen. Neben "Far Cry 2" hatte K. auch die Schießspiele "Counter Strike" und "Tactical Ops" installiert.

Aussagen seines Vaters bei der Polizei zufolge soll Tim ihn mindestens dreimal zu Schießübungen im Schützenverein begleitet haben, zuletzt vor drei Wochen. Der Sohn habe darauf gedrängt, den Umgang mit den Waffen zu lernen. Die Übungen fanden mit der späteren Tatwaffe, einer Beretta, statt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht bisher "keine Anhaltspunkte, dass ein noch strengeres Waffenrecht den Amoklauf in Wendlingen und Winnenden hätte verhindern können", wie er dem SPIEGEL sagte.

Unterdessen besuchte die "Bild"-Zeitung die 80 und 82 Jahre alten Großeltern des Amokschützen Tim K., die während des Interviews "immer wieder mit den Tränen kämpfen", wie das Blatt berichtete. "Er war doch so ein lieber Kerl. (…) Wir können es immer noch nicht fassen", sagten sie demnach. Am vergangenen Sonntag sei Tim mit seinen Eltern zum letzten Mal zu Besuch gewesen, sie hätten aber "nichts Auffälliges bemerkt", so die Großeltern: "Wir werden versuchen, ihn in guter Erinnerung zu behalten. So, wie wir ihn gekannt haben."

IM WORTLAUT: ANGEBLICHE AMOK-ANKÜNDIGUNG UND DEMENTI

AP
Der baden-württembergische Heribert Rech (CDU) wörtlich auf der Polizeipressekonferenz:

"Am Mittwochabend meldete sich der Vater eines 17-Jährigen aus Bayern und berichtete über einen Internet-Chat, den sein Sohn in der Nacht zuvor geführt habe. Der Sohn hatte sich nach der Medienberichterstattung über diese Tat in Winnenden an seinen Vater gewandt, und demnach war im Chatroom eines Internet-Portals in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gegen 2.45 Uhr kurz vor der Tathandlung folgender Eintrag eingestellt worden: ..." Rech zitiert das angebliche Chat-Protokoll (siehe zweiter Reiter) "... Der Sohn hatte diese Ankündigung nicht ernst genommen und mit dem Internet-Kürzel (...) lol quittiert - was so viel bedeutet wie laughing out loud, zu Deutsch also: Ich lach mich kaputt."

jdl/ddp

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