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29.03.2009
 

Scheidungsschlacht

Eine Familie auf der Flucht vor den Behörden - und dem Vater

Von Sanja Hardinghaus und Maria Gresz

Sie wurde per Haftbefehl gesucht, fälschte Dokumente, schulte ihre Kinder unter falschem Namen ein und wurde nur durch einen Zufall gefasst: Vier Jahre tauchte Katrin Pellner mit ihren zwei Kindern in Deutschland unter. SPIEGEL TV erzählt sie erstmals von ihrem Leben auf der Flucht.

Es ist der 23. Dezember 1999 als Katrin Pellner sich entschließt, ihre bürgerliche Existenz gegen ein Leben in der Illegalität einzutauschen. Kurz zuvor hat die Gerichtsvollzieherin an ihrer Tür geklingelt und die Herausgabe ihrer beiden Kinder verlangt. Mit Mühe gelingt es der jungen Mutter, die Frau abzuwimmeln.

Doch in ein paar Stunden will sie wiederkommen und die zweijährige Stefanie und den vierjährigen Alexander dem Mann zurückbringen, den Katrin Pellner heute nur noch "den Kindsvater" nennt. Wie in Trance packt sie ein paar Taschen, holt ihre Kinder von den Großeltern ab und taucht unter. Einfach so. Ohne Plan. Einen Tag vor Heiligabend.

Wie lange ihre Flucht dauern wird und wie schwer es für alle Beteiligten wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie will nur weg. Weg von dem Mann, der ihr bisheriges Leben in einen Alptraum verwandelt hat.

Als die beiden sich kennenlernen, ist Katrin Mitte zwanzig und nach einem Autounfall und einer monatelangen Krankenhausodyssee dankbar für jede Art von Fürsorge. Norbert R. ist ihr Pfleger in der Reha-Klinik. Nach wenigen Monaten heiraten die beiden und ziehen auf den Hof der Schwiegereltern.

Ein tristes Zuhause mitten in der bayerischen Provinz, fest in der Hand von Norberts übermächtiger Mutter. Katrin fügt sich, bekommt zwei Kinder. Doch schon nach kurzer Zeit entpuppt sich ihr Mann als herrschsüchtiger Unterdrücker.

Immer wieder kommt es zu Streitereien und Handgreiflichkeiten. Vor allem für die Kinder eine unerträgliche Situation. Als nichts mehr geht, kommt es zur Scheidung. Ein Drama, wie es sich in Deutschland hunderttausend Mal im Jahr abspielt.

Doch im Fall Pellner hat das Gericht zudem entschieden, dass das Aufenthaltbestimmungsrecht der Kinder beim Vater bleibt. In Bayern. Für die verzweifelte Mutter ist das die Initialzündung zur Flucht - und das Ende ihrer Existenz als Katrin Pellner.

Von nun an nennt sie sich Katrin Keller. Oder Katrin Lang oder einfach Müller, Meier oder Schulze. Ihr Sohn Alexander heißt jetzt: "Rick"- nach seinem zweiten Vornamen Richard. Aus Tochter Stefanie wird: "Charlie" - angelehnt an ihren zweiten Namen Charlotte.

Vom Frauenhaus in den Wald und dann zu Freunden

Die erste Anlaufstation im Untergrund ist ein Frauenhaus. Danach wohnen sie für eine Weile im Wald, dann wieder bei Bekannten. Anderthalb Jahre taumeln die drei von einem Versteck zum nächsten, immer in der Angst, entdeckt zu werden. Von ihren Eltern weiß Katrin, dass nach ihr gefahndet wird. Ihr Foto ist in allen Polizeicomputern. Die Wohnung der Eltern wird mehrfach durchsucht. Als die Kinder anfangen, Fragen zu stellen, verordnet sie Schweigsamkeit. "Wir durften nie was erzählen ... und krank werden durften wir auch nicht, weil wir nicht zum Arzt gehen konnten", erzählen Stefanie und Alexander später.

Eine Weile ziehen sie noch kreuz und quer durch Deutschland, dann findet Katrin Pellner eine Wohnung in Itzehoe. Angemietet durch einen Strohmann. Doch das Geld ist knapp. Die Miete bekommt sie zwar über Umwege von ihren Eltern. Aber Essen gibt es oft nur aus der Armenspeisung, Kleidung vom Flohmarkt. An manchen Tagen isst sie abends nicht mit, einfach weil nicht genug da ist. Ihren Kindern sagt sie dann: "Ich habe keinen Hunger". Eine von unzähligen Lügen.

Als die Kinder eingeschult werden sollen, geht die zweifache Mutter sogar so weit, die Geburtsurkunden zu fälschen. Niemand bemerkt den Schwindel. Erst als sie 2001 einen neuen Freund kennenlernt und wieder heiraten will, begeht sie einen folgenschweren Fehler: Sie fälscht ihr Scheidungsurteil, trägt Phantasienamen und fiktive Daten ein. Als den Mitarbeitern im Standesamt die Unstimmigkeiten auffallen, ordnen sie eine sogenannte "Personenstandskontrolle" an.

Anfang März 2004 steht die Polizei vor Katrin Pellners Tür. Wenige Stunden später gibt sie ihre wahre Identität preis. Nach vier Jahren, zwei Monaten, 17 Tagen und vier Stunden. Bei ihrer Festnahme ist sie erschöpft, aber auch erleichtert, dass endlich alles vorbei ist.

44 Tage sitzt sie in der Justizvollzugsanstalt Würzburg. Verurteilt wegen "Entziehung von Minderjährigen". Die Kinder bleiben in dieser Zeit bei ihrem neuen Lebensgefährten - eine Rückkehr zum Vater lehnt das Gericht ab. Laut einem Familientherapeuten wäre "ein weiterer Abbruch der Mutter-Kind-Beziehung" den Kindern nicht zuzumuten.

2007 bekommt Katrin Pellner schließlich auch offiziell das Sorgerecht für Stefanie und Alexander zugesprochen. Heute lebt sie irgendwo in Norddeutschland. In einem Einfamilienhaus, mit Einbauküche und Krankenversicherung. Fast wie eine ganz normale Familie.


SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22.05 Uhr, RTL

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