Von Julia Jüttner
Eisenmenger hat sich vieles abgewöhnt in den Jahren - auch seinen Geruchssinn. "Ich rieche deutlich weniger als früher und muss manchmal richtig an etwas schnuppern, um einen Geruch wahrzunehmen." Bestimmte Gerüche wird er dagegen nie vergessen: Mumifizierte Leichen riechen für ihn nach Bündner Fleisch, Brandopfer nach Schinken. Den Appetit verdorben hat es Eisenmenger dennoch nie.
Eisenmenger stammt aus Waldshut, direkt an der Schweizer Grenze. Sein Vater fiel im Krieg, die Mutter zog ihn und seinen Bruder alleine auf. Sie arbeitete als Zahnärztin, schuftete ihr Leben lang hart; ohne einmal zu jammern und konnte sich dennoch bis zu ihrem 95. Lebensjahr einen trockenen Humor bewahren.
"Einer, der nichts mehr hasste als Geschwafel"
Eigentlich wollte Eisenmenger Landarzt werden, seine Frau lernte zusätzlich zu ihrer kaufmännischen Ausbildung noch den Beruf der medizinisch-technischen Assistentin. Doch das Leben bahnte sich einen anderen, "einen noch glücklicheren" Weg, wie Eisenmenger, Vater zweier erwachsener Töchter, findet.
1970 begann Eisenmenger seine Laufbahn als Gerichtsmediziner in Freiburg, zwei Jahre später wechselte er ans Institut für Rechtsmedizin an der Universität München, an der er 1989 Ordinarius wurde. In seinem Vorgänger, Professor Wolfgang Spann, fand er seinen Mentor und sein Vorbild: "Er war einer, der nichts mehr hasste als Geschwafel", erinnert sich Eisenmenger. "Wenn eines seiner Telefonate länger dauerte als fünf Minuten, wusste man, es geht um Leben und Tod."
Spann war ungewöhnliche 19 Jahre Dekan der medizinischen Fakultät und hat Eisenmenger stark geprägt. In seinem Sinne verwaltete Eisenmenger 20 Jahre lang das renommierte Institut in der Nußbaumstraße 26. Noch immer pflegt er den Kontakt mit dem heute 88-jährigen Spann, der "bisweilen mehrfach bekundete, dass er ganz zufrieden mit mir ist".
Fernsehserien, in denen Gerichtsmediziner im Mittelpunkt stehen, schaltet Eisenmenger kategorisch nicht ein. Aber er gibt zu, dass eine besondere Art von Humor in seinem Metier hilfreich sein kann. Einen Witz oder eine ironische Bemerkung während einer Sektion erlaubt er zwar, Zynismus und Sarkasmus im Zusammenhang mit Leichen duldet er dagegen nicht im geringsten. "Ich habe immer darauf geachtet, dass die Pietät bewahrt bleibt und unsere Arbeit nicht zum Gaudium verkommt."
Einer Studie zufolge wird die Hälfte aller Morde nicht aufgeklärt, weil der Arzt bei der Leichenschau nachlässig ist. Für den Raum München gilt das nicht, weil die Staatsanwaltschaft laut Eisenmenger "sehr sektionsfreudig" und die ortsansässigen Ärzte vom rechtsmedizinischen Institut regelmäßig geschult werden, was die Leichenschau angeht.
Was er anderen angetan hat, will er sich auch selbst gönnen
Tote nicht zu obduzieren, um deren Angehörige zu schonen wie im Fall des Amoklaufs von Winnenden, hält Eisenmenger für falsch. "Das ist nur eine kurzzeitige Schonung. Mit Rücksicht auf Pietät und Trauer tut man den Angehörigen nur vordergründig einen Gefallen. Oft tauchen erst später Fragen auf, die man nur anhand einer Obduktion beantworten könnte."
So sei es auch beim Olympia-Attentat 1972 gewesen, als 19 Menschen ums Leben kamen. "Da war zu entscheiden, ob man wegen des mosaischen Glaubens die Sektionen eigentlich verbietet. Wir taten es - und es erwies sich als richtig, denn im nachhinein wurden Vorwürfe laut, die Sportler hätten gerettet werden können."
Am 31. März ist Eisenmengers letzter Arbeitstag. Er wird ihn begehen wie jeden anderen auch, sezieren, diktieren, präparieren. "Am Ende werde ich mich bei jedem mit Handschlag verabschieden", sagt Eisenmenger, der über sich selbst sagt, er könne "schnell weinen". Noch aber habe sich keine Wehmut eingestellt. Auch wenn er nachts schon ein paar Mal wachgelegen hat und darüber grübelte, "ob ich das gut verkraften werde".
Dem zünftigen Abschiedsfest mit 250 Gästen, das bereits stattfand, folgt am 24. April der akademische Abschied samt Vorlesung und 600 Personen im Münchner Löwenbräukeller. Danach steht ganz oben auf Eisenmengers Erledigungszettel: "Ich werde testamentarisch verfügen, dass ich seziert werden will. Was ich anderen angetan habe, möchte ich mir auch selbst gönnen."
Auch verfügen will er, wem diese Aufgabe zuteil werden soll. Wer jene Person ist, behält Eisenmenger für sich. "Es ist jemand aus meinem Institut - und den möchte ich überraschen."
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