Nairobi - Das Drama um den entführten Kapitän der "Maersk Alabama" droht zu eskalieren. Die Piraten, die gemeinsam mit dem 53-jährigen Richard Phillips in einem Rettungsboot auf dem Meer vor Somalia treiben, haben nach Angaben der Nachrichtenagentur AP Verstärkung herbeigerufen. Vier gekaperte Schiffe mit insgesamt 54 Geiseln verschiedener Länder - darunter auch der Hamburger Frachter "Hansa Stavanger" - seien auf dem Weg zu dem Rettungsboot. Die Piraten wollen die Geiseln demnach als menschliche Schilde benutzen, um sicherzustellen, dass sie von den heranrückenden US-Militärs nicht gefangen genommen oder getötet werden.
"Die Piraten haben Hilfe herbeigerufen", sagte ein nicht namentlich genannter Diplomat in Nairobi der AP. Mutterschiffe und kleinere Boote hätten sich von der Küste aus aufgemacht, um das treibende Rettungsboot mit dem entführten Kapitän zu erreichen. Vier somalische Piraten hatten am Mittwoch das Containerschiff "Maersk Alabama" angegriffen. Nachdem der Überfall 500 Kilometer vor der somalischen Küste misslungen war, brachten sie Phillips in ihre Gewalt und flohen in einem Rettungsboot.
Die US-Marine und die amerikanische Bundespolizei FBI nahmen Verhandlungen mit den Seeräubern auf, die Lösegeld für die Freilassung von Phillips verlangen. Bereits in der Nacht zum Donnerstag war der amerikanische Zerstörer "USS Bainbridge" am Ort des Geschehens eingetroffen. Wie der US-Sender CNN berichtete, sei Phillips in der Nacht zum Freitag ins Meer gesprungen und habe versucht, zur "Bainbridge" zu schwimmen. Die Piraten hätten ihn aber wieder eingefangen. Er sei weiterhin wohlauf.
Vier gekaperte Schiffe unterwegs zum Rettungsboot
Die AP zitierte Mohammed Samaw, einen Bewohner der Piratenhochburg in der somalischen Stadt Eyl, mit den Worten, es seien vier gekaperte Schiffe mit insgesamt 54 Geiseln zu dem Rettungsboot unterwegs. Zwei hätten Eyl am Mittwochnachmittag verlassen. Ein drittes sei von Haradhere, einer weiteren Piratenbasis in Somalia, aus in See gestochen. Das vierte, ein am Montag gekapertes taiwanisches Fischerboot, habe das Rettungsboot inzwischen fast erreicht. Eines der vier Schiffe ist laut Samaw die "Hansa Stavanger". Zur 24-köpfigen Besatzung des Frachters gehören fünf Deutsche.
Die Bundesregierung hatte nach Informationen des SPIEGEL vor, die "Hansa Stavanger" von der GSG 9 stürmen zu lassen. Die Aktion wurde jedoch kurzfristig abgeblasen.
Ein weiterer Mann, der laut AP von drei Bewohnern Haradheres als Pirat identifiziert wurde, habe bestätigt, dass die "Hansa Stavanger" zu dem Rettungsboot unterwegs ist. "Sie haben uns um Verstärkung gebeten, und wir haben eine Anzahl gut ausgerüsteter Kollegen losgeschickt, die ein deutsches Frachtschiff in ihrem Besitz haben", sagte der Pirat, der nur seinen Vornamen Badow verraten habe. Man habe nicht vor, dem amerikanischen Kapitän etwas anzutun. "Deshalb hoffen wir, dass unsere Kollegen nicht verletzt werden, solange sie ihn festhalten", so der Seeräuber. Man brauche einen sicheren Fluchtweg und wolle Phillips mitnehmen. "Später können wir dann über Lösegeld verhandeln."
Ob es dazu kommt, ist allerdings offen. Derzeit sieht es so aus, als könne es zu einer dramatischen Situation auf See kommen. Denn die USA haben angekündigt, weitere Kriegsschiffe in die Region zu entsenden. General David Petraeus, der US-Kommandeur für den Nahen und Mittleren Osten, kündigte an, die amerikanische Militärpräsenz am Horn von Afrika binnen 48 Stunden zu verstärken. Ziel sei es, "alle Möglichkeiten zur Verfügung zu haben, die in den nächsten Tagen nötig sein könnten", sagte er nach Angaben der "Washington Post".
Flugzeugträger ans Horn von Afrika?
Nach Angaben von US-Beamten befinde sich die Lenkwaffenfregatte "USS Halyburton" unter den zusätzlich entsandten Schiffen. Petraeus hatte allerdings angekündigt, mehr als nur ein Schiff zu entsenden - ohne zu verraten, wie viele es genau sein werden.
Möglicherweise wird sogar die Kampfgruppe um den Flugzeugträger "USS John C. Stennis" ans Horn von Afrika verlegt. Der Verband war Mitte Januar in Richtung Persischer Golf ausgelaufen, um die Operationen "Enduring Freedom" und "Iraqi Freedom" zu unterstützen. Die Mission beinhaltet ausdrücklich auch die Bereitschaft, am Horn von Afrika einzugreifen. Wie die "Navy Times" zudem berichtete, hat die "John C. Stennis" zwei Geschwader von Hubschraubern des Typs MH-60 Seahawk an Bord - und nicht wie üblich nur ein Geschwader. Zu den Aufgaben der schwer bewaffneten Helikopter gehörten unter anderem die Bekämpfung schwimmender Ziele und die Unterstützung von Spezialeinheiten. Damit wäre die "John C. Stennis" gut gerüstet für die Piratenbekämpfung auf See und an Land.
Das "Romeo"-Geschwader sei mit leistungsstarken Sensoren bestückt. "Wir dagegen haben mehr Waffen, mehr Raketen, mehr Geschütze", sagte Michael Ruth, Kommandant des "Sierra"-Geschwaders an Bord der "John C. Stennis", der "Navy Times". Die Hubschrauber besäßen gepanzerte Böden, schwere Maschinengewehre und "Hellfire"-Raketen.
Zur Bekämpfung von Piraten müssten beide Geschwader zusammenarbeiten, so Ruth. "Eines der größten Probleme ist, die Piraten zu identifizieren." Das "Romeo"-Geschwader sei bestens dafür geeignet. "Sie senden uns die Position, und wir haben die Feuerkraft und die Truppen, um nachts diese Schiffe anzugreifen."
Eine Attacke auf die Piraten wäre eine Wende in der Haltung der USA gegenüber der Piraterie am Horn von Afrika. In den vergangenen Jahren hielten sich die amerikanischen Streitkräfte eher zurück - und das nicht nur wegen der potentiellen Gefahr für die Geiseln, sondern auch, weil die flächendeckende Kontrolle eines so großen Seegebiets enorm aufwendig und teuer wäre. Der Betrieb einer Flugzeugträger-Kampfgruppe etwa kostet mehr als eine Million Dollar pro Tag. Die "Carrier Strike Group 3" umfasst neben der "John C. Stennis" vier Zerstörer, zwei Fregatten, einen Kreuzer, ein Versorgungsschiff und neun Luftgeschwader.
Da mit Richard Phillips nun ein US-Bürger im Mittelpunkt einer Geiselnahme steht, dürfte es dem Pentagon schwerfallen, überhaupt nichts zu unternehmen.
Wie man eine Geiselnahme auf hoher See bewältigen soll, ist offenbar auch den Militärs nicht vollkommen klar. "Der Versuch einer Geiselbefreiung wäre etwas völlig anderes, als einen Akt der Piraterie zu verhindern", sagte Konteradmiral Ted Branch im Februar bei einer Anhörung des US-Kongresses. "Man erhöht mit Sicherheit das Risiko für die Besatzungsmitglieder." Deshalb habe man sich bisher nicht darum gerissen, solche Einsätze durchzuführen.
Auch Peter Chalk von der Rand Corporation rät von gewaltsamen Geiselbefreiungen ab. Stattdessen solle man besser die Piratenstützpunkte an Land angreifen. Die derzeit laufende Entsendung zusätzlicher Kriegsschiffe hält er für das falsche Vorgehen. "Damit haben wir zur Eskalation beigetragen", sagte Chalk dem "Wall Street Journal". Allerdings räumte er ein, dass die US-Regierung angesichts des öffentlichen und politischen Drucks kaum eine andere Wahl gehabt habe.
mbe/AP/dpa
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