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Inzestfall Amstetten Des "Monsters" Advokat

2. Teil: "Viele Frauen fliegen auf F.s Jack-Nicholson-Blick"

Mehrere Sensationsprozesse betreut Mayer pro Jahr. Die erste Begegnung mit dem Mandanten sei die entscheidendste Phase, sagt er. Dabei schalte er die Kopfintelligenz aus, das Bauchgefühl ein und konzentriere sich auf die Augen seines Gegenübers: "Sie verraten viel über die Psyche eines Menschen." Auf den wenigen und immer gleichen Fotos, die von F. um die Welt gingen, fiel der eindringliche, fast diabolische Blick auf.

Es gab genügend Frauen, denen "dieser Jack-Nicholson-Blick" scheinbar gefallen habe, sagt Mayer. Denn F. bekam reichlich Post ins Gefängnis - von Damen, die sich für ihn interessierten. Keinen einzigen Brief habe F. beantwortet.

Auch Mayer verzeichnete einen ansteigenden Posteingang, aber er bekam keine Schmachtbriefe. Beschimpfungen sind Mayers tägliches Brot: "Ist der Strafverteidiger erfolgreich, beschimpfen ihn die Opfer und Angehörigen. Ist er nicht erfolgreich, kriegt er's vom Mandanten."

In seinem Beruf müsse man eine sehr hohe Frustrationsgrenze haben, sagt Mayer. Doch selbst seine litt, als er für den Inzest-Vater von Amstetten in den Ring stieg. Er wurde bepöbelt, beleidigt, erstmals und mehrmals in seiner Laufbahn mit dem Tod bedroht. Man sollte ihn zusammen mit Josef F. hinrichten; der 73-Jährige gehöre in das von ihm konstruierte Verlies gesteckt - und so weiter.

"Offensichtlich hatten die Leute die Befürchtung: Wenn ein bekannter Anwalt für diesen Menschen eintritt, wird Ungerechtigkeit geschehen. Der Hass auf den Täter entlud sich dahingehend, dass alle meinten, er habe gar kein Recht auf Verteidigung." Um sein Leben tatsächlich gefürchtet, habe er keine Sekunde, behauptet Mayer.

Die Drohungen, meist per E-Mail, hat er alle ausgedruckt und abgeheftet. Selbst ein pensionierter Richter echauffierte sich über Mayers Mandat, formulierte seine Abneigung in deftiger Ausdrucksweise. "Doch die Anfeindungen hörten schlagartig auf, als ich mich gegenüber der internationalen Presse zurückhielt", sagt Mayer, der der österreichischen Illustrierten "News" - bei der zufällig seine Tochter arbeitete und es in den Semesterferien immer noch tut - exklusiv F.s erstes Geständnis vermittelte.

"Josef F. hat eben nicht wie ein Monster gehandelt"

Es klingt nach Koketterie, wenn Mayer sagt, das Medieninteresse im Fall F. sei "völlig überzogen", zumindest gemessen an anderen Fällen wie dem des Kinderschänders Dutroux in Belgien, der Mädchen entführte, missbrauchte, tötete, zerstückelte und einbetonierte; oder dem eines Russen, der Kinder tötete und verspeiste.

"Das Exzeptionelle dieses Falls liegt daran, dass Josef F. eben nicht wie ein Monster gehandelt hat." Und wieder ist Mayer - er wippt dabei heftig auf seinem Stuhl - bei seiner Theorie: F. habe sich eben nicht nur eine Frau im Keller gehalten, sie missbraucht, wann er wollte und irgendwann "entsorgt". Das Besondere sei: "Er hat sich dafür seine eigene Tochter ausgesucht, mit ihr Kinder gezeugt und für sie gesorgt: Er kaufte Schulbücher, feierte mit ihnen Weihnachten und Geburtstag."

Außerdem habe F. das erkrankte Mädchen ins Spital gebracht, später sogar noch deren Mutter." Für Mayer steht fest: "Die emotionale Basis ist das Außergewöhnliche in dem Fall." Mayer wirkt nicht unzufrieden nach seinem Monolog.

Vor Gericht wird er ebenso argumentieren. Vielleicht noch mehr die verpfuschte Kindheit seines Mandanten einfließen lassen: die prügelnde, kaltherzige Mutter und die vielen Schläge, die F. kassieren musste. "Er bescherte seinen Kindern eben das, was er selbst erlebte."

In Mayers gediegener Kanzlei mit Fischgrätparkett tummeln sich unter einem lebensgroßen Porträt seiner Gattin absurde Staubfänger wie gestickte Teppichfetzen, eine bronzene Justitia mit verbundenen Augen und Diadem sowie aufwendig gestanzte Namensschilder. "Alles Geschenke von Mandanten", sagt Mayer verlegen. "Wenn ich die nicht aufstelle, sind die Leute beleidigt."

Ein gebrochenes Bein fürchtet Mayer mehr als Morddrohungen

Für seine Auftritte ackert der arbeitsame Gschaftlhuber jeden Tag mehr als zwölf Stunden, außer Samstag. "Da rede und denke ich den ganzen Tag nichts", sagt Mayer. Das sei alles, was er sich gönne. Außer seinem Mercedes Coupé. Sonstige Reichtümer bedeuten ihm nichts, sagt er. Urlaub ist tabu. Zuletzt war er vor knapp zwei Jahren eine Woche verreist. Skifahren steht auf dem Index. Ein gebrochenes Bein fürchtet Mayer mehr als Morddrohungen.

Und doch trainiert der Anwalt seine eher schmächtige Statur seit Jahrzehnten in einem Box-Stall im Wiener Bezirk Favoriten. "Boxen ist das beste Training für Strafverteidiger: Das sind auch Kämpfe, bei denen man immer genau wissen muss, wohin der Gegner schlägt, um zurückschlagen zu können. Und Boxen fördert Reaktionsschnelligkeit und bewirkt Testosteronaufbau."

Außerdem glaubt Mayer zu wissen: "Sensibilität, wenn es um das eigene Ich geht, ist fehl am Platz. Nicht umsonst sind unter den Wiener Staranwälten die meisten vom Sternzeichen her Skorpion, Widder, Stier und Steinbock." Er selbst ist freilich die Ausnahme - und Sternzeichen Waage.

Der Weg zu seinem Bekanntheitsgrad war steinig: Mayer arbeitete nach der gescheiterten Schauspielausbildung zunächst als Bewährungshelfer und kellnerte in einer Bar gemeinsam mit dem heutigen New Yorker Modeschöpfer Helmut Lang. Damals wird dieser noch "Bubu" genannt. "Davon will er heut' nix mehr wissen!", sagt Mayer und lacht herzhaft.

Zur ironischen Distanz ist er aber auch sich selbst gegenüber fähig: Zum Beleg erzählt er die Anekdote seiner englischen Fernsehinterviews. Mehr als hundert Mal hat Mayer in den ersten Tagen nach Bekanntwerden des Amstettener Inzestfalls auch vor internationalen Kameras Auskunft gegeben, aber: "Ich spreche nur das katastrophale Englisch der afrikanischen Drogendealer, die ich manchmal vertrete."

Eine seiner Töchter, sie lebt in New York, rief ihn an: "Papa, ich sah dich grad auf CNN. Es war so schrecklich! Bitte rede Deutsch mit denen!"

"Wissen S', was noch viel schlimmer war?", fragt Mayer. "Die haben mir bei CNN Untertitel verpasst."

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